fudder-Interview

Homeoffice: Wie Corona die Arbeitswelt verändert

Anika Maldacker

Seit dem Frühjahr arbeiten viele Menschen im Home Office, bei vielen ändert sich das auch vorerst nicht. Professorin Anja Göritz an der Uni Freiburg forscht zum Home Office und erklärt im fudder-Interview, auf was man beim Home Office achten muss.

Frau Göritz, haben Sie im Frühjahr auch im Home Office gearbeitet und wenn ja, wie war es?

Ich habe zu Beginn der Corona-Krise von Zuhause gearbeitet. Das waren allerdings nur ein paar Wochen und das auch nicht ausschließlich. Ich habe den Vorteil, dass mein Arbeitsplatz nahe an meiner Privatwohnung liegt. Ich bevorzuge die räumliche Trennung von Arbeit und Privatleben.

Was haben Sie am Home Office geschätzt?

Ich finde man kommt schnell rein. Die ersten Tage waren ziemlich chaotisch. Dann ging es aber ganz gut. Wenn Home Office nur eine vorübergehende Sache ist, berücksichtigt man ergonomische Aspekte nicht. Problematisch war bei Vielen während des Lockdowns, dass sie zu Hause keinen abgeschlossenen Bereich zum Arbeiten hatten. Es waren oft auch andere Mitglieder der Familie in der Wohnung. Das lenkt ab.

Was sehen Sie kritisch am Home Office?

Nein, ich sehe es unterm Strich nicht als kritisch. Es kommt darauf an, welche Bedingungen man hat und wie man selber ist, wie man mit dieser Freiheit umgeht. Es kann aber schwierig sein, Grenzen zu ziehen, beispielsweise was die Arbeitszeit angeht. Oder auch was die Rollen angeht. Zuhause hat man oft mehrere Rollen: Partner oder Partnerin, Elternteil, Privatperson. Wenn dann noch die Arbeitsrolle dazu kommt, kann das mitunter schwierig zu vereinbaren werden.

Sie forschen zum Home Office. Was erforschen Sie derzeit?

Mein Mitarbeiter und ich haben einen Forschungsantrag bei einem Forschungsförderer gestellt. Wir wollen das Thema Home Office in einer Langzeitstudie erforschen. Bisher gibt es wenig Langzeitforschung dazu. Dies ist aber wichtig, um die Langzeitauswirkungen des Home Office erforschen zu können. Wir wollen außerdem eine Intervention ausarbeiten. Also eine Art Training, das Personen durchlaufen können, die im Home Office arbeiten und bei dem sie Tipps bekommen, wie man gut und gesund im Home Office arbeitet. Wir wollen dann zwei verschiedene Gruppen, eine mit Intervention und eine Wartegruppe, miteinander vergleichen – und schauen, ob dieses Training effektiv ist.

Wie lange wird die Studie dauern?

Vermutlich ein Jahr, aber das hängt auch davon ab, wie viel Geld wir bekommen. Aber es soll auf jeden Fall länger dauern, als es bisher in der Forschung angeschaut wurde. Dafür bräuchten wir einige Hundert Teilnehmerinnen und Teilnehmer.
Zur Person:

Anja Göritz ist Professorin für Wirtschaftspsychologie und Abteilungsleiterin der Wirtschaftspsychologie am Institut für Psychologie der Uni Freiburg.

Was wollen Sie bei dieser Studie herausfinden?

Bisher gibt es fast nur Querschnittstudien, bei denen Home-Office-Arbeitende mit Büro-Arbeitenden hinsichtlich Zufriedenheit und Leistungserbringung verglichen werden. Diese Studien fanden dann nur zu einem Zeitpunkt statt. Es macht aber einen Unterschied, wie lange ich schon im Home Office arbeite, ob mein Arbeitsplatz ergonomisch eingerichtet ist usw. Für uns stellt sich die Frage, ob das Home Office produktiver macht. Oder ist es eher so, dass gerade die Arbeitnehmer, die verlässlich und effektiv sind, ins Home Office geschickt werden. Es ist auch denkbar, dass es beides gibt, also dass Home Office produktiver macht, aber auch solche Personen häufiger im Home Office arbeiten, die ohnehin schon produktiv sind.

Seit März befinden sich viele Menschen im Home Office. Gibt es in der Forschung schon erste Erkenntnisse nach diesem großen, flächendeckend verordneten Lockdown?

Leider nichts Belastbares, da die Forschung träger ist, als die raschen, aktuellen Änderungen. Das dauert eher ein bis zwei Jahre, bis die Forschungslage aussagekräftig ist. Was man allerdings sagen kann: Die Corona-Krise ist ein Wendepunkt bei der Durchsetzung des Home Office. Das ist eine Arbeitsform, die sicher nicht mehr verschwinden wird, sondern eher zunehmen.

Glauben Sie, dass sich unser Verhältnis zum Job ändern wird?

Es ändern sich die Sozialkontakte bei der Arbeit, sei es im formellen Bereich, also in Sitzungen, oder im informellen Bereich, beispielsweise in der Kaffeküche. Wenn man dauerhaft im Home Office ist, kann eine breite Stütze wegbrechen und das zur Vereinsamung führen.

Wie sehen Sie das vom Arbeitsminister geforderte Recht auf Home Office?

In manchen Bereichen geht das natürlich nicht, weil beispielsweise im Unternehmen teure Maschinen stehen, die bedient werden müssen oder Kunden in bestimmte Räume kommen müssen. Wenn es geht, kann es für beide Seite Vorteile bringen – besonders wenn das Home Office durch ein Training, wie wir es planen, unterstützt wird. Wenn das Home Office breiter kommt, werden sich auch die Personalabteilungen in den Unternehmen darauf einstellen müssen.

Auf was sollte man achten, wenn man im Home Office arbeiten möchte?

Es kommt darauf an, ob das Home Office eine Episode ist oder länger dauern soll. Es ist wichtig, regelmäßig Pausen zu machen und auf die Ergonomie seines Arbeitsplatzes zu achten. Wichtig ist auch, den Rollenstress zu vermeiden, sich feste Arbeitszeiten zu setzen und diese an die Angehörigen zu kommunizieren. Sich in einen Raum setzen, wo man wenig abgelenkt wird und gut arbeiten kann. Es wäre auch gut, in der Freizeit auch freie Zeit zu haben, und nicht zu arbeiten, damit man abschalten kann.
Info:

Anja Göritz sucht noch Teilnehmer für die Langzeitstudie. Wer Interesse hat, kann sich an dieser Stelle melden: www.wisopanel.net