Hoch oben, auf dem Drahtseil: Der Künstler Jan 'Sosein' Carl

Sebastian Heilemann

Mal schmückt seine Kunst die Wiwili-Brücke, mal die Wände einer Arzt-Praxis in der Freiburger Innenstadt. Jan 'Sosein' Carl spielt gerne mit seiner Umgebung und stellt den etablierten Kunstbetrieb infrage. Ein Porträt:



Wenn das Leben ein Drahtseilakt ist, dann ist Sosein ein Drahtseilkünstler. Er steht hoch oben auf seinem Seil, schaut hinab auf die Welt und hat einen ganz eigenen Blick auf die Dinge. Dort oben ist er frei. Doch um sich in der luftigen Höhe zu halten, benötigt er Gleichgewicht.

Künstler, Street-Artist, Comiczeichner, Illustrator und Gesellschaftsaufrüttler. Sosein auf seiner Website über sich selbst: „Soseins Striche zeichnen ein klares Bild, jedoch seltener eine klare Aussage.“ Hinter dem Namen verbirgt sich der 41-jährige Jan Carl. Aufgewachsen in Offenburg, Studium der Mathematik und Kunst an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg. Seine Kunst gesehen haben in Freiburg schon viele. Denn sie ist nicht an Papier oder Leinwand gebunden, sondern schmückt auch schon mal die Wiwili-Brücke.

Er spielt gerne mit seiner Umgebung

Vernissagen seiner Ausstellungen sind keine schnieken Sektschlürfveranstaltungen, auf denen man sich mit Küsschen links, Küsschen rechts begrüßt. Nein, bei ihm ist alles ein bisschen anders.

Sosein. Eine seiner gegenwärtigen Ausstellung verteilt sich beispielsweise an den Wänden einer Freiburger Arztpraxis. Bei der Vernissage nahm man sich einfach ein Bild von der Wand, Sosein schloss die Augen und streckte die Hand mit der Fläche nach oben aus. Man bezahlte, indem man ihm das Geld in die Hand legte, das man bereit war, für das Bild zu zahlen. Sosein machte eine Faust und steckte das Geld in seine Tasche - ohne zu wissen wie viel es war.



Er spielt gerne mit seiner Umgebung. Das wird nicht nur deutlich, wenn er mal wieder Kunst an der Wiwilibrücke macht, sondern auch wenn er erzählt, wie er am Schreibtisch des Arztes sitzt und das Gespräch mit dem potentiellen Käufer wie eine Arzt-Patienten-Situation nachempfindet. „Da ist ein natürlicher Respekt gegeben“, sagt er. Eine Abwechslung zum Blick der Leute auf sein Künstlerdasein, die ihn auch schon mal als Spinner bezeichnen.

Sosein. Im Gegensatz zur ärztlichen Diagnose bekäme der 'Patient' bei ihm etwas Handfestes. 'Communicaxion', der Titel seiner Austellung in der Praxis, ist nicht nur die Überschrift für seine Zeichnungen, sondern auch für ein Gesamtkonzept, bei dem der Besucher Teil des Ganzen wird. Denn: Wenn der Besucher ein Bild kauft und so eine Lücke an der Wand schafft, muss diese Lücke zusammen mit Sosein wieder gefüllt werden. Der 'Patient' gibt Sosein vor, was er zeichnen soll und wird so Teil der Ausstellung.

„Wenn ich in Freiburg als Künstler schnellen Erfolg haben möchte, müsste ich mich schon hochschlafen“, sagt Sosein. Er sitzt im Café Sedan im Sedanviertel. Hier kennt man ihn, hier fühlt er sich wohl. „Durch das Nichtstun sehen die Leute mich und meine Idee aber besser.“ Sosein spricht über Galeristen, die 70 Prozent des Kaufpreises eines Bildes in die eigene Tasche stecken und damit die Wertigkeit der Kunst verzerren. Denn schließlich würden diese 70 Prozent ja auf den eigentlichen Preis aufgeschlagen. Und die Frage, was Kunst ist und welchen Wert sie hat, lässt ihn nicht los. „Was Kunst ist, weiß ich auch nicht so genau. Ich weiß nur, dass ich welche mache.“

Die Botschaft seiner Kunst: Kunst!

Sosein zeigt auf ein Auto. „Jeder kann behaupten, dass das Kunst sei. Und wenn ich es besitzen will, geh' ich in ein Autohaus. Dort wird dir ein Preis genannt. Das ist nicht schwer, denn der setzt sich ja zusammen aus Materialkosten, Arbeit plus Gewinn für den Verkäufer - den er braucht, um lässige Poolpartys zu schmeißen.“ Mit Kunst ginge das natürlich genauso. Material für die Bilder plus Arbeitszeit.

Es ist natürlich absurd, den Wert eines Kunstwerks so zu bemessen - allein schon, weil ein Kunstwerk auch über individuellen, ideellen Wert verfügt. Und auf genau diesen setzt Sosein mit seinem „Zahl was du willst“-Konzept. Ein Konzept, das für ihn auch allgemein sinnvoll wäre: Jeder gibt, was er kann.



Sosein. Ein Künstler, der nicht einfach in seiner eigenen Welt vor sich hin lebt, sondern versucht, seinen ganz eigenen Weg über das Drahtseil des Lebens zu finden. Schwindelig wird ihm dabei nicht, er resigniert eher beim Gedanken, wie er dabei von Weitem aussehen könnte. Er ist eben nicht einfach nur da, sondern er ist einfach so. Sosein! Darauf legt er Wert.

Wenn Sosein durch Freiburg läuft, schweift sein Blick über die Häuserfassaden. „Hier, die Glasfassade vom Cinemaxx wäre super, um da was zu machen. Aber bis das klappt, habe ich die Idee schon wieder verworfen.“ Ein Freigeist, der sich arrangiert hat - arrangiert mit den Grenzen um ihn herum, aber dennoch wartend auf eine stille Revolution. Die Botschaft seiner Kunst: Kunst! Es geht nicht darum, sie zu verstehen, sondern darum, überhaupt mit dem Nachdenken anzufangen.

In der Arztpraxis ist Sosein auch selbst Patient. Er begrüßt die Arzthelferin, plaudert mit ihr. Sosein wirkt nervös, fährt sich durch den vollen Bart. Sie sprechen über die Vernissage und den Arzt. Und plötzlich scheint Sosein sich in Jan zu verwandeln - den Zerbrechlichen, den Diabetiker, den Sohn eines Schreiners. Der als Sosein in der Kunst einen Halt gefunden hat - hoch oben, auf dem Drahtseil, mit einem ganz eigenen Blick auf die Dinge.

Mehr dazu:

[Bilder 1 und 3: Florian Forsbach; Bild 2: Privat]  

Fotogalerie: Jan Sosein Carl

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