fudder-Interview

Hip-Hop-Band Bottom Lip über Freiburg: Schuhläden öffnen, Clubs schließen

Stefan Mertlik

Mit kalifornischer Leichtigkeit begegnen die Hip-Hopper von Bottom Lip der Freiburger Kulturflaute. Im Interview verrät das Trio um den englischsprachigen Rapper Theodore Von, was es sich von der Stadt wünscht.

Mit ihrem Hip-Hop bringen Bottom Lip kalifornische Vibes nach Freiburg. Statt auf Synthesizer und Stroboskop-Hi-Hats setzt die Band auf warme Samples und englischsprachige Raps. Das Trio besteht aus dem Rapper Theodore Von sowie den Produzenten Jan Faati und YellowCookies. In Freiburgs Musikszene sind die drei keine Unbekannten.


Theodore Von treibt sich als Solokünstler auf Konzertbühnen und Freestyle-Battles herum. Jan Faati gehört zur Reggae-Band Dub Tub. YellowCookies bastelt die Beats beim Hip-Hop-Duo Manfred Groove. Nach der "Yes Please"- EP von 2018 wollen Bottom Lip dieses Jahr wieder angreifen. Seit April veröffentlichen sie jeden Monat einen neuen Song über Rummelplatzmusik. Fudder haben sie verraten, wie ihre Songs entstehen, was sie über Freiburgs Clubsterben denken und worin sich Baden von Kalifornien unterscheidet.

Wenn ich im Urban Dictonary nachschlage, erhalte ich eine recht explizite Beschreibung davon, was "Bottom Lip" bedeutet.

Theo: Da haben wir noch nie nachgesehen. Egal wo du nach "Bottom Lip" suchst, du findest immer etwas Komisches. Bei TikTok erscheinen zum Beispiel Schmink-Tutorials. "Bottom Lip" verbindet für uns Enttäuschung und Sinnlichkeit. Bei einem Kuss sind die Unterlippen das erste, das sich berührt. Die Unterlippe symbolisiert aber auch den Schmollmund. Aber ja, es gibt sicherlich auch sexuelle Aktivitäten, bei denen die Unterlippe zum Einsatz kommt.



Theo, 2016 bist du aus den USA nach Freiburg gezogen und hast mit Martin (YellowCookies) und Jan (Faati) begonnen Musik aufzunehmen. Weshalb bist du nach Deutschland gekommen?

Theo: Ich habe Jan vor zehn Jahren auf einem Konzert in Rottweil getroffen. Damals arbeitete ich noch als Kindererzieher in Todtnauberg. Wir begannen zusammen Musik zu machen. Anderthalb Jahre später kehrte ich wieder in die USA zurück. Ich komme ursprünglich aus Kalifornien, was eine sehr liberale Blase ist. Ich habe dann aber für vier Jahre im Süden gelebt und dabei realisiert, dass ich nicht länger in diesem Land sein möchte. Der Süden ist sehr offen rassistisch. Ich hatte einige unschöne Erlebnisse. 2014 war ich noch einmal zu Besuch in Deutschland und lernte Martin kennen. Danach haben wir jeden Tag telefoniert. Martin hat mich ständig gefragt, wann ich nach Deutschland komme, um ein Album aufzunehmen. Also habe ich meinen VW Beetle und VW Bus verkauft und bin 2016 für die Musik nach Deutschland gezogen. Es war eine Kombination aus Karriereentscheidung und politischer Flucht (lacht).

Martin, du produzierst für die deutschsprachige Rap-Band Manfred Groove. Wie fühlt es sich an, die Crew mit einem Ami-Rapper zu teilen?

YellowCookies: Egal wie gut Blumentopf oder Samy Deluxe waren, es fühlt sich immer anders an, wenn man Ami-Rap hört. Manfred Groove finde ich textlich super spannend, aber das Feeling ist natürlich ein anderes, wenn ich Theo einen Beat gebe. Wenn wir etwas zusammen entwickeln, bin ich wieder mit meinem 14-jährigen Ich verbunden, das skatet und sich Swollen Members reinzieht.



Und welche Unterschiede siehst du, Theo, wenn du Martin und Jan mit Produzenten aus deiner alten Heimat vergleichst?

Theo: In Deutschland sagen die Leute zuerst, was sie nicht mögen. In den USA ist es umgekehrt. Mein Vater ist aus Wuppertal. Dadurch bin ich mit der deutschen Lebensart vertraut. In den USA geht es teilweise sehr chaotisch zu. Bei Konzerten tauchen Bands schon mal ohne ihre Instrumentals auf. Sowas würde hier nicht passieren, da ein gewisses Level an Professionalität besteht. Mit Dingen wie Pünktlichkeit muss auch ich noch kämpfen. Andererseits ist es hier oft distanziert. Man hält immer Abstand und erzählt auf der Arbeit nichts Privates. Aber ich mag diese ernste Seite. Mir fehlt eigentlich nur das Meer.

YellowCookies: Mit Baden ist Theo aber auch in einem sehr speziellen Teil von Deutschland gelandet. Mir als Kölner fällt das auch immer wieder auf. Mit meiner direkten, frechen Art stoße ich Leuten oft vor den Kopf, obwohl ich das gar nicht möchte.

Wie sieht denn der konkrete Arbeitsprozess bei euch aus?

YellowCookies: Meistens triggert man Theo mit einem Loop. Der Beat muss zu diesem Zeitpunkt gar nicht fertig sein. Im Idealfall kriegen wir den Song innerhalb einer Woche fertig. Aber bei vielen Liedern gehen wir auch drei- oder viermal ran.
Theo: Martin und Jan sind wie Phantombildzeichner. Du beschreibst ihnen, was du brauchst und sie geben dir das perfekte Bild. Es gibt auch Ideen von früher, die wir erst später übernehmen. Die Ansätze sind ganz unterschiedlich. Wir verwenden demnächst auch eine Akkordfolge, die ich auf der Gitarre geschrieben habe.



In der Presseinfo heißt es: "Kalifornische Leichtigkeit trifft auf oldschoolige Vibes." Welchen Einfluss hat Freiburg auf eure Musik?

Theo: Ich schäme mich für meine Stadt. Den Szene-Läden, in denen man auftreten könnte, werden die Lizenzen weggenommen. Alles verschwindet. Und trotzdem ist Freiburg so stolz darauf, eine Kulturstadt zu sein. Die Situation für die Straßenmusiker wurde verbessert. Das ist schon mal was. Es gibt aber trotzdem viele Maler und zu wenige Plätze, um Bilder zu zeichnen.
Jan: Vor 15 Jahren hatten wir unsere Szene-Clubs und Ranzschuppen noch. Läden wie 18 Months, Nachtschicht, Glamour und Exit mussten mittlerweile schließen. An deren Stelle ist der Einzelhandel eingezogen. Auch Bands fliegen reihenweise aus ihren Proberäumen. Der letzte Club, in dem noch alles passieren kann, ist das ArTik.
Theo: Um deine Frage konkret zu beantworten: Das Geld siegt. Konzerträume werden geschlossen und immer mehr Schuhläden geöffnet. Es gibt über 23 Schuhläden im Zentrum von Freiburg. Ich habe die Geschäfte selbst gezählt, weil es mich so ärgert. Die Stadt muss reagieren, bevor es zu spät ist.