Neu im Kino

"Hinterland" zeigt düstere Schatten und stürzende Linien

epd

Ein traumatisierter Polizeikommissar kehrt einige Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs aus russischer Gefangenschaft nach Wien zurück. Dort stößt er auf Verlierer und Gewinner der Gesellschaft.

Die Parallelen zwischen der Weimarer Republik und unseren 2020er-Jahren sind im öffentlichen Bewusstsein schon seit längerem verankert: die unsicheren politischen Konstellationen, Finanzkrise, das Erstarken rechtsnationaler Parteien, die Fragen zur Haltung, die man persönlich dazu einnimmt. Andererseits aber auch die Sehnsucht nach Vergnügen, der Tanz auf dem Vulkan, die letzte Zeit der Unschuld, bevor alles kippt und etwas Neues entsteht, Tanz, Rausch, Drogen, die Abgründe von Sex und Gewalt. Nach "Babylon Berlin" und Dominik Grafs Kästner-Verfilmung "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" schlägt nun auch Stefan Ruzowitzky eine Brücke zwischen den Zeiten, zunächst vor allem auf der formalen Ebene, inspiriert von den Welten, die Filmemacher und Maler unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges erschaffen haben.

Als wär’s ein Film von Robert Wiene oder Paul Wegener, stürzen auch bei ihm die Linien und kippen die Bauten. Zusätzlich angereichert ist der Look mit einer Prise von Carol Reeds Wien-Thriller "Der dritte Mann". In einer Art digitalem Mimikry hat Ruzowitzky den Stil expressionistischer Meisterwerke wie "Das Cabinet des Dr. Caligari" assimiliert.



Das Wien, in das Peter Perg und eine kleine Schar von Soldaten nach zwei Jahren russischer Kriegsgefangenschaft Anfang der Zwanzigerjahre zurückkehren, ist eine Kulissenstadt, die komplett im Computer entstanden ist. Die Macher haben die vertraute Stadt als alptraumhaft verzerrte Version ihrer selbst neu zusammengesetzt. Das Ergebnis ist zugleich sehr bühnenhaft künstlich, aber auch faszinierend sinnlich, historisch im Ersten Weltkrieg verwurzelt und zeitlos jeden Krieg betreffend.

Ein enormes Gewicht lastet auf den Männern, förmlich erdrückt werden sie von düsteren Schatten und stürzenden Linien, die ganze Welt wirkt wie eine finstere Gasse, über der die Häuser einzubrechen drohen. Es ist, als hätten der Ruß der Kanonen und der Staub der Trümmer die Primärfarben verschluckt, alles eingeschwärzt und in schummrig schwefeliges Licht getaucht. Die Welt ist aus den Fugen geraten, der Kaiser, für den die Männer in den Krieg gezogen sind, hat abgedankt, die neue Ordnung der Republik mit ihren fremden Fahnen ist noch nicht stabil.

Leiche von 19 Pflöcken durchbohrt

Alles ist fremd, und niemand will an den Krieg erinnert werden, der den versehrten Männern noch in den Knochen steckt. Kaum sind sie angekommen, beginnt eine grausige Mordserie. Die Leiche eines Kameraden wird von 19 Pflöcken durchbohrt an einen Zaun gekreuzigt gefunden. Perg (Murathan Muslu) steht unter Verdacht und beginnt zugleich, seinen Vorkriegsjob als Kommissar wieder aufzunehmen. Bald taucht eine weitere Leiche auf, ihr sind insgesamt 19 Finger und Zehen abgetrennt. Und schließlich einer, dessen Unterkörper in einem Käfig von 19 Ratten zerfressen wurde.

Die irre Gewalttätigkeit dieser Verbrechen hat viel mit dem Wahnsinn zu tun, der aus dem Krieg herüberschwappt, Ausdruck einer fundamentalen Zerrüttung und Verrohung. Es sind die Monstren des Kampfes, die durch Wien geistern, durch Kanalsysteme, Keller und Katakomben, Gassen und Kirchtürme. Virtuos verzahnt der österreichische Filmemacher und Oscar-Preisträger ("Die Fälscher", 2008) Ruzowitzky das reale Kriegsdrama mit dem fiktiven Horror-Thriller-Noir, die Rückkehr der Soldaten mit einem Serienmörder-Krimi.

Die Zahl 19 muss eine Rolle spielen in diesem Fall, entdeckt die junge Gerichtsmedizinerin Dr. Theresa Körner (Liv Lisa Fries), die in dieser düsteren Welt die Einzige ist, die Weiß trägt, einen schicken, langen Mantel mit großen Knöpfen. Sie steht für den Wandel der Zeiten, den man auch als Chance begreifen kann. "Hinterland" (Regie: Stefan Ruzowitzky) läuft in Freiburg. Ab 16.