Outdoorsport

Highline in Freiburg: Spannung in 40 Meter Höhe

David Pister

Highline ist eine Sportart, die dem Seiltanzen ähnelt: in hoher Höhe begeben sich Robin Reder und Tobias Lieb aus Freiburg regelmäßig auf die Slackline, auch bei Minusgraden. Unser Autor war mit den beiden im Wald unterwegs.

Es ist still im Schwarzwald bei Kappel. Die Sonne scheint durch die schneebedeckten Baumwipfel. Tee wird herumgereicht. Es ist kalt – unter null Grad. "Ausatmen und einfach loslaufen". Die Rede ist von einer 160 Meter langen Slackline, die über ein kleines Tal gespannt ist. Ab der Hälfte liegt die Line in der Sonne. Da wünscht man sich hin. Dort ist aber auch der größte Abstand zum Boden – etwa 40 Meter.


Slacklines kennt man, wenn man in Freiburg lebt. Am Seepark oder an der Dreisam sieht man vor allem im Sommer Menschen auf Seilen balancieren. Highlinen ist slacklinen in großer Höhe und über eine weite Distanz. Eine Sportart, die sich zurzeit rasant entwickelt. Auch in Freiburg gibt es Fans der Outdoorsportart. "So etwas Banales wie über eine Schnur zu laufen verbindet Menschen", sagt Tobias Lieb. Etwa zwölf Hartgesottene zählt die Community, die selbst bei Minusgraden und Schnee über die Line balancieren – barfuß selbstverständlich.

Bei jedem Wetter, bei jeder Temperatur

Der 24-jährige Philosophiestudent ist einer von ihnen. Zusammen mit Robin Reder wohnt er in einer WG in Kappel. Die Beiden gehen jeden Tag auf die Line, bei jedem Wetter, bei jeder Temperatur.
"Morgens ist das perfekt, um den Kopf für die Uni frei zu kriegen", erklärt Tobias Lieb. Die psychische Komponente sei bei der Konfrontation mit einer so krassen Höhe immens, so Robin Reder. Das Austesten von der eigenen Komfortzone könne auch mit in den Alltag genommen werden. "Ein unangenehmes Gespräch oder andere Drucksituationen kann man, nachdem man auf der Highline war, besser meistern", sagt Robin Reder. Gefährlich sei die Sportart nicht, vergewissern die beiden Slacker. "Salopp gesagt, ist Slacklinen im Park sogar gefährlicher, weil man sich dort den Fuß umknicken kann, hier nicht", äußert ein Highlinekollege. Außerdem sei das Sicherungssystem komplett redundant. Doppelt hält besser. Nicht sprichwörtlich, sondern im wahrsten Sinne des Wortes. Unter der Line auf der man läuft, ist ein Backupseil über die ganze Länge gespannt. Mit einem Klettergurt ist man an beiden Seilen gesichert. "Manchmal denke ich mir das Fahrradfahren zurück nach Hause ist gefährlicher", sagt Tobias Lieb mit einem Schmunzeln.

Vereinsgründung in Planung

Doch wie sieht es mit dem Umweltschutz aus? Sind die Bäume nicht enormer Belastung ausgesetzt? "Wir sind ja auch Ökofritze und Hippies", sagt Robin Reder und zeigt auf einen Baumschutz, der die Belastung auf die Bäume minimieren soll. Das Erleben von Natur und Bewegung im Schwarzwald stehe im Vordergrund. Die Highline-Community ist im Gespräch mit dem Förster und dem Pächter des Waldstücks, auf der die Line installiert ist. Sie suche den offenen Dialog mit der Stadt und wollen niemandem auf den Schlips treten.

Deswegen wollen sie einen Verein gründen. Robin Reder war bis vor Kurzem noch Vorstand des Konstanzer Slacklinevereins. Die Vereinsgründung soll die nächsten Wochen richtig Fahrt aufnehmen. Versicherung und offizielle Genehmigungen werden angestrebt.

"Manchmal flowt’s einfach." Robin Reder
Im Moment verabredet sich die Highline-Community hauptsächlich über Whatsapp-, Telegram-, oder Facebookgruppen. Ein Verein würde auch neue Menschen erreichen und von der Sportart begeistern. Anfängerinnen und Anfänger sind willkommen! "Der Sport ist null kompetitiv. Man fühlt mit, weil man weiß, dass man in derselben Position war", sagt Robin Reder. Seine Position ist mitten auf dem Seil. Beim Durchlaufen der 160 Meter langen Line stürzt er nur einmal auf dem Hinweg ab. Zum Glück da, wo die Sonne steht. Mit dem Gesicht in die Sonne gereckt, hängt er sich kurz in seinen Gurt. Dann zieht er sich hoch, atmet durch und schwingt sich mit einer flüssigen Bewegung auf die Highline.

Die Hände wedeln mal links, mal rechts – kurz innehalten und einen Schritt vor den anderen setzen. "Manchmal flowt’s einfach", sagt Robin Reder mit fettem Grinsen im Gesicht, als er zurückkommt.
Bevor Tobias Lieb auf die Line geht, muss seine Kappe "geleashed" werden. Heißt: Gegen den Absturz sichern. Mit einem dünnen Seil bindet er die Kappe an seinen Klettergurt. "Schon kalt heute", stellt er fest, als er die dicken Wanderschuhe auszieht. Doch nach einigen Metern auf der Line, scheint die Kälte vergessen.

In Kolumbien haben die Beiden sich kennengelernt. Robin Reder habe Tobias Lieb die Highline schmackhaft gemacht. Noch bevor Tobias Lieb auf einer Slackline stand, versucht er seine ersten Schritte in schwindelerregender Höhe.

Wer also im Schwarzwald umherstreift, kann Auerhähne, Eichhörnchen, Rehe und Hirsche erblicken. Doch eine weitere Spezies wurde gesichtet. Nicht so scheu wie die Erstgenannten, sind die Highliner meist in kleinen Rudeln oder paarweise anzutreffen, die im Fachjargon Communities genannt werden. Ihr Tanz über das Seil sieht atemberaubend aus. Manchmal hört man Ausrufe der Freude aus den Baumwipfeln. Keine Angst! Sie sind ungefährlich und teilen begeistert ihre Sportart. Wer Lust bekommen hat, kann sich bei Tobias Lieb melden: tob.lieb@web.de.

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