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Heimaturlaub: Eine Ode ans Freibad

Maria-Xenia Hardt

Ab morgen, Mittwoch, macht zumindest das Strandbad – wenn auch eingeschränkt – wieder auf. Ein normaler Freibad-Sommer wird 2020 trotzdem nicht. Eine sehnsuchtsvolle Ode an Chlorwasser, Rutschen und Capri-Eis.

Prelude

36 Grad und es wird noch heißer, der Schweiß geht auch bei Stillstand in Sturzbächen runter, das Kopfsteinpflaster glüht, die Menschen scheinen sich langsamer zu bewegen und die Schlange vor der Eisdiele reicht gefühlt bis zum Horizont. Es ist Juni / Juli / August in Freiburg und eigentlich gibt es nur einen Ort, an dem man jetzt gerne wäre: das Freibad.

Strophe 1: Große Liebe

Das Freibad war der erste Ort, an dem man sich am Übergang zwischen Kindheit und Jugend frei bewegen durfte. "Wo geht ihr hin?", fragt das Elternteil. "Ins Freibad", antwortet man. "Okay." Da ist er, ein Nachmittag, ein endloser, wunderbar leerer Nachmittag, an dem die einzige Aufsichtsperson der Bademeister ist, an dem man über die eigene Zeit schalten und walten kann, wie man möchte. Und da ist er, der Anfang einer großen saisonalen Liebe, jedes Jahr auf’s neue.

Strophe 2: Wochenende

Normalerweise, im Juni, liegt zwischen mir und einem Sommer voller Schwimmen, Sonne, Lesen im Schatten, Tischtennis und Softeis nur der Erwerb einer Saisonkarte – ein handliches Ticket zu großer Freiheit und Sommerfreude, Urlaub direkt um die Ecke, jederzeit abrufbar. Da kann man dann am Wochenende den ganzen Tag im Strandbad verbringen, allein oder mit Freunden und jeder kann trotzdem sein eigenes Ding machen. Es riecht nach Pommes und Chlor und Sonnencreme, das Gras ist überall schon ausgedünnt und platt gelegen und abends, wenn man heim geht, ist die Haut noch ganz warm und das Herz ganz leicht, und die Haare sind weich und fluffig.
Heimaturlaub

Mit der Serie Heimaturlaub wollen wir euch in diesem merkwürdigen Corona-Sommer, an dem Reisen nur eingeschränkt möglich sind, Alternativen in der Region aufzeigen. Auch ein Schwimmbadbesuch oder eine Wanderung im Schwarzwald, kann sich wie Urlaub anfühlen.

Strophe 3: Mittagspause

Unter der Woche, in dieser richtig heißen Sommerzeit, wenn man am besten zwischen 6 und 11 arbeitet, und dann ab vier am Nachmittag nochmal – sofern man diese Freiheit hat, oder Student*in und schlau ist und im Wintersemester mit 40 ECTS vorgebaut hat für ein entspanntes Sommersemester mit der Hälfte – kann man um die Mittagszeit einfach mal kurz ins Lorettobad huschen, Luftlinie 1000 Meter von der UB, fünf Minuten auf dem Rad – und ein Stündchen schwimmen, oft sind dann nur eine Handvoll andere Menschen da, und der Kaffee ist auch gut, und wenn es dann nach dieser Freibad-Mittagspause zurück an den Laptop geht, dann flutscht es nochmal so richtig, wie ein Capri-Cola-Eis in dem Moment, in dem es sich nach reichlich Anwärmen endlich aus der Packung drücken lässt.

Strophe 4: Damenbad

Das Loretto-Damenbad, übrigens, ist ein Ort größter Freiheit und verdient eine eigene Strophe dieser Ode. Ich war selten an einem Ort, an dem es niemanden, wirklich niemanden, interessiert ob eine Frau groß oder klein ist, dick oder dünn, ob sie kleine Brüste hat oder Hängebrüste oder nur noch eine Brust, ob sie ihre Beine rasiert oder nicht, ihr Baby still oder nicht, gerne oben ohne in der Sonne liegt, gar oben ohne ihre Bahnen zieht. Ich habe selten so viele so unterschiedliche Mädchen und Frauen so unbedarft und frei gesehen, und mich selbst selten und unbedarft und frei gefühlt.

Coda: Und dieses Jahr?

Ach, Freibad, du bist nicht dasselbe mit QR-Code und Desinfizier-Pflicht für Spaßrutschen. Klar, ich werde trotzdem schwimmen kommen, allein, weil es kein Blau gibt, das so blau ist wie ein Freibad-Schwimmbecken in der Abendsonne und kein Glitzer, das so tanzt wie das Wasser, wenn die Sonne ganz hoch steht, wenn man die einzige Person im Becken ist, kurz bevor man die Oberfläche mit dem nächsten Schwimmzug bricht. Diese Momente werden die kleine Freiheit dieses seltsamen Sommers. Die große Freiheit, die große Freibad-Liebe ins Endlose gestreckter Tage ohne Uhrzeit, die einfach so vor sich hinfließen, die erwartet uns hoffentlich nächstes Jahr wieder.

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