Mutmaßliche Gruppenvergewaltigung

Hans-Bunte-Fall: Verteidigerin fordert neues Gutachten zu Ecstasy-Wirkung

Joachim Röderer

Von welchem Zeitpunkt an war das Opfer bei der Tat willen- und wehrlos? Das ist eine strittige Frage im Hans-Bunte-Prozess. Die Verteidigung fordert nun, dass ein neues Gutachten eingeholt wird.

Für Hanna Palm, die Verteidigerin des Angeklagten Timo P., ist es die entscheidende Frage in diesem Prozess um die mutmaßliche Gruppenvergewaltigung beim Hans-Bunte-Areal am 14. Oktober 2018: Von welchem Moment an war das Opfer bei dem Tatgeschehen nicht mehr fähig, einen eigenen Willen zu bilden und sich zu wehren? Verteidigerin Palm und etliche ihre Kolleginnen und Kollegen haben am Mittwoch, dem 36. Verhandlungstag, die Antworten des Gutachters Torsten Passie auf diese Fragen angezweifelt.


Die damals 18-jährige Frau hatte an jenem Abend Alkohol getrunken und von einem der Männer, die jetzt auf der Anklagebank sitzen, eine hochdosierte Ecstasypille gekauft und gegen Mitternacht eingenommen. Wenig später hat sie mit dem Hauptverdächtigen Majd H. den Club verlassen. In einem Wäldchen beim Eingang soll H. sie vergewaltigt haben und im Laufe der folgenden Stunden noch etliche weitere Männer. Gegen elf Beschuldigte wird seit Ende Juni 2019 verhandelt, sieben von ihnen sitzen seit gut eineinhalb Jahren in U-Haft.

Der Alkohol habe die Wirkung des Ecstasy verstärkt

Das Opfer hatte in ihrer nichtöffentlichen Aussage berichtet, dass sie ab dem zweiten mutmaßlichen Täter keine oder allenfalls lückenhafte Erinnerungen an das habe, was passiert ist. Diese Schilderung des Opfers hat Gutachter Torsten Passie, Facharzt für Psychiatrie an der Medizinischen Hochschule Hannover, gestützt. Die Wehrfähigkeit und Willensbildung beim Opfer sei aufgehoben gewesen, sagt Passie. Der Alkohol habe die Wirkung der Ecstasy-Substanz MDMA dabei noch verstärkt, sagte der Professor. Er bekräftigte damit seine Aussage, die er im Februar am vorletzten Prozesstag vor der Corona-Zwangspause gemacht hatte.

Anwältin Hanna Palm hatte schon bei der Fortsetzung am Dienstag bei den Aussagen Passies aus seinem schriftlichen Gutachten eingehakt. Danach sei das Opfer wegen der eingenommenen Wirkstoffe zwischen 0.50 und 4 Uhr wehr- und willenlos gewesen. Im Gutachten sei deren Wirkung beschrieben. Palms Mandant hatte aber schon vor 0.36 Uhr, wie sich anhand eines Anrufs nachvollziehen lassen, sexuellen Kontakt zu dem Opfer gehabt.

Gericht entscheidet über weiteres Gutachten

Über die Ecstasy-Wirkung entspann sich dann am Mittwoch noch einmal neue Diskussionen. Gutachter Passie verteidigte seine These und verwies auf die "Multiplizität der Faktoren": Neben der sich aufbauenden MDMA-Wirkung habe auch eine Rolle gespielt, dass das Opfer erstmals überhaupt Ecstasy genommen habe, dass sie durch die mutmaßliche Vergewaltigung durch Majd H. einen Schock erlitten habe. Es sei ein dynamisches Geschehen gewesen. Was wann genau wie gewirkt habe, ließe sich nicht feststellen. Passie räumt aber ein, dass er diese zusätzlichen Faktoren in seinem schriftlichen Gutachten zu wenig berücksichtigt habe.

Mehrere Verteidiger konnte das nicht überzeugen. "Wenn ein Faktor untergeht, wird ein anderer Faktor so verschoben, dass am Ende das gleiche Ergebnis herauskommt", kritisierte Verteidiger Jan-Georg Wennekers. "Das ist hanebüchen", ergänzte sein Kollege Michael Markert. Anwältin Palm beantragte, dass ein weiteres Gutachten eingeholt wird. Darüber muss nun das Gericht entscheiden.

Opfer soll noch einmal aussagen

Der Tübinger Gerichtspsychiater Peter Winckler hat fünf der elf Angeklagten für das Gericht begutachtet. Die Ergebnisse trug er am Mittwoch vor. Weil es dabei auch um intime Details geht, wurde die Öffentlichkeit ausgeschlossen.

Der Prozess wird im Juni fortgesetzt. Dann muss wohl auch das Opfer noch einmal per Videoschalte aussagen. Es haben sich offenbar Hinweise ergeben, dass sie doch stärker unter den Folgen der Tat leidet als zunächst angenommen.

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