Hannes Wader und Konstantin Wecker: Duett der Geschichtenerzähler

Fabienne Hurst & Martin Jost

"Kein Ende in Sicht" klingt nach ödem Come-Back-Geknarzte. Aber diese beiden waren nie wirklich weg! Gestern abend bezauberten die Alt-68er im randvollen Spiegelzelt. Hier die Eindrücke von Jost/Hurst @ Wader/Wecker:

Sie kommen nicht auf die Bühne, sie schreiten auch nicht. Sie erscheinen einfach. Hannes Wader im grauen Seidenhemd, ordentlich in die Hose gesteckt, Konstantin Wecker in ärmelfreier Baumwolle, Marke bügelfrei. Sehen so die Stars der linken Alternativ-Szene aus? Oder ist das eben die Senioren-Version? Wader greift entschlossen seine Akustik-Gitarre, Wecker haut in die Tasten. Sie singen voller Inbrunst ihr Lied „Kein Ende in Sicht“, so heißt auch das Programm, und strahlen miteinander um die Wette.

„Rock’n Roll, I gave you all the best years of my life“ von Kevin Johnson bezeichnet Wader als einen seiner Lieblingssongs, obwohl er musikalisch ja eher wenig mit dem Rock’n Roll zu tun habe. „Aber man kann ihn ja nicht nur als Musikstil, sondern auch als Lebensweise verstehen“, sagt der Liedermacher. „Und ich glaube, dann hatte ich in meinem Leben ’ne ganze Menge Rock’n Roll. Und Konstantin auch.“ Der 70-Jährige, der der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin einmal seine Wohnung für ein paar Wochen überließ, ohne zu wissen, mit wem er es zu tun hatte, weiß, wo wovon er spricht. Ebenso sein Kollege Wecker, dem sein Kokain-Konsum 2000 eine Bewährungsstrafe eingebracht hat.

Doch nun scheinen die beiden Musiker ihre Mitte gefunden zu haben. Selbst ihr Alter nehmen sie gekonnt auf die Schippe. „Der Greis stirbt aus, jetzt gibt es nur noch den Zombie, der sich Senior nennt“, führt Wader sein Lied „Schön ist das Alter“ ein. Aber bis die beiden in das Alter kämen, bleibe ihnen noch „eine angemess’ne Frist“ – so der Liedtext. Immerhin stehen die in den 1940ern geborenen Liedermacher immer noch in einem ausverkauften Konzertzelt und ziehen auch diesen Sommer wieder durch die Lande.

Sie erzählen Anekdoten zu ihren Liedern, wie sie entstanden sind und was ihnen daran wichtig ist. Ihre Stimmen nehmen einen so in den Bann, wie es sonst nur Hörspiel-Vorleser schaffen. Das sind wahre Poeten. Hannes Wader möchte man am liebsten bitten, er möge nach dem Konzert mitkommen und persönlich eine Gute-Nacht-Geschichte erzählen. Viele im Publikum schließen die Augen, läuschen andächtig jedem Wort und lassen sich von den tiefen Stimmen bezaubern. Die drei Stunden gestalten sich abwechslungsreich: Wecker singt Lieder aus Waders Feder und umgekehrt, einige Songs schmettern sie im Duett. Country-Klänge und witzige Cabaret-Stücke à la Georg Kreisler wechseln sich ab mit nachdenklichen Balladen, Volksliedern und politischen Protestsongs. Politisch sind die beiden Alt-68er immer noch – und nicht nur im Zweifel links. Doch wettern sie nicht unentwegt und verbissen gegen das System. Das passt nicht zu ihrem Stil. In seinem Lied „Trotz alledem“ schwärmt Wader: „Ein Sozialismus müsste her, mit neuem Schwung…“. Applaus. „Doch wenn er wird, wie er mal war, würd’s wieder nichts.“ Noch mehr Applaus.

Trotz des selbstironischen Augenzwinkerns sind manche Statements eindeutig: In der Regierung säßen immer noch zu viele „Zuhälter des Kapitals“, findet Wecker. Ganz unschuldig trällert er dann ein beinahe schlüpfriges Lied über Angela Merkel. „Das Lächeln meiner Kanzlerin, bringt mich um den Verstand.“ Lieblingszeile: "Dürft’ ich einmal nur in ihrem Dekolleté versinken, ich verspreche, ich wählte nie wieder die Linken."

Diesen Vollblut-Musikern macht ihr Beruf immer noch einen Wahnsinns-Spaß. Das hier ist keine peinlich Comeback-Action, schon allein deshalb nicht, weil die beiden nie wirklich weg waren. Nach der finalen Zugabe klettert Konstantin Wecker von der Bühne ins Publikum, spaziert zwischen den ausnahmslos besetzten Plastikstühlen umher und singt sein letztes Lied – umgeben von tosendem Applaus. Eines ist sicher: Die beiden haben wirklich eine "angemess'ne Frist" bis zum Seniorenalter. Oder sie überspringen es ganz und werden direkt zu coolen, Geschichten erzählenden Greisen. Mit hundert oder so.



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