JVA Freiburg

Häftlinge verschicken Gutenachtgeschichten auf CD an ihre Kinder

Gina Kutkat

Ein Projekt der Katholischen Gefängnisseelsorge ermöglicht es Häftlingen der JVA Freiburg, Geschichten für ihre Kinder einzusprechen. Besonders zur Weihnachtszeit kommt die Idee gut an – drinnen wie draußen.

Er verlässt seine Zelle, wird in eine kleine Bibliothek geführt. Dort sucht sich Marc S.* ein Kinderbuch aus. Seine Wahl fällt auf das Minibuch "Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab?". Er liest den Text erst laut vor und spricht die Gutenachtgeschichte kurze Zeit später in ein Mikrofon. Und er sagt noch: "Der Papa liebt dich ganz doll." Dann geht’s für ihn zurück hinter die Gefängnismauern, während seine Aufnahme an seinen dreijährigen Sohn geschickt wird.


22 Inhaftierte sind dabei

Marc S. ist Häftling in der Justizvollzugsanstalt Freiburg und er ist Teilnehmer eines Projekts der Katholischen Gefängnisseelsorge, das Vätern ermöglicht, ihren Kindern Geschichten auf CDs zu sprechen. "Die Väter können ihren Kindern und auch ihren Partnerinnen so zeigen, dass sie präsent sind", sagt Martin Vrana. "Es hilft gegen die Verlustangst." Der Gefängnisseelsorger setzt das Projekt vor Ort um, bislang haben 22 Inhaftierte teilgenommen – und die ersten CDs sind schon verschickt. "Das Feedback ist enorm, wir erfahren eine riesen Dankbarkeit. Von den Vätern, aber auch von den Müttern draußen", sagt Vrana.
"Die Väter können ihren Kindern und auch ihren Partnerinnen so zeigen, dass sie präsent sind." Martin Vrana
Er erzählt von Kindern, die ihren Papa hinter dem CD-Spieler suchen, weil sie seine Stimme hören. Oder von inhaftierten Vätern, die vor einer Aufnahme ganz aufgeregt sind und sich verhaspeln. "Ich bearbeite nichts, damit es authentisch bleibt", sagt Vrana. Die Gefangenen der JVA Freiburg können sich bei ihm melden, wenn sie Kinder zwischen drei und zwölf Jahren haben. Er berät sie bei der Buchauswahl – "gefragt sind ’Wo die wilden Kerle wohnen’ oder Bücher von Astrid Lindgren" – und ist im Raum dabei, wenn die Väter ihre Geschichten einsprechen. "Das ist sehr emotional, denn einige Väter singen ihren Kindern was vor oder sprechen noch persönliche Worte." Ein Häftling habe in seiner Zelle stundenlang "Schlaf, Kindlein, schlaf" eingeübt – so etwas hört man in den Gefängnisfluren eher selten.

Eine Gutenachtgeschichte, vorgelesen vom Vater: Das ist auch ohne die derzeit strengen Kontaktbeschränkungen in der JVA aufgrund von Corona eine schöne Idee. Besuche sind aktuell nicht möglich, vor allem, seit es in der JVA einen Corona-Fall gegeben hat. JVA-Leiter Michael Völkel ist glücklich, dass es das CD-Projekt gibt. "Es kam genau zur richtigen Zeit, es ist in Zeiten von Corona und erst recht zu Weihnachten ein wichtiger Ausgleich zu dem, was normal wäre", so Völkel. Monika Fröwis vom Sozialdienst katholischer Männer brachte die Idee nach Freiburg - ursprünglich kommt das Projekt "Storybook Dads" aus England.

Derzeit sitzen 550 Männer im Freiburger Gefängnis ein, sie verbüßen lange oder kurze Strafen, einige sind auch in Untersuchungshaft. Die am CD-Projektteilnehmenden Väter sind zwischen 21 und 45 Jahre alt, schätzt Martin Vrana. Ein Insasse habe sogar für sein Enkelkind eine Geschichte eingesprochen. Nähe und Kontakt schaffen, wo beides unmöglich ist: Martin Vrana betont, wie wertvoll der Kontakt zur Familie ist. "Familie ist ein ganz wichtiger Faktor bei der Wiedereingliederung."

*Name von der Redaktion geändert.

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