fudder-Serie

Gründen in der Krise: Nicolay Lißner hat sich als Make-Up-Artist selbstständig gemacht

Gina Kutkat

Nicolay Lißner, 30, ist Maskenbildner, Make-Up-Artist und Visagist. Die geplante Eröffnung seines Studios fiel mit der Corona-Krise zusammen. Inzwischen hat er seine Arbeit aufgenommen, aber die vergangenen Wochen waren nicht leicht.

Gründen in der Krise

Am 1. Mai 2020 sollte die große Eröffnung stattfinden: Mit Sektempfang im frisch renovierten Laden, in den Nicolay Lißner soviel Arbeit und Energie reingesteckt hat. Doch die Krise machte auch dem Freiburger Make-Up- und Haar-Stylisten einen Strich durch die Rechnung. Zwar darf er seit dem 11. Mai Kunden in seinen zwei Schminkräumen im "Beauty Story"-Laden von Beate Scheer in der Moltkestraße empfangen – den Start hatte er sich allerdings anders vorgestellt. "In den letzten Wochen war es oft nicht leicht", sagt er. Hinzu kommt, dass wegen den vorgeschriebenen Atemschutzmasken ein Tages-Make-Up für die meisten Kundinnen keinen Sinn macht.

"Alles in allem ist es noch sehr ernüchternd", sagt er. Wer sich in einer Krise selbstständig macht, den plagen natürlich finanzielle und existenzielle Sorgen. "Die Soforthilfe hat mich gerettet." Bei Nicolay kam noch das Problem dazu, dass er plötzlich alleine mit den Renovierungsarbeiten dastand. "Ich wollte meine Schminkräume selber von Hand gestalten und hatte auf die Unterstützung von Freunden und Familien gezählt", sagt er. Doch er durfte aufgrund der Kontaktsperre niemanden um Hilfe bitten. "Also haben mein Mann und ich fast alles alleine gemacht." Jetzt allerdings steht er stolz in den Räumlichkeiten in der Moltkestraße 18 und berichtet von seinen Zielen und seiner Geschichte, die ihn hierher gebracht hat.

Die Idee

Nachdem er 13 Jahre lang als staatlich anerkannter Maskenbilder vorrangig für andere gearbeitet hat, wollte Nicolay Lißner endlich sein eigener Chef werden. "Ich bin beruflich viel rumgereist und habe seit zwei Jahren meinen Lebensmittelpunkt wieder in Freiburg", sagt Nicolay. Im Februar machte er sich auf die Suche nach einem Studio für seine Dienstleitungen im Bereich Beauty, Make-Up und Haare. Über eine eBay-Kleinanzeige ist er auf das Kosmetikstudio "Beauty Story" von Beate Scheer aufmerksam geworden. "Sie suchte eigentlich eine Nageldesignerin, die sich mit ihr einen Laden teilt. Ich habe mein Glück versucht und es hat geklappt", erzählt er.

Zwei Bereiche im Laden hat er nach seinem Geschmack, mit viel Liebe zum Detail und zu regionalen Naturmaterialien eingerichtet – in Kombination mit viel Gold. "Meine Kundinnen und Kunden sollen sich bei mir wohlfühlen", erklärt Nicolay sein Konzept. Ein Schild an der Tür weist darauf hin, dass sich sein Angebot nicht nur an Frauen richtet: "All humans welcome". Er hat bereits einen Transgender-Schminkkurs gegeben und möchte diesen auch weiterhin anbieten.

"Den Menschen soll es den Atem verschlagen, wenn sie hinterher in den Spiegel blicken." Dabei geht es ihm nicht unbedingt darum, viel Make-Up und Stylingprodukte zu verwenden, sondern die Schönheit und Ausstrahlung einer Person zu unterstreichen. "Jeder ist auf seine eigen Art schön", sagt Nicolay. Und wenn jemand nach einem aufwändigem Diva-Make-Up verlangt, ist Nicolay sowieso der richtige Ansprechpartner: Als Maskenbilder war er viele Jahre bei erfolgreichen Theater- und Filmproduktionen dabei.



Make-Up und Haar-Stylist

Nicolay Lißner ist zwar erst 30 Jahre alt, verfügt aber schon über mehr als 13 Jahre Berufserfahrung als Maskenbildner und Make-Up- und Haar-Stylist. Er wuchs in Liel im Landkreis Lörrach auf und entdeckte seine Liebe zur Verwandlung und zur Schminke in seiner Teenagerzeit: Als er zusammen mit Mitschülern einen Abschlussfilm für die Hauptschule drehte, war er Maskenbildner, Schauspieler und Regisseur in einem. "Damals begann meine Passion für den Beruf", erzählt er.

Seine dreijährige duale Ausbildung absolvierte er später in Baden-Baden an der Louis-Lepoix-Schule, am Theater Heilbronn wird er parallel dazu praktisch ausgebildet. Nicolay ist staatlich anerkannter und IHK-geprüfter Maskenbildner, nennt sich aber auch Make-Up-Artist und Visagist, "um die Kundinnen und Kunden nicht abzuschrecken." Er war unter anderem Chefmaskenbildner bei Filmen wie "Die Vergesslichkeit der Einhörnchen", "Manche lernens nie" oder "Prelude", arbeitete am Theater Bonn, für das Berliner Ensemble und die Bayreuther Festspiele. Die Liste ist lang: Ob für Netflix, das ZDF, Zalando oder Hyundai – Nicolay hat in seinem Leben schon viele Menschen geschminkt. Sogar Günter Netzer saß vor einem Fernsehauftritt schon in seinem Schminkstuhl.
fudder-Serie "Gründen in der Krise"
fudder beschäftigt sich mit jungen Menschen aus der Region, die mitten in der Krise ein Geschäft eröffnet, eine Kollektion herausgebracht oder sich mit ihrer kleinen Firma selbstständig gemacht haben. Wir porträtieren junge Menschen vor, die sich der Herausforderung gestellt haben, mitten in der Pandemie ihren Traum zu verwirklichen.

Überblick: Alle Teile der Serie "Gründen in der Krise"

Das Studio und das Angebot

Im gemütlichen Ambiente kann sich jeder und jede von Nicolay hübsch machen lassen – und somit das eigene Selbstwertgefühl steigern. "Da hatte ich früher selbst mit zu kämpfen", erzählt Nicolay. Vom natürlichen Tages-Make-Up (30 Euro) bis zur extravaganten Hochsteckfrisur (60 Euro) – Nicolay berechnet seine Preise nach Aufwand und Zeit. "Bei mir kann man gerne spontan vorbeischauen und sich unverbindlich beraten lassen", sagt er. Auch Hochzeits-Make-Up oder Stylings für Fotoshoots hat er im Angebot.