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Gründen in der Krise: Leonie Seite eröffnete kurz vor dem Lockdown ihr Tanzstudio

Anika Maldacker

Leonie Seiter ist 24 Jahre alt und hat sich Anfang März in Müllheim ihren Traum verwirklicht, ihre eigene Tanzschule zu eröffnen. Nach nur zwei Wochen musste sie wegen des Coronavirus schließen. Nun hofft sie auf klare Hygieneregeln.

"Tanzen war schon immer da", sagt Leonie Seiter. Sie tanzt, seit sie sechs Jahre alt ist. Trainiert mehrmals die Woche. Nimmt an den Süddeutschen-, Deutschen- und Europa-HipHop-Meisterschaften teil. Mit 15 beginnt sie selbst neben der Schule Tanzunterricht zu geben. Nebenher tanzt sie weiter, drei bis vier Mal die Woche. Meistens HipHop, aber auch Jazz und Modern. Am ersten Entscheidungspunkt in ihrem Berufsleben, nach dem Abitur, entscheidet sie sich aber für die sicherere Bank: ein duales BWL-Studium in Lörrach. "Ich dachte, ich mach lieber etwas Vernünftiges", sagt Leonie lachend. Nebenher gibt sie weiterhin Tanzunterricht und tanzt selbst viel in ihrer Freizeit.


Nach ihrem Studium tritt sie eine Vollzeitstelle in einem regionalen Unternehmen in der Logistik an – und tanzt weiter. Privat und als Tanzlehrerin. In Stuttgart absolviert sie nebenberuflich eine Tanzpädagogik-Fortbildung. Sie arbeitet jeden Tag bis 16 oder 17 Uhr. Danach gibt sie Tanzunterricht. Sie mietet unterschiedliche, verschiedene Räume in Müllheim und der Region für ihre Gruppen. Hetzt von Vollzeit- zu Nebenjob und Passion. "Das war stressig und das konnte so nicht immer weitergehen", sagt Leonie heute.
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Im September vergangenen Jahres wechselt sie von einer Vollzeit- zu einer Halbtagsstelle in der Logistik-Abteilung. Die anderen 50 Prozent steckt sie in ihre Tanzstunden. Im Januar 2020 geht sie noch einen Schritt weiter und entscheidet sich mit ihrer Tanzschule sesshaft zu werden. Sie findet in Müllheim einen rund 100 Quadratmeter großen Raum, den sie mieten kann. "Davor habe ich viel gerechnet, was ich einnehmen muss", sagt Leonie. Ende Februar renoviert sie die Räume in einer Woche mit Hilfe von Freunden und Familie. Schalldämmung, Boden, Umkleidekabinen. Am 1. März ist Eröffnung der Tanzschule Urban Dance Arts in Müllheim. "Ich hatte alles durchgeplant und mir gesagt, dass eigentlich nichts schief gehen kann, außer es beginnt ein Krieg", sagt Leonie.



Da Leonie schon jahrelang Tanzstunden gibt, hat sie schon einen großen Kundenstamm von rund 100 Tanzfreudigen. "Es machen viele Schülerinnen mit, aber es gibt auch eine reine Jungs-Gruppe, die HipHop tanzt", erklärt Leonie. Dazu auch Erwachsene, die Fitness-Tanzkurse machen. Leonie Seiter bietet Kurse zu HipHop, Popping, Locking, Dancehall, Urban Contemporary oder Ladystyle an. Dann kommen die Corona-Regelungen.

Nur zwei Wochen nach der Eröffnung, am 15. März, muss Leonie ihr Tanzstudio wieder schließen. "Ich wurde in der Wachstumsphase gebremst", sagt Leonie. Über Schnupperkurse wirbt sie um neue Tänzerinnen und Tänzer. Gefrustet ist sie aber nicht, doch sie stellt sich immer wieder diese eine Frage: Hätte ich das nicht kommen sehen müssen? Die Mietverträge der Räume, in denen sie vor März unterrichtete, hatten sehr kurze Laufzeiten, sie war kaum gebunden. Mit ihrem eigenen Raum in Müllheim hat sich das nun geändert. Die Miete ist nun gestundet, die Versicherung läuft weiter. Umso froh ist Leonie, mit ihrem Halbtagsjob ein zweites Standbein zu haben.
fudder-Serie "Gründen in der Krise"

fudder beschäftigt sich mit jungen Menschen aus der Region, die mitten in der Krise ein Geschäft eröffnet, eine Kollektion herausgebracht oder sich mit ihrer kleinen Firma selbstständig gemacht haben. Wir porträtieren junge Menschen vor, die sich der Herausforderung gestellt haben, mitten in der Pandemie ihren Traum zu verwirklichen.

Seit dem Lockdown versucht sie ihre Gruppen per Online-Training fit zu halten. Auf Youtube lädt sie Lernvideos hoch, über Zoom und Instagram gibt sie ihre Tanzstunden für alle, die wollen – teils umsonst. Denn die Überweisungen der Kundinnen und Kunden hat sie nach eigenen Angaben pausiert. Nun zahlt noch, wer möchte. "Ich war gerührt, als ich gesehen habe, wie treu meine Kunden sind", sagt sie.



Nach Pfingsten dürfen Fitnessstudios und Tanzstudios wieder öffnen. Die Auflagen für eine Öffnung standen erst eine Woche vor der Öffnung fest. Seither bereitet Leonie ihr Studio vor. Klebt Markierungen auf den Boden und bringt Hinweisschilder an. 1,5 Meter Abstand zwischen jedem und jeder, jederzeit. Jede Schülerin und jeder Schüler soll mindestens 10 Quadratmeter zur Verfügung haben. Keine Bewegungen durch den Raum. "Wir konzentrieren uns daher jetzt auf Techniktraining", erklärt Leonie. Gruppen dürfen sich nicht mehr zeitlich überschneiden. Umkleidekabinen und sanitäre Anlagen müssen gesperrt sein. Alle müssen daher direkt in Trainingskleidung zum Unterricht kommen.

Wegen der Abstandsregeln können nicht alle zurück ins Studio. Leonie muss daher die Gruppen teilen und hofft auf Freiwillige, die von zuhause aus online mitmachen. "Das ist natürlich nicht optimal", sagt Leonie, "über den Bildschirm ist es viel schwieriger, zu korrigieren". Als sie ihren Kundinnen und Kunden die Abstandsregeln mitgeteilt hat, waren alle sehr froh, bald wieder tanzen zu dürfen. "Die meiste Angst habe ich davor, dass die Leute durch das Virus verängstigt sind."