Gründen in der Krise: Gärtnerin Malin Lüth und ihre regionalen Schnittblumen

Nora Ederer

Kleines Feld, großer Traum: Malin Lüth baut im Markgräflerland Blumen ohne Gift an. Die Corona-Pandemie zwang sie ihr ursprüngliches Geschäftskonzept zu überdenken. Schließlich begannen Florist*innen sich, um ihre Tulpen zu reißen.

Gründen in der Krise

Lange hatte Malin Lüth auf diesen Moment hingearbeitet. Prüfungen an der Meisterschule für Ökologische Landwirtschaft in Emmendingen geschrieben, ein Video für die Crowdfunding-Kampagne gedreht, Geld bei der Familie und Bekannten geborgt. Sie hatte ein 6.000 Quadratmeter großes Feld bei Müllheim gepachtet und noch im vergangenen Herbst tausende Blumenzwiebel von Hand in der Erde vergraben. Doch als im März endlich die ersten Narzissen ihre Stile durch den krümeligen Lössboden des Markgräflerlands streckten, kam alles anders als geplant.

Das Coronavirus breitete sich in Deutschland rasant aus. Am 21. März beschloss Freiburg als erste Großstadt ein Betretungsverbot für öffentliche Plätze, wenige Tage später stand das ganze Land still. "Da saß ich nun mit meinen Blumensträußen unterm Arm und alle Cafés, Restaurants und Blumenläden machten zu", sagt die 29-jährige Gärtnerin heute. Ursprünglich wollte sie ihnen ihre Narzissen, Tulpen und Anemonen verkaufen. Doch das konnte sie nun vergessen. Auch zwei Workshops musste Malin Lüth schon absagen. Unterkriegen ließ sie sich trotzdem nicht. Sie beantragte Corona-Soforthilfe von der Regierung, verschenkte ihre erste Ladung Narzissen an ein Altenheim und schickte die restlichen Blumen per Post auf große Reise.

Die Idee

Die Geschichte von Malin Lüths "Wildling Blumen" beginnt in einer Gemüsegärtnerei, genauer bei Piluweri in Hügelheim. Dort, auf halber Strecke zwischen Freiburg und Basel, arbeitete Lüth vier Jahre lang. Neben den Gemüsepflanzen kümmerte sie sich auch um die hauseigenen Blühmischungen; in ihrer Freizeit band sie bunte Sträuße. "Wenn ich mit Blumen arbeite, kann ich mich künstlerisch austoben", sagt die 29-Jährige. "Sträuße zusammenstellen, Kränze binden – ich würde fast sagen, dass man mit Blumen malen kann."
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So zogen die Jahre in Land, ohne dass die gelernte Gemüsegärtnerin hinterfragte, wieso sie sich mit Blumen so gut auskannte und sich alle ihre Namen merken konnte. Aber irgendwann kam die Einsicht dann doch: Malin Lüth wollte nicht länger mit Möhren, Rosenkohl und Co. arbeiten. Sie wollte sich endlich auf Blumen spezialisieren – und sie wollte ihre eigene Chefin sein.

Deshalb besuchte Lüth 14 Monate lang die Meisterschule für Ökologische Landwirtschaft in Emmendingen. Nebenbei feilte sie an ihrer Geschäftsidee, sammelte Geld, wählte die schönsten Blumensorten aus, besorgte sich einen Wassertank und baute Folientunnel. Ihre letzte Prüfung an der Meisterschule schrieb sie im Januar, da warteten auf ihrem Feld bereits tausende Blumenzwiebeln auf die ersten wärmenden Sonnenstrahlen des Jahres.

Die Gärtnerin

"Bist du Liebling oder Wildling?", fragte eine Freundin Malin Lüth einmal – und Malin Lüth antwortete natürlich: "Wildling!" Pipi Langstrumpf ist eines ihrer Vorbilder und auch wenn vom Kopf der Gärtnerin keine roten Zöpfe abstehen und sie mit bloßen Händen auch kein Pferd stemmen kann, versucht sich die 29-Jährige die Welt so zu machen wie sie ihr am besten gefällt. Das heißt: Dreck unter den Fingernägeln und verkrustete Hände, von morgens bis abends draußen sein, die Jahreszeiten erleben, umgeben von Bergen. "Im Osten der Schwarzwald, im Westen die Vogesen, über mir der Himmel – das ist es", sagt Malin Lüth.
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Überblick: Alle Teile der Serie "Gründen in der Krise"

Ursprünglich kommt sie aus einem Dorf in der Nähe von Kiel. Mit der Landwirtschaft ist sie zwar nicht groß, aber glücklich geworden. Nach dem Abitur verbrachte sie zwei Monate auf einem ökologischen Hof in der Nähe von Stockholm. Die Arbeit mit den Pflanzen machte ihr Spaß und so absolvierte sie zurück in Deutschland eine vierjährige Ausbildung zur bio-dynamischen Gemüsegärtnerin. Irgendwann wanderte sie mir ihrem Rucksack durch den Schwarzwald, landete bei der Demeter-Gärtnerei Piluweri in Hügelheim und blieb. Nun hat sie sich nur wenige Kilometer entfernt ihren größten Traum erfüllt: "Wildling Blumen".

Der Anbau

Blumen sollen Lebendigkeit versprühen, kein Gift. Das ist Malin Lüth wichtig. "Bei Lebensmitteln legen viele Menschen mittlerweile Wert auf eine nachhaltige Produktion, aber bei Blumen fehlt dieses Bewusstsein noch völlig", sagt sie. Dabei gehört die Industrie zu einer der giftigsten der Welt. Viele der Pestizide, die Landwirte auf ihren Feldern in Kenia, Ecuador und Israel einsetzen, sind in Deutschland längst verboten. Grenzwerte und Kontrollen gibt es so gut wie keine.

"Es ist doch absurd, dass wir kranken und alten Menschen Blumen ins Zimmer stellen, die mit Giftstoffen überschüttet wurden", findet Malin Lüth. Deshalb verwendet sie auf ihrem Feld weder Kunstdünger noch Wuchshemmer oder andere Chemikalien. "Meine Blumen sollen blühen, wann und wie sie wollen", sagt sie. Das bedeutet zwar viel Handarbeit und dauert länger, freut aber die Natur und viele Florist*innen, deren Haut durch die Giftstoffe an kommerziellen Schnittblumen häufig gereizt ist.

Die Blumen

Vielfalt ist Malin Lüth wichtig. Auf ihrem Feld wachsen etwa 100 verschiedene Kulturen, meist traditionelle Sorten aus Bauerngärten, aber in außergewöhnlichen Farben. "Ich habe zum Beispiel eine rosé-beige-farbige Dahliensorte gepflanzt", erklärt Lüth. "Sie heißt Café au Lait, also Milchkaffee, und eignet sich super für die Deko auf Hochzeiten." Bis die Dahlien blühen dauert aber es noch. In den nächsten Wochen sind erst einmal Rittersporn, Duftwicken, Ringel- und Kornblumen dran. Dann werden Malin Lüth und ihre Mitarbeiterin Elke Wiedmann die Zinnien und Kosmeen ernten – und dann blühen endlich auch die Dahlien.

Der Verkauf

Not macht erfinderisch – das kann Malin Lüth bestätigen. Nachdem ihre ursprünglichen Abnehmer Corona-bedingt wegfielen, eröffnete sie auf ihrer Webseite einen Onlineshop. "Tulpen und Narzissen kann man zum Glück ohne Wasser verschicken und weil wir wegen des milden Wetters mehrere Wochen vor anderen Regionen ernten konnten, kam das Angebot super an", sagt Lüth. Zusammen mit personalisierten Grußkarten schickte sie ihre "Wildling Blumen" quer durch Deutschland – und zwar so viele, dass sie den Shop vorerst wieder schließen musste. "Wir waren nach kurzer Zeit ausverkauft", sagt sie. "Aber nächstes Frühjahr geht es mit dem Versand weiter."

Lüth erlebte sogar noch eine zweite Corona-Überraschung: Als Blumenläden Ende April wieder öffnen durften, hatten viele Florist*innen Probleme ihre Pflanzen wie gewohnt aus dem Ausland zu beziehen. Normalerweise werden Schnittblumen nämlich aus warmen Ländern wie Kenia und Ecuador per Flugzeug nach Deutschland transportiert. Der Rest wächst in niederländischen Glashäusern, was nur mit extremem Energieaufwand gelingt. "Doch weil die Lieferketten zusammengebrochen waren, kam auf einmal sogar eine Floristin vom Kaiserstuhl zu mir nach Müllheim, um meine Tulpen zu kaufen", erzählt Lüth. Die positive Resonanz ihrer Kund*innen macht sie sehr glücklich und nun hofft sie eigentlich nur noch, dass ihre Workshops für in den nächsten Monaten wie geplant stattfinden können.
Webseite: Wildling Blumen
Instagram: Wildling Blumen