Corona-Protesttag

Großaufgebot der Polizei begleitet Demonstrationen in Freiburg

Joachim Röderer

Corona-Protesttag in Freiburg mit viel Polizeipräsenz: Die Gegendemo war mehr als zwölf Mal so groß wie die AfD-Kundgebung selbst. Und auf dem Münsterplatz blökten Demonstranten wie die Schafe.

Acht Versammlungen sind für diesen teils ziemlich regennassen Samstag in Freiburg angemeldet gewesen – die Mehrzahl davon hatte das Coronavirus und die angeordneten Maßnahmen zum Thema. Den stärksten Zulauf hatte die Demonstration auf dem Vorplatz des Theaters: Hier versammelten sich 600 bis 800 Menschen, die gegen die Alternative für Deutschland (AfD) protestierte, die sich gegenüber auf dem Platz der Alten Synagoge versammelt hatte.


Genau zwischen den Fronten hatte sich eine Hundertschaft der Polizei positioniert. Dazu Ordnungshüter zu Pferd und auf dem Motorrad. Mit grünen Absperrgittern war eine große Demo-Fläche für die AfD eingerichtet. Die rund 50 Demonstrierenden verloren sich schier darin. Dafür war das 1,5-Meter-Abstandsgebot kein Problem. Das Tragen von Mundschutz war eine weitere Auflage, die hier auch von allen Seiten eingehalten wurde.

Aggressive Stimmung

Die Stimmung war teils aggressiv. Ein Teil der Gegendemonstranten hatte sich in der Bertoldstraße vor dem dort eingerichteten Zugang postiert. "Ganz Freiburg hasst die AfD" riefen sie – und immer wieder "Nazis raus". Der Einsatzleiter der Polizei forderte die Gegendemonstranten mehrfach per Lautsprecher auf, den Bereich der Bertoldstraße und damit den Platzeingang freizumachen. Als die Aufforderung nicht fruchtete, wurden Platzverbote ausgesprochen. Ein Riegel aus Einsatzbeamten drängte alle Demonstrierenden von der Bertoldstraße Richtung Theatervorplatz, was später bei etlichen Demoteilnehmern für harsche Kritik sorgte: Denn dadurch hätten die vorgegebenen Mindestabstände vor dem Theater nicht mehr eingehalten werden können.

Trillerpfeifen, Musik und Buhrufe übertönten die AfD-Redebeiträge per Megaphon. Später wurde dann noch, eskortiert von zwei Polizeimotorrädern, eine Lautsprecheranlage angefahren. Dann war auch AfD-Stadtrat Dubravko Mandic zu verstehen, als er behauptete: "Die Corona-Maßnahmen waren nur ein Testlauf dafür, wie einfach man den Bürgern die Freiheitsrechte entziehen kann." Teilnehmer hielten Plakate mit Botschaften wie "Freiheit statt Coronadiktatur" hoch.

Immer wieder gab es Rangeleien: "Scheiß Kommunisten!", rief ein älterer Radfahrer, der durch die Reihen der Gegendemonstranten fuhr und den dann einige jüngere Teilnehmer verfolgt wurde. Einige wenige Demoteilnehmer wurden von der Polizei zur Feststellung der Personalien mitgenommen. Einer soll einen golfballgroßen Gegenstand in Richtung eines Beamten geworfen haben, meldete später am Nachmittag der Polizeibericht.

Blöken auf dem Münsterplatz

Protest gegen die Corona-Maßnahmen gab es dann später am Nachmittag auch auf dem Rathausplatz, auf dem Kartoffelmarkt und auf dem Münsterplatz. Dort hatten sich in der Nordwestecke rund 180 "Freunde der Freiheit" versammelt – zur Mahnwache für den "Erhalt der deutschen Grundrechte und unserer Freiheit", wie es im Aufruf hieß.

Es gab eine lange Rednerliste, wer wollte, der konnte sich zu Wort melden in einer Art "offenes Megafon." Manches war zu verstehen, manches nicht, auch nicht akustisch. Der Informatiker Wilfried Engstler vertrat dabei die Ansicht, dass die beispiellose Einschränkung der Grundrechte würde zu großen Teilen auf falschen Zahlen basieren. Die Fallzahlen seien vor allem deshalb exponentiell gewesen, weil sich die Zahl der Tests exponentiell erhöht habe. Auch die Kurve der Todesfälle sei in Deutschland nie dramatisch ansteigend gewesen. Bei vielen Toten sei auch nicht klar, ob sie wirklich an Corona gestorben sind. Engstler nennt Schweden als Vorbild beim Umgang mit der Pandemie: Bei einer dosierten Ausbreitung wäre der Spuk in drei bis vier Monaten vorbei gewesen. Engstlers Fazit: "Die uns vorgemachte Apokalypse existiert nicht."

Die folgenden Rednerinnen und Redner schlugen dann teils viel schärfere Töne an. Da wurde kritisiert, dass "Staatsschläger und Brüller" wenige Stunden zuvor die AfD-Demo gestört hätten. Es ging gegen die "Wahrheitsmedien" und gegen die Antifa, die als "neue SA" bezeichnet wird. Immer wenn das Wort Impfen fiel, gab es Applaus. Es wurde für Sterbehilfe geworben und den Schutz des ungeborenen Lebens. Und immer ging es um die Grundrechte – die Corona-Maßnahmen wurden mit Geschehnissen im Jahr 1933 verglichen. Ein Allgemeinmediziner berichtete, er habe die ersten beiden Corona-Fälle im Landkreis Lörrach behandelt – ohne Schutzkleidung. Er habe keine Angst vor Ansteckung gehabt, aufgrund seiner gesunden Lebensweise. "Wir werden verarscht, wir müssen den Druck hochhalten gegen diese Faschisten", rief ein weiterer Teilnehmer ins Megafon. Wichtig sei auch, dass man die "blauen Freunde" mitnehme – gemeint hat er offenbar die AfD.

Maskenpflicht wird nicht durchgesetzt

Ein anderer Sprecher freut sich über die nach seiner Wahrnehmung wachsende Zahl der Coronamaßnahmen-Gegner: "Wir verbreiten uns schneller als das Virus." Allergisch sind viele hier auf dem Münsterplatz gegen das "V-Wort". Man wolle sich nicht weiter als Verschwörungstheoretiker diffamieren lassen, sagt ein Redner. Im nächsten Satz berichtet er, dass er wisse, dass allen Bürgerinnen und Bürgern das Internet abgeschaltet werden könne – dazu reiche es, das wisse er genau, einen einzigen Server in Frankfurt vom Netz zu nehmen.

Mindestens die Hälfte der buntgemischten "Freunde der Freiheit" trug keinen Mundschutz. Immer wieder erinnerte die Veranstaltungsleiterin an die Auflage und die Hinweise der Polizei, bei Missachtung müsse die Kundgebung abgebrochen werden. Als Antwort blökten die Teilnehmer dann wie eine Schafherde. Masken wurden verteilt, viele setzten sie trotzdem nicht auf. Die Polizisten schauten zu, ließen die Sache aber laufen.

Bei der Demo auf dem Rathausplatz hatte ein Demoteilnehmer einen Schild dabei mit der Aufschrift "Impfen macht frei" – grafisch der Aufschrift nachempfunden, wie sie einst am Eingangstor des Konzentrationslagers Auschwitz zu sehen war. Altstadtrat Simon Waldenspuhl hat gegen den Besitzer des Plakats an Ort und Stelle Anzeige wegen Volksverhetzung erstattet. Beim zweiten Vorsprechen habe die Polizei die Anzeige dann auch aufgenommen.

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