Grenzkontrolle am eigenen Körper

David Weigend & Fionn Große

Am Sonntag haben sich in Endingen 93 Menschen versammelt, um 21,1 Kilometer und 721 Höhenmeter zu überwinden, so schnell wie möglich. Viele sind dabei an ihre Grenzen gestoßen. Auch ich. Mit der Urkunde des Drittplatzierten. Ein Laufprotokoll mit Fotogalerie.



Ratgeberterror

Herausgeber von Zeitschriften verdienen damit ihr Geld, ganze Buchhandlungsabteilungen sind voll davon, voll mit Laufliteratur, mit Tipps für effektives Tempotraining, für optimale Trainingsplanung und so fort. Auf was man nicht alles achten sollte: Herzfrequenz, anaerobe Schwelle, Laufsocken, Laktatwerte, Energieriegel, weiß der Teufel. Letztlich geht es um etwas sehr Einfaches, nämlich darum, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Auch, wenn man glaubt, es ginge nicht mehr.



Euphemismus

Der Begriff "Weinmarathon" ist vielleicht etwas irreführend. Hier geht es nicht darum, sich möglichst schnell die Viertele reinzuknechten. Der Kaiserstühler Halbmarathon führt mitunter durch die Reben, aber auch durch Wald, durch Schlamm, vorbei an Heuballen und Sanitätern, die "La Ola" machen.



Bilder der Qual

Der Mann in Grau, rechts im Bild, klatscht um 10 Uhr am Gasthaus Schützen zum Start, den Countdown haben alle Läufer mitgezählt. In meinem Bauch gluckert ein herbes Finnisherfrühstück: Espresso doppelt, eine Scheibe Wiesentäler belegt mit Mainzerwurst und Comté. Das muss reichen. Den ersten Kilometer laufe ich mit meinem Kollegen Siggi Seit an Seit, dann verlieren wir uns aus den Augen. Noch versuche ich, der Empfehlung des Moderators zu folgen und den run als "Landschaftslauf" zu genießen.

Das ändert sich bald. Es wird steil und der St. Katharinenberg zur ersten Schinderei. Bilder mäandern durch mein Hirn. Sie zeigen die heilige Katharina von Alexandrien, wie sie dereinst gegeißelt wurde und zwölf Tage lang ohne Nahrung im Kerker verbrachte.

Beim flach gehaltenen Freiburgmarathon kam man auf solche Gedanken nicht. Da war an jeder Ecke Halligalli, Brassparty und Jubeltrubel. Hier aber, an der Schelinger Höhe, ist man doch recht allein mit seinen Beinen und seiner Lunge.



Gleicher Ort, anderer Puls

Später dann geht es über den Badberg, das Teletubbyland Südbadens. Das letzte Mal war ich hier an einem sonnigen Februarsonntag, mit Freunden, Picknickdecke und einer Flasche Crémant. Quasi mit dem Polsterkissen auf dem Kaiserstuhl. Obwohl es warm ist, obwohl die Wiesen würzig duften, obwohl es steil bergab geht - das gepolsterte Gefühl vom Februar stellt sich nicht wieder ein, kann nicht wiederkommen, dafür schlägt mein Puls zu hoch.

Vielleicht war es ein Fehler, mir vor dem Lauf das Höhenprofil nicht anzusehen. Denn ich bin mir nicht bewusst, was da noch kommt. Vielleicht läuft es sich aber auch besser als Unwissender, ich weiß es nicht.



Grenzkontrolle

Am brutalsten ist die Eichelspitze. Die Streckenplaner haben sie bei Kilometer 10, also etwa auf halber Distanz, eingebaut. 200 Höhenmeter auf 800 Metern. Erst hinterher lese ich, dass die Veranstalter für diese Passage raten, den Wanderschritt einzulegen. Niemand ist in Sichtweite. Keiner hört, wie ich mit der Atmung ringe. Keiner sieht, wie eine Ader an meiner linken Schläfe anschwillt. Ich röchele beim Ausatmen, vielleicht wie Phil Anselmo im Stimmbruch. Allein der Vorsatz, mich von nun an nicht mehr überholen zu lassen, prägt mein Denken.

Oben dann reicht mir ein Landwirt im Vorbeilaufen einen Birnenschnitz. Er lächelt, ruft: "Subber!" Erstaunlich, wie sehr einen solch kleine Gesten motivieren können, an der Grenze der körperlichen Belastung. Und ich merke, wie schwer es ist, heftig atmend ein Birnenstück zu zerkauen. Ich verschlucke mich, huste. Wenig später ruft mir eine ältere Zuschauerin zu: "Bravo, auf geht's! Siehsch noch gut uss!"



Einbildungen

Eine geduldige Zermürbung wartet bei Kilometer 19 in Form eines langgestreckten Anstiegs durch die Endinger Reben. Hinter mir höre ich eine Atmerin und einen Atmer. Offenbar bilde ich mir ein, dass sich die Frau, die an meinen Fersen klebt, einen peitschenden Tekhousebeat reinpfeifft.

Wie sich später herausstellen soll, ist das eine akustische Täuschung. Sonja Lutz, die für den SV Kirchzarten startet und mit 1:43:31 als schnellste Frau ins Ziel kommen wird, sagt später: "Nee, Musik hatte ich keine. Aber ich hab die ganze Zeit auf deine Stricksocken gestarrt und mich gefragt, wie man darin laufen kann."



Primitiver Wille

Die finalen Kilometer. Vor mir läuft ein Mann. Ich sehe nur sein Shirt mit der Rückenaufschrift "Kaiserstuhl Runners". Diese Buchstaben halte ich wie Eieruhren im Auge, sie sollen sich nicht weiter als zwei Schritte von mir entfernen.

Am Ortseingang laufen wir auf gleicher Höhe. Ich beginne den Schlußsprint. Ein letzter primitiver Wille befiehlt mir, allein ins Ziel zu kommen. Später wird mir berichtet, ich sei mit dem Blick eines Wahnsinnigen ins Ziel gelaufen. Aber eigentlich habe ich mich dabei ganz passabel gefühlt. Dann reicht mir jemand ein isotonisches Getränk und es kommt "Under Pressure" von Queen und Bowie. Normalerweise mag ich dieses Lied nicht, jetzt ist es mir egal.



Wein und Bier

Die Siegerehrung hat das rustikale Flair einer Prämierung von Kirmesboxern. Sie findet statt in einem halbseitig geöffneten LKW, besteigbar durch gestapelte Paletten. Und da ist auch wieder der Mann in Grau. Er vermutet in mir zunächst einen Elsässer, dann reicht er mir die Urkunde. Darauf steht meine Zeit (01:43:18), sowie, dass ich den 3. Platz in meiner Altersklasse erreicht habe. Obendrein gibt es einen Weißwein.

Den lass ich lieber noch zu und bestelle mir mit Siggi, der einen geilen achten Platz herausholte, zwei Frischgezapfte am Endinger Marktplatz. Die Sonne scheint uns ins Gesicht. In diesem Augenblick ist das Glück greifbar. Und wir fragen uns, was man für ein Freak sein muss, um diese Höllenrunde zweimal hintereinander zu laufen. Richtige Marathonläufer werde ich nie verstehen, aber ich habe Hochachtung vor ihnen.

Die Startnummer, 147, hängt nun an meiner Klotüre und erinnert mich an bessere Zeiten.

Mehr dazu:

  • Kaiserstuhl Weinmarathon: Website
Fotogalerie: Fionn Grosse

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