Grandios kitschig, grandios gut: Melody Gardot im Zirkuszelt

Manuel Lorenz & Dominic Rock

Der Grat war schmal, auf dem die US-amerikanische Jazzsängerin Melody Gardot gestern im ZMF-Zirkuszelt balancierte. fudder-Redakteur Manuel erklärt uns, warum.



Schon wie sie das Publikum begrüßt: Sie stellt sich ans Mikro, legt die Handflächen aufeinander und verbeugt sich. Sayonara, möchte man ihr entgegnen, oder irgendwas anderes Stereotypes. Dann, was sie an hat: schwarzer Turban, rotes Zwanziger-Jahre-Kleid, eine lange, beige Strickjacke im Stil eines Fischernetzes. Alles an ihr schreit: Ich bin ein Jahr lang um die Welt gereist. Danke für die Info, hatten wir ganz vergessen.

Drittens, ihr Gehabe: diese Schwarze brille, dieser schwarze Gehstock. Vielleicht glauben wir ihr sogar, dass ihr schwerer Verkehrsunfall vor neun Jahren sie außerordentlich in Mitleidenschaft gezogen hat. Wie sie aber ihre körperliche Versehrtheit inszeniert, diese bewusst mit ihrem makellosen Aussehen konterkariert, immer wieder ein paar Zentimeter Bein aufblitzen lässt, sich am Mikrofonständer auf und ab windet wie eine Poledancerin aus Las Vegas - Morbidität wie aus dem Skizzenblock von Tim Burton.

Des Weiteren, das Bühnenbild: Kaffeesäcke aus Jute, Teekisten aus Holz, bunte, mit Ornamenten bestickte Tücher, Räucherstäbchen. So wie alljährlich die Schaufensterdeko der Buchhandlung um die Ecke, die gerade ihre Reiseliteratur ausstellt. Zuletzt, das Publikum: Frauen Mitte Vierzig, die in der 'Brigitte' eine Rezension des neuen Gardot-Albums 'Absence' gelesen und ihren Mann - kulturinteressiert, Wein statt Bier - mit aufs Konzert geschleppt haben. Sie tragen Kleider, als würde es sich beim ZMF um die Salzburger Festspiele handeln und High Heels, als gelte es, den Grünen Hügel zu besteigen.

Aber. Die Zugabe: Der Bassist steht allein auf der Bühne und malträtiert seinen Kontrabass, was das Zeug hält. Er hämmert, zupft, streich, macht und bewegt sich dabei stilistisch in der weiten Ebene zwischen Al-Andalus und Psychedelic. Nach und nach vervollständigen die anderen Musiker die Jam-Session. Dann stößt endlich Melody Gardot hinzu und säuselt ihre eigenwilligen Versionen der Allerwelts-Standards 'Summertime' und 'Fever' ins Mikrofon. Bei der Bossa-Nova-Version von 'Over the Rainbow' begleitet sie ihr Cellist auf unorthodoxe, atemberaubende Weise: Er legt sein Streichinstrument quer auf die Knie und gebraucht es gleichsam als Jazzgitarre.

Überhaupt lässt Gardot ihren Musikern während der gesamten zwei Stunden viel Raum, um ihr Können zu zeigen und herumzujazzen. Das tut dem Abend gut und lenkt immer dann von ihr ab, wenn ihre Präsenz zu erdrückend zu werden droht.

Ihr Säuseln. Das muss man natürlich mögen, mal flach, mal vibrierend, oft leise, oft dünn, aber immer da, immer klar, zumeist irgendwo ganz weit oben, ganz in der Nähe jener Sphäre, in der sie sich am liebsten aufhält und die man Äther nennt. Text: ja. Vor allem aber dient ihr ihre Stimme als Instrument, das sie lautmalerisch einsetzt. Lange Melodiebögen, die ganz mit der Band verschmilzen, und unbeschwerte Scat-Einlagen ('The Rain'). Beatboxing, Zungengeschnalze, Zungengerolle, Hächeln und bloßes Atmen ('Impossible Love').

Gardot überrascht, sitzt am Flügel, schnappt sich eine Gitarre, lässt ihren Saxophonisten ein langes, feuriges Free-Jazz-Intro spielen, kommt in neuer, gänzlich schwarzer Garderobe auf die Bühne, spielt Weltmusik, spielt Jazz, spielt Balladen, spielt Schnelles. Zu selten erzählt sie. Wann immer sie nämlich eine Anekdote zum Besten gibt, outet sie sich als exzellente Stand-up-Kommödiantin und schafft es, eine Beziehung zum Publikum aufzubauen. Ansonsten ist sie eher mit sich selbst und ihrer musikalischen Reise durchs Universum beschäftigt. Ein Eso-Trip, der gut klingt, einem aber die Künstlerin nicht näher kennenlernt lässt.

Ihre Weltmusik-Anleihen: Es fällt schwer, sich für Espresso von Starbucks zu begeistern, wenn man schon mal einen in Rom getrunken hat. Und die Gemälde der Sacré-Cœur, die heute auf dem Montmartre feilgeboten werden, haben mit dem Fin de siècle genauso viel gemein wie ein Regenschirm mit einem beliebigen Picasso-Motiv.

Aber. Gardot macht ihrem Vornamen alle Ehre. Sie schreibt Melodien, die all das überhören lassen, und wird von Musikern begleitet, die immer wieder begeistern. Und so vergisst man zwischenzeitlich, dass man sich in einem Zirkuszelt befindet, das von Kies umgeben ist.

Mehr dazu:

 

Foto-Galerie: Dominic Rock

Tipp: Wartet einen Augenblick, bis die Galerie komplett geladen ist. Ihr könnt euch dann ganz bequem jeweils das nächste Foto anzeigen lassen, indem ihr auf eurer Tastatur die Taste "N" (für "next") drückt.