Grande Dame trifft verspielte Jungs: "Bossarenova-Trio" im Jazzhaus

Martin Jost

Tourfinale für das "Bossarenova-Trio" gestern Abend in Freiburg. Auf der Bühne: eine brasilianische Sängerin mit dem Herz auf der Zunge und zwei deutsche Kopfmusiker. Wie das zusammenpasst, hat sich fudder-Autor Martin angehört. [Mit Foto-Galerie!]



Alles an ihrer Stimme ist warm: Paula Morelenbaum singt samtig und weich und variiert ihr Timbre spielend, aber mit viel Sinn für Nuancen. Sie hat noch mit dem inzwischen verstorbenen Erfinder des Bossa Nova, Antônio Carlos Jobim, Musik gemacht. Näher an das Original konnte Komponist und Pianist Ralf Schmid also nicht kommen, als er die Brasilianerin 2009 für seine Renovierung des Bossa Nova ins Boot holte. Das Album „Bossarenova“ mit Schmids Arrangements nahmen sie mit der SWR-Bigband auf. Zuletzt tourten sie aber zu dritt mit Trompeter Joo Kraus als „Bossarenova-Trio“.

Schmid, Professor an der Freiburger Hochschule für Musik, hat Bossa-Nova-Klassikern wie „Mas Que Nada“ einen eigenen Klang abgewonnen, einen ganz analytischen, fast wie eine Operation am offenen Herzen. Zum „renovierten“ Bossa gehören aber auch eine eigene Komposition und Robert Schumanns romantisches Lied „Ich grolle nicht“ – übersetzt als „Pra Que Chorar“.

Die Musiker peppen ihr Spiel, das ohnehin schon ein riesiges Spektrum aus ihren Instrumenten holt, mit Synthesizer und Looper auf, alles Laptop-Apps. Ralf Schmid, der Kopf des Projekts, hält sich bescheiden am Flügel im Hintergrund. Der selbstbewusste Star Joo Kraus pfeift, stampft, klopft, singt, imitiert Vogelstimmen oder dreht zuweilen seine Trompete um und beatboxt in das Mikrofon an ihrem Schalltrichter.



In der Mitte des Sets spielen Schmid und Kraus ein Duett aus ihrem Projekt „Songs from Neverland“, einem Album mit Michael-Jackson-Songs. „Off the Wall“ ist nur an der Melodie des Refrains auf Trompete zu erkennen. Ansonsten wird es zerpflückt, gestückelt, verfremdet und in Scheibchen gehackt. Schmids Arrangements sind stellenweise überladen mit Formensprache wie ein Gedicht von einem Literaturwissenschaftler. Manchmal ist die Musik so planvoll und intellektuell. Das ist mein einziger Vorwurf an die Künstler: dass ich mit dem Gefühl dasitze, ich sollte jetzt eigentlich noch mehr nachdenken und irgend etwas verstehen.

Morelenbaum kommt zurück auf die Bühne und lächelt wieder warmherzig, solange die Jungs rumvirtuosen. Dann singt sie wieder voll Samt in der Stimme und spielt Rasseln oder Tamburin und alles fühlt sich genau richtig an.

Wie das Trio teilt sich auch das Publikum in Bauch- und Kopfmenschen. Während einige Leute mit geschlossenen Augen zuhören und mit den Köpfen wippen oder mit den Oberkörpern kreisen, müssen hinter mir zwei sich über die Musik aussprechen.

Auf der Bühne passen Kopf und Herz perfekt zusammen: Morelenbaums Stimme schwebt über allem und füllt geschmeidig die Räume zwischen den analytischen bis verspielten Tönen der Instrumentalisten. Die musikalische Summe des Trios ist virtuoser, geschliffener Hochglanz-Sound mit genug Herz.

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Für Mai 2012 ist eine Fortsetzung der Deutschland-Tour geplant, genaue Daten und Orte sind aber noch nicht bekannt.

Foto-Galerie: Martin Jost


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