Graffiti in Freiburg: Ein Sprayrundgang

Dana Hoffmann

In Freiburg gibt es zwölf Wände, auf die Grafittikünstler legal sprühen können. Dana hat Fabian bei einer Graffititour durch die Stadt begleitet. Ein journalistisches Piece über Spermüll Bernd, Hasen als Entwarnungssignal und den Kick des Illegalen. Mit großer Fotogalerie.



Der Geruch, der rund um die Fußgängerunterführung bei der Brauerei Ganter in der Luft liegt, ist verräterisch. Farbe, eindeutig. Die Lösungsmittel riecht man trotz des Autoverkehrs und den geöffneten Küchenfenstern der Gaststätte schon von weitem. Hinzu kommt ein Geräusch, das jeder kennt, der seinem Fahrrad schon mal eine ordentliche Kettenölung verpasst hat: Eine Kugel klackert beim Schütteln der Sprühdose. Am hellichten Tag und ganz in Ruhe sprayen zwei Jungs in übergroßen, kaum leserlichen Buchstaben ihre Namen an die Wände im Tunnel. „Oft bleiben Leute stehen und fragen, was wir da machen“, sagt Fabian, Graffitikünstler und heute mein Spray-Cityguide.

„Wir erklären dann, dass wir die Erlaubnis von der Stadt haben und dann freuen sich die meisten eigentlich, dass hier ein bisschen Farbe reinkommt.“ Die Ganter-Unterführung ist eine so genannte „hall of fame“, ein Ort, an dem Sprayer kreativ und legal zu Werke gehen können. „In Freiburg gibt es insgesamt zwölf legale Wände“, sagt Fabian, "so viele gibt’s sonst nirgendwo in Deutschland.“



Die erste Station unserer Graffiti-Stadtrundfahrt nutzt Fabian gleich aus, um mir einige Vokabeln beizubringen. Er streicht über die „Outline“ eines „Piece“, erklärt, wie diese Umrandung aufgetragen und danach das „Filling“ gemalt wird, später hier und da noch ein paar „Highlights“, vielleicht noch eine „Second“ und fertig ist das urbane Kunstwerk.

Wir stehen jetzt vor einer weiteren legalen Wand in der Unterführung zwischen der alten Stadthalle und der Musikhochschule. „Die legalen Wände sind eigentlich nicht zum Üben gedacht. Hier malen nur richtig gute Leute. Davor hat man dann auch Respekt.“

Der Respekt wird unter den Sprayern gemessen in Tagen, die ein Motiv an einer Mauer überdauert: Je höher die Anerkennung, desto länger dauert es, bis ein anderer das Bild übermalt. „Das funktioniert. Nur manchmal kommen ein paar Kids vorbei, die das nicht blicken und irgendwas drüberschmieren.“ Ein gutes Bild hat eine Halbwertszeit von vielleicht zwei oder drei Monaten, länger eher selten, die meisten verschwinden schon nach wenigen Wochen wieder.

Der 24jährige Niedersachse hinterlässt schon seit elf Jahren Spuren an Wänden und Fassaden: „Ich bin früher oft mit dem Zug nach Hannover gefahren und hab da an den Mauern immer neue Sachen gesehen. Mich hat das damals fasziniert. Ich bin in den Baumarkt gefahren und hab mir meine ersten Dosen gekauft.“



Als er vor knapp zehn Jahren nach Freiburg kam, fand er schnell Kontakt zur Sprayer-Szene. Den ersten Freiburger Fassadenmaler kennt Fabian nur aus Erzählungen: „Spermüll Bernd“ war vor seiner Zeit ab 1993 aktiv, wurde Mitte der 90er von „Mafia“ abgelöst. Der arbeitet inzwischen als Koch im Bundestag.

„Die meisten Sprayer haben ganz normale Berufe, viele sind verheiratet und haben Kinder“, sagt Fabian, der selbst seit sieben Monaten Vater ist. „Seit die Kleine da ist, spraye ich viel weniger, illegal schon seit einigen Jahren nicht mehr“ – seitdem er erwischt wurde und 200 Stunden in der Wäscherei der Uniklinik arbeiten musste.

„Das Illegale hat schon einen gewissen Reiz“, sagt der angehende Grafiker. „Das ist ein bisschen wie Räuber und Gendarm spielen: Verstecken, Aufpassen und Weglaufen.“



An der Stadthalle treffen wir zwei Schweizer, die es sich mit ein paar Bier und Farbdosen regengeschützt gemütlich gemacht haben. In der Schweiz gebe es nicht viele legale Stellen, meinen sie. Und an der fünfzehn Kilometer langen Mauer vor dem Basler Bahnhof würde es oft Stress geben, wenn die Zugführer von den Gestalten neben den Schienen irritiert seien und halten würden.

Bahnhöfe sind ein beliebtes Ziel für Sprayer. Abgesehen vom Nervenkitzel reizt viele der „Fame“, die Anerkennung, wenn sie es schaffen, ein „Wholecar“, einen Waggon, oder gar einen ganzen „Wholetrain“ zu bemalen, einen Zug, der dann als mobile Leinwand durch Deutschland fährt.

Die Zug- und die Wandsprayer, das seien eigentlich zwei verschiedene Gruppen, erklärt Fabian. Während die einen sich tagsüber in aller Ruhe ihr Ziel für die nächste Nacht aussuchen können und nur während der Aktionen aufpassen müssen, hocken die anderen teilweise stundenlang an den Gleisen oder verstecken sich in den Bahnhofskulissen, um die Wachrouten der „Checker“ auszuspähen, sich Fahrpläne einzuprägen und Lichtsignale zu beobachten.

Auch Fabian hat früher „den einen oder anderen Zug“ bemalt. „Die Atmosphäre nachts auf einem Bahnhof ist einfach toll, die Lichter, die Geräusche. Oft gibt es auch Hasen und wenn man die sieht, dann weiß man, dass gerade kein Wachmann in der Nähe ist.“



Inzwischen beschränkt er sich auf die Sonntage, mal alleine unter dem Pseudonym „Pase“, mal zusammen mit seiner Crew „New Kids Live“ (NKL). „Meine Freundin ist schon manchmal eifersüchtig, wenn ich viel Zeit beim Sprayen verbringe. Aber sie hat mich so kennengelernt und Graffiti ist für mich Lebenseinstellung.“

Diese Einstellung teilen mit ihm in Freiburg rund 50 aktive Sprayer, im Sommer sind es meist sogar um die 100. „Es gibt viele Mitläufer, die nur eine Saison ein bisschen rumsprayen und dann wieder verschwinden.“ Genau die seien es auch, die viele der unausgesprochen feststehenden Graffiti-Regeln nicht beachten würden. „Kirchen und Friedhöfe sind tabu, Schulen, alte Häuser und Denkmäler auch.“

Neuere Privathäuser tauchen in Fabians Aufzählung nicht auf. „Ich lehne es inzwischen ab, an Hauswände zu taggen. Als ich 15 war, hab ich das aber auch noch gemacht.“ Die Tags, die einfarbigen, kurzen Unterschriften, sind einer der großen Streitpunkte zwischen Sprayern und Graffiti-fernen Bürgern.

„Es kann keiner verstehen, wieso wir das schön finden. Natürlich ist auch viel Schrott dabei, aber generell sind ästhetische, kreative Schriftzeichen toll. Ich denke aber, den meisten ist es einfach egal, wem das Haus gehört und was für Kosten durchs Sprayen entstehen.“

 

Durch die Entfernung unerlaubter Graffiti an Gebäuden entsteht pro Jahr alleine in Freiburg ein Schaden von bis zu 500 000 Euro. Laut der Haus & Grund Deutschland - Eigentümerschutz-Gemeinschaft gehen die tatsächlichen Kosten aber zurück: Viele Hausbesitzer lassen Graffitis gar nicht erst entfernen, nach nur wenigen Tagen sind meist neue „Schmiereien“ an der Fassade. Die Reinigung aller bemalten Hauswände würde in Freiburg im zweistelligen Millionenbereich liegen.

In Freiburg wurden vergangenes Jahr 922 Fälle der Sachbeschädigung durch Graffiti angezeigt, allerdings können nach Angaben der Staatsanwaltschaft nur wenige Fälle aufgeklärt werden. Sollte es zum Prozess kommen, drohen jugendlichen Sprayern Arbeitsstunden oder in Einzelfällen auch Geldstrafen.

Wer über 21 ist und bei illegalen Aktionen erwischt wird, dem droht neben einem Bußgeld eine Gefängnisstrafe von bis zu zwei Jahren. Dieses Strafmaß gilt übrigens auch schon dann ab 19 Jahren, wenn sich jemand besonders häufig und umfangreich an Wänden verewigt hat und sich dann nicht einsichtig verhält.

Einsichtigkeit kann auch nützlich sein, um eine Gerichtsverhandlung zu umgehen: Einigen sich Täter und Opfer, dann ist zwar Wändeschrubben angesagt, die Geldbörse bleibt aber verschont. Erst seit 2005 gilt Graffiti an sich als Sachbeschädigung – bis dahin musste ein Eingriff in Substanz oder Funktion wie etwa bei übersprühten Verkehrsschildern vorliegen, um den Sprayer zur Verantwortung ziehen zu können.

Die Deutsche Bahn versucht inzwischen, sich mit Speziallackierungen gegen die Nutzung von Zügen als fahrende Galerien zu schützen. Trotz der schnell abwaschbaren Beschichtung entstehen bundesweit jährlich Kosten von rund 50 Millionen Euro.

 

In der Diskussion über Ästhetik und Vandalismus vergessen wir fast den Regen, der uns auf dem Weg entlang der Dreisam begleitet. Kurz vor der Schwabentorbrücke bewundere ich im Vorbeifahren eine legale Wand am anderen Ufer.

Sicher hundert Meter lang und von imposanten Bildern bedeckt, ein riesiger Männerkopf hält schon seit vergangenem Sommer die Stellung. Die Schnewlinbrücke am Autobahnzubringer bietet zwar willkommenen Schutz vor dem Aprilwetter, die vorbeirauschenden Autos machen den Aufenthalt aber eher ungemütlich. Deshalb kommen hier auch nicht so viele zum Malen her.

„Der Autolärm macht einen total nervös und man wird schnell hektisch.“ Außerdem schaue hier öfter mal die Polizei vorbei, obwohl auch unter der Brücke das Sprayen erlaubt ist. „Irgendwelche Autofahrer sehen uns, rufen die Polizei und die parken dann wirklich mitten auf dem Zubringer und überprüfen unsere Personalien und so.“

Für ein Bild von etwa zwei mal vier Metern braucht Fabian ungefähr drei bis vier Stunden inklusive der Grundierung. Eine Dose Farbe reicht für circa 1 ½ Quadratmeter, das Gesamtkunstwerk kostet in der Regel rund 30 Euro. Fabian, der sein Graphikdesign-Studium durch einen Job bei einer großen Immobilienfirma und mit Graffiti-Auftragsarbeiten finanziert, tut der finanzielle Aufwand weh. Aber er zuckt mit den Schultern und gibt zu: „Es ist halt eine Sucht, ich kann damit nicht aufhören.“



Unsere Tour endet kurz darauf auf dem ehemaligen Gelände von „Götz und Moriz Baustoffe“ in der Lörracherstraße. Nein, die Mauern der alten Lagerhalle seien keine „Hall of fame“, meint Fabian, als er vor den zerschlagenen Fensterscheiben steht. „Aber hier kommen viele zum Malen her und das wird eigentlich auch geduldet.“

Etwas unheimlich ist es schon, im Dämmerlicht durch alte Hallen zu schleichen, über dem Kopf flattern Tauben, unter den Füßen knirscht zersplittertes Glas. Für Fabian macht genau das den Reiz aus: „Im Dunkeln wirkt das alles noch viel gespenstischer, die hohen Wände und so, und dann pfeift's und du hörst komische Geräusche.“ Damit meint er sicher nicht das Klackern der Kugel im Inneren seiner Sprühdose.

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