Gottesdienst für den Thermomix: Wie ich knapp der Konvertierung entging

Eva Hartmann

Die einen Kochen mit viel Liebe, die anderen mit dem Thermomix. Um das hochmoderne Universal-Küchengerät werden mittlerweile Glaubenskriege ausgetragen. fudder-Autorin Ella Hartmann hat sich das Phänomen in Freiburg aus der Nähe angesehen - und konnte einer Aufnahme in die Religionsgemeinschaft knapp entgehen.



„Pling!“ - eine Freundin hat mir auf Facebook geschrieben. "Hast du Lust, am Freitag zum Thermomix-Abend zu mir zu kommen?" Ich muss ein bisschen kichern: Diese Einladung ist eine Reaktion auf eine sehr kontroverse Diskussion, die ich vor einigen Wochen mit dieser und vielen anderen Freunden und Freundinnen auf meiner facebook-Pinnwand hatte. Es ging um das Phänomen Thermomix – das mir persönlich höchst suspekt ist.

Der Thermomix ist eine Art eierlegende Wollmilchsau der - sogenannten - modernen Küche. Ein Universal-Küchengerät, dass wiegen, zerkleinern, kochen, dämpfen, rühren und kneten kann. Gemüter erhitzen und Lager spalten gibt es als Bonusfunktionen obendrauf. Die einen lieben ihn, die anderen verstehen nicht, wozu man ihn braucht.

Die einen, das sind zum Beispiel die Frauen in den YouTube-Videos, die ich mir angesehen habe: Ihre Gesichter strahlen vor Begeisterung mit den Fronten ihrer schicken Hochglanzküchen um die Wette, während sie zeigen, wie man mit dem „Thermi“ (sic!) ganz schnell Lachsnudeln machen kann. Oder Eierlikör. Oder Risotto! Alles so lecker, so einfach und so schnell. Die Begeisterung nimmt teilweise Ausmaße an, dass man den Eindruck bekommen kann, man hätte es mit einer Art strombetriebenen Gottheit zu tun; die Arbeitsfläche der Altar, die Zutaten die Opfergaben. Ich kenne Familien, die nehmen ihren Thermomix mit in den Urlaub. Der Hype um den Thermomix ufert derart aus, dass der Hersteller Vorwerk kaum mit der Produktion hinterherkommt. 12 Wochen wartet man derzeit auf die Lieferung des Gottes-Geräts.

Die anderen, das sind Menschen wie ich. Ich koche gerne und und oft; täglich für fünf Personen. Weder die Vorbereitung, noch das Kochen selbst nerven mich, im Gegenteil: die Handgriffe, die Düfte, das Abschmecken - es hat viel Sinnliches für mich. Das Saubermachen hinterher ist eben ein notwendiges Übel. Die einzigen Küchengeräte, die ich besitze, sind eine digitale Waage, ein Pürierstab und ein Handmixer – mehr brauche ich nicht. Es ist mir ein Rätsel, was genau der Vorteil an einem Thermomix sein soll – vor allem, wie dieser Vorteil so groß sein könnte,  dass er den stolzen Preis von rund 1000 Euro rechtfertigen würde.

Schnippeln muss man das Gemüse auch, und alles was dieses Gerät angeblich kann, ist mir bisher problemlos mit herkömmlichen Töpfen und Pfannen gelungen. Meine Skepsis ist groß, meine Neugier aber noch größer, und heute Abend bekomme ich endlich die Gelegenheit, mir dieses Wunderwerk der Technik aus der Nähe anzugucken: Ich darf „Erlebniskochen mit dem Thermomix“ - meine Vorfreude ist groß, und doch habe ich ein bisschen Schiss, am Ende vollständig brainwashed nach Hause zu kommen und im Zombiemodus eine große Summe Geld an die Firma Vorwerk zu überweisen.

Welche Zahlungsart...?

Zunächst aber werde ich in der Wohnung meiner Freundin sehr herzlich begrüßt. Ich bin der letzte eintreffende Gast; die Thermomix-Vorführdame und zwei weitere weibliche Gäste sitzen schon am stimmungsvoll gedeckten Tisch des Gastgeberehepaars. An meinem Platz liegt ein Ausfüllbogen, der vorgibt, meine Meinung zum heutigen Abend erforschen zu wollen. Oben soll ich alle meine Kontaktdaten angeben, unten darf ich ankreuzen, welche Zahlungsart mir für meinen Thermomix am liebsten wäre, wenn ich einen ebensolchen bestellen würde – rein hypothetisch natürlich, es geht ja nur um meine Meinung.

Selbst, wenn ich möglicherweise für den Kauf eines Thermomix interessiert hätte, würde ich mich jetzt ein bisschen bedrängt fühlen. Auch soll man ankreuzen, was einem an seiner Ernährung besonders wichtig ist – möchte man kreativ kochen oder lieber schnell, gesund oder ökonomisch? Oder zufällig alles gleichzeitig? Es läuft natürlich alles darauf hinaus, dass am Ende der Thermomix die Antwort auf alle Sehnsüchte der modernen Hausfrau sein wird.

Dann geht es los. Die Vorwerk-Dame packt ein kleines Flipchart aus, anhand dessen sie uns den Thermomix und alle seine Vorzüge erstmal ausführlich erklärt. Das neueste Modell hat kaum noch Knöpfe, dafür einen kleinen Touchscreen und auswechselbare Kochbuch-Chips. Mit seinem schicken Design und der weißen Hochglanz-Oberfläche dürfte es sich optisch perfekt in die Küchen vieler koch-unbebgeisterter Menschen einfügen. Die zahlreichen Funktionen, die hohe Leistungsfähigkeit und die enorme technische Fortschrittlichkeit dieser Maschine werden auf eine Art und Weise abgefeiert, dass man schnell den Eindruck bekommen kann, man lebte vollkommen hinter dem Mond, wenn man so ein Gerät immer noch nicht besitzt.

Als nächstes dürfen alle eine "Bordkarte" ziehen, auf der jener Teil des Menüs steht, den er oder sie gleich mit dem Thermomix zubereiten darf. Glücklicherweise lebt das Gastgeberehepaar vegetarisch, so dass ich mich auf frische Brötchen mit herzhaftem Aufstrich, Rohkostsalat, mediterranes Gemüse mit Reis und Himbeereis freuen darf. Klingt vielversprechend. Alle nacheinander dürfen wir dann auf Tuchfühlung gehen mit der weiß glänzenden Wahnsinnsmaschine. Die Arbeitsschritte sind im wesentlichen immer die gleichen: Das jeweilige Rezept auf dem Touchscreen aufrufen, und sich Schritt für Schritt durch alle Anweisungen klicken. „Guided cooking“ heißt das offiziell; es soll Leute geben, die es „Kochen für Dumme“ nennen.



Im Falle des Brokkolisalats, den ich zubereiten darf, heißt das: Zutat für Zutat in den Edelstahlbehälter geben, Deckel schließen, vier Sekunden lang häckseln, fertig. Es geht wirklich sehr schnell, aber: Where ist the love? Ich fühle mich irgendwie, als hätte ich einen Korb gekriegt, während ich  da rumstehe und  Essen per Knopfdruck zubereite. Ein "Erlebnis" stelle ich mir anders vor. Der fertige Salat ist optisch nicht ganz so ansprechend – konventionell geschnippelt sähe er bestimmt leckerer aus.  Dennoch bin ich von der Leistung der Maschine beeindruckt. Alle Gemüsestücke sind gleich groß gehäckselt und der Senf, der zum Dressing gehört, hat sich in den nur 4 Sekunden vollständig aufgelöst und mit den anderen Dressingzutaten vermischt. Nicht übel!

Etwas weniger vorteilhaft finde ich die Häckselkraft des Geräts dann aber bei der Zubereitung des Hefeteigs für die Brötchen. Denn dieser wird im Thermomix-Behälter „geknetet“ - allerdings ebenfalls mit dem Messer, sodass nach zugegebenermaßen sehr kurzer Zubereitungszeit ein völlig zerfetzter, jämmerlich dreinblickender Teigklumpen herausplumpst. Man kann mein Mitleid mit dem Hefeteig lächerlich finden, aber als eine, die seit Jahren Brot selbst backt und weiß, wie ein Hefeteig gerne behandelt werden möchte, tut mir der Anblick schon ein bisschen weh.

Zwei der anwesenden Damen besitzen bereits einen Thermomix und brechen zwischendurch immer wieder in Begeisterungsstürme aus. Als beim Zubereiten des Hauptgerichtes feiner, fast geruchsloser Dampf aus dem Varoma-Behälter aufsteigt, muss ich irgendwie an Weihrauch denken.

Immerhin: solide und lecker

Dem Geschmack der fertigen Gänge des Menüs tut die teilweise unsanfte Zubereitungsweise keinen Abbruch. Die Brötchen sind außen knusprig und innen fluffig-weich und auch alle anderen Speisen schmecken wirklich gut.  Keine exorbitanten Geschmacksorgasmen, aber solides, leckeres Essen.  Während wir essen, zieht sich die Vorführdame diskret in die Küche zurück: Freie Bahn für ein freies Tischgespräch. Beim Zuhören verfestigt sich der Eindruck, den ich von vorne herein hatte: So ein Thermomix kann eine Offenbarung sein für Menschen, denen Kochen keinen Spaß macht, oder die es vielleicht nie gelernt haben.

Dass das selbst zubereitete Essen plötzlich nicht nur gelingt, sondern auch noch schmeckt, die Zubereitung teilweise sehr schnell geht und kaum Abwasch und keine dreckige Küche hinterlässt, ist manchen Leuten gerne 1000 Euro wert. Dass das mit Kochen kaum etwas zu tun hat, scheint zweitrangig. Vielleicht ist ja auch vollkommen legitim, als "moderne Hausfrau" nicht mehr Erwartungen von vor 30 Jahren entsprechen zu wollen.

Ich koche aber lieber auch weiterhin auf meine rückschrittige Art und Weise - weil es mir Spaß macht. Ich werde mein Gemüse mit dem Kochmesser in Juliennes schneiden, den Käse auf Omas Vierkantreibe reiben und Brotteig mit den Händen kneten. Ich werde im Gefühl behalten, wie lange etwas unbeaufsichtigt vor sich hin köcheln kann, und am Klopfgeräusch erkennen, ob das Brot gut geworden ist. Mein Besuch wird an der Duftfahne im Treppenhaus erraten können, was ich für ihn koche – und vielleicht hilft er mir hinterher ja ein bisschen beim Abwasch.  Eine Thermomix-Jüngerin wird aus mir nicht. Aber der Brokkolisalat war so lecker, dass ich den ganz bestimmt nachmachen werde – ohne Thermomix, dafür mir meinen Händen, einem Messer und ganz viel Liebe zum echten Kochen.

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[Fotos: Ella Hartmann]