Get Well Soon im Spiegelzelt: Ein Wahnsinnsgig

Alexander Ochs & Gina Kutkat

Wir haben den Mund voll genommen und nichts Geringeres als die "Indiepop-Sensation des Jahres" angekündigt. Wie war es? Get Well Soon klingt nach "Guter Besserung" oder so was – doch besser kann man es kaum machen, finden unsere restlos angefixten Musikjunkies. Bilder von Gina, Buchstaben von Alex.



Um es vorwegzunehmen: Der Live-Auftritt der Formation um Mastermind Konstantin Gropper hat dem Eindruck der CD in nichts nachgestanden, ja, er übertraf das große, großartige Versprechen, das seine Musik vorab gegeben hatte.

Rest now, weary head! You will get well soon
, kündigt Konstantin Gropper zu den zarten Klängen des Glockenspiels an, zu Beginn des Konzerts. Und es klingt wie eine Verheißung. Ihr kriegt Get Well Soon, bald wird es besser werden. Linderung für gepeinigte Seelen, allerfeinster Ohrenschmaus für Musikliebhaber an der Bau- und Schnittstelle zwischen Indiepop und klassisch-symphonischen Arrangements, zwischen Althergebrachtem und Experiment. Blitzgenesung.



Der Opener, „Prelude“, zeigt druckvoll und eindrucksvoll, wie gekonnt die siebenköpfige Band zwischen wundervoll ruhigen Momenten und krachenden Rockpassagen zu wechseln imstande ist. Und live lassen es die Herren samt Dame noch viel mehr krachen als auf ihrer CD. Ein bisschen wie auf einem Jahrmarkt in Osteuropa wähnt man sich beim zweiten Stück „You/Aurora/You/Seaside“, einem Balkanschlager à la Beirut mit doppelter, synchron spielender Trompete.

Der Multiinstrumentalist Gropper jongliert dermaßen souverän und kunstvoll mit Musikstilen und -instrumenten, dass einem – der Schwindel hat sich schon längst zum unwiderstehlichen Sog entwickelt – die Ohren wohlig zu glühen beginnen. Ganz, ganz großes Kino, und zwar Cœur- und Kopfkino im Cinemascope-Breitwand-Format, das einem weniger durch Mark und Bein geht, dafür aber, soviel Pathos muss sein, mitten ins Herz trifft. Wie das?
Keiner tanzt, keiner knipst, keiner geht Getränke holen, keiner wagt den Gang zum Klo. Aus Angst etwas Einmaliges zu verpassen. Aus Ergriffenheit.

Einige haben die Augen geschlossen, träumen, lassen sich treiben, einige wippen gelegentlich dezent mit, aber jeder bleibt die ganzen 90 Konzertminuten über an seinem Platz. Auch die nachbarzeltlichen Klänge von „Eins + Eins, äh Ich + Ich“  (O-Ton Gropper) konnten das Wir-Gefühl nicht torpedieren. „Wahnsinn!“, ruft eine Zuschauerin nach dem Song „Help to prevent forest fires“. „Thannhäuser!“, ein anderer nach „Visconti 1972“.

Dieses fantastische, überraschende „Shoot, baby! Shoot baby! Pull the trigger! Fire a bullet, an arrow, or a poisoned dart, baby!” in „If this hat is missing I have gone hunting“! Hier ein subversiver Tango, der rockig und energiegeladen aus den Boxen knallt – bis er in ein somnambules Lamento verfällt, getragen von Piano und Akustikgitarre. Da ein Walzer, serviert von der vielseitigen und absolut überzeugenden Band. Anschließend eine Crescendo-Rocknummer, am Ende ein furioses Finale.



„Ihr seid auch Teufelskerle!“, entfährt es einer Zuschauerin in der ersten Reihe voller Bewunderung. „Teufelskerle? Das freut uns“, frohlockt der Frontmann freundlich. Herrlich unspektakulär, sympathisch und natürlich gibt sich der junge Oberschwabe auf der Bühne. Einmal blitzt ein Anflug von Rockstarpose auf, als Konstantin Gropper die Faust emporreckt.

Könnte gut sein, dass er die in Zukunft öfter brauchen wird. Wenn alles mit rechten Dingen zugeht, sollte dieser Wunderknabe seinen Indie-Siegeszug mindestens durch Europa antreten. Und jedem, der diese Musik noch nicht für sich entdeckt hat, möchte man zuraunen: Well, get Get Well Soon soon!

Foto-Galerie: Gina Kutkat

Tipp: Wartet einen Augenblick, bis die Galerie komplett geladen ist. Ihr könnt euch dann ganz bequem jeweils das nächste Foto anzeigen lassen, indem ihr auf eurer Tastatur die Taste "N" (für "next") drückt.