Forschungsprojekt

Geographie-Professor: "Green City ist das Label, das sich Freiburg auf die Fahne geschrieben hat"

Thomas Kubina

Ob Auto, Bahn, Fahrrad oder E-Roller: Mobilitätsangebote sind vielfältig und städtisch wie ländlich einem steten Wandel unterworfen. Wie das Mobilitätsverhalten der Menschen in und um Freiburg aussieht, möchte der Freiburger Geographie-Professor Tim Freytag herausfinden.

"Mobilität im Alltag: Aktivitäten, Einschätzungen und Perspektiven" heißt Ihr fragebogenbasiertes Forschungsprojekt. Was kann man sich darunter konkret vorstellen?

Im Fokus dieses Projekts steht die Alltagsmobilität. Für die Untersuchung werden in den nächsten Wochen mehrere tausend Menschen im Freiburger Raum befragt. Erst einmal geht es darum, mit welchen Verkehrsmitteln die Befragten täglich ihre Kilometer zurücklegen. Also unabhängig von den Fernreisen oder Urlaubsreisen. Außerdem möchte ich mehr erfahren über Wünsche und Einstellungen gegenüber unterschiedlichen Formen der Mobilität. Das ist auch wichtig angesichts künftiger Entwicklungen, denn im Bereich der Mobilität hat es in den letzten Jahrzehnten rasante technologische Veränderungen gegeben. Das betrifft zum Beispiel die Auswirkungen der Digitalisierung, aber auch die verschiedenen Bestrebungen auf dem Weg zu einer nachhaltigen Mobilität. Was mich interessiert, sind hier nicht die Technologien allein, sondern vor allem, wie sie von den Menschen beurteilt werden.

Wie ist dieses Projekt zustande gekommen?

Das Projekt ist eine Kooperation mit Stefan Gössling von der Universität Lund in Schweden. Er ist ein ausgewiesener Experte für Mobilitätsforschung. Schon seit einer Weile diskutieren wir beide darüber, wie sich Mobilitätsgewohnheiten je nach Lebensphase verändern und sicherlich auch davon abhängen, wo die Menschen leben: in der Stadt, auf dem Land oder im suburbanen Raum? Mobilität richtet sich nach den lokal verfügbaren Angeboten, aber sie ist auch ein Stück weit eine Frage des Lebensstils. Wir sind neugierig, nun bald mehr darüber herauszufinden!
Zur Person

Tim Freytag lebt in Freiburg und ist seit 2010 Professor für Humangeographie an der Fakultät für Umwelt und Natürliche Ressourcen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Tourismus- und Mobilitätsforschung, geographische Stadtforschung und nachhaltige Stadtentwicklung sowie Sozial- und Bildungsgeographie. Er ist Sprecher des Instituts für Umweltsozialwissenschaften und Geographie und zudem auch Mitglied im Senat der Universität Freiburg.

Welcher Trend zeichnet sich in puncto Mobilität in Deutschland bisher ab?

Seit einigen Jahren gibt es einen kontinuierlichen Anstieg des Mobilitätsaufkommens. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit wird es im Zuge der Globalisierung immer einfacher und selbstverständlicher, dass Menschen, Dinge und Informationen über große Distanzen bewegt werden. Aber wenn man genauer hinschaut, kann man auch unterschiedliche Entwicklungen erkennen. In einigen größeren Städten und Verdichtungsräumen haben wir zum Beispiel einen leichten Rückgang des motorisierten Individualverkehrs, während die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln und Fahrrädern beliebter wird. Aber auch die Car-Sharing-Angebote nehmen im städtischen Raum deutlich zu.

Demgegenüber hat man den öffentlichen Nahverkehr im ländlichen Raum während der letzten Jahre stellenweise vernachlässigt. Das kann zu einer größeren Abhängigkeit vom Auto führen. Es ist übrigens zu beobachten, dass ältere Generationen oft stärker am Auto hängen als jüngere. Für viele jüngere Menschen ist es weniger wichtig, ein eigenes Auto zu besitzen. Das hat sicherlich auch psychologische Gründe, denn das eigene Auto wird traditionell gern mit Freiheit, Erfolg, Prestige und Stärke in Verbindung gebracht. Auf jeden Fall ist es eine spannende Frage, wie sich in den nächsten Jahren die Mobilitätsangebote und die Nutzungsgewohnheiten der Menschen verändern werden.
"Es ist übrigens zu beobachten, dass ältere Generationen oft stärker am Auto hängen als jüngere."

Kann Freiburg als "Green City" eine Vorreiterrolle aus ökologischer Sicht für Deutschland einnehmen?

Green City ist das Label, das sich die Stadt Freiburg auf die Fahne geschrieben hat. Damit hat sich Freiburg in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich positioniert, nicht nur in Deutschland und Europa, sondern weltweit. Das heißt natürlich nicht, dass Freiburg sich jetzt ausruhen kann. Im Gegenteil: Es ist eine große Herausforderung, dem eigenen Anspruch in der Gegenwart und auch in Zukunft gerecht zu werden. Inwieweit die Stadt Freiburg tatsächlich als ökologischer Vorreiter angesehen werden kann, wird sich auch in dem laufenden Forschungsprojekt zeigen. Am Beispiel der Mobilität werden wir herausarbeiten, welche unterschiedlichen Vorstellungen und Gewohnheiten bei den befragten Menschen in verschiedenen Freiburger Stadtteilen und den Umlandgemeinden vorherrschend sind.

Wenn wir schon bei Ökologie und Nachhaltigkeit sind: Ein politisches Schlagwort ist die Verkehrswende. Sollte es beispielsweise kostenlose öffentliche Verkehrsmittel geben?

Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Es ist immer eine Frage der Finanzierung, der verfügbaren Transportkapazitäten und der Reichweite des Angebots. Kostenlos bedeutet ja nicht, dass keine Kosten anfallen würden – sie werden den Nutzerinnen und Nutzern nur nicht direkt in Rechnung gestellt. Es gibt bereits einige Städte, in denen das erprobt wurde. Soweit ich weiß, hat es in manchen Fällen gut geklappt, in anderen wurde das kostenlose Angebot aber schon bald wieder abgeschafft. Die Erfahrungen zeigen, dass maßgeschneiderte Lösungen für die jeweiligen Orte und Verkehrsmittel erforderlich sind. Letztlich ist die Umsetzung und Akzeptanz kostenloser Verkehrsangebote ein politischer und gesellschaftlicher Aushandlungsprozess.

"Inwieweit die Stadt Freiburg tatsächlich als ökologischer Vorreiter angesehen werden kann, wird sich auch in dem laufenden Forschungsprojekt zeigen."

Klimasünder wie Autos, Flugzeuge und Schiffe sind aus der globalen Mobilität kaum wegzudenken. Oder doch?

Was in den nächsten Jahrzehnten passieren wird, liegt nicht allein in der Hand von Wirtschaft und Politik, sondern auch in der Verantwortung von uns einzelnen Menschen mit unseren alltäglichen Konsum- und Mobilitätsentscheidungen. Dieses Bewusstsein versuchen wir übrigens auch den Studierenden an der Fakultät für Umwelt und Natürliche Ressourcen an der Universität Freiburg zu vermitteln. Durch die Corona-Situation sind in den vergangenen Monaten manche Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt worden.

Wir haben gesehen, dass der Verkehr in Freiburg eine Zeit lang weitgehend ausgesetzt war. Im internationalen Rahmen hat hat es den Flugreiseverkehr und die großen Produktions- und Lieferketten besonders stark getroffen. Trotz aller Schwierigkeiten und Einschränkungen haben viele Menschen die Erfahrung gemacht, dass das Leben auch ohne die Selbstverständlichkeiten des Alltags irgendwie weiter geht. Meiner Meinung nach ist es wichtig, eine vorhandene Situation von Zeit zu Zeit auch einmal in Frage zu stellen und damit einen offenen Austausch über die Zukunftsgestaltung zu ermöglichen. Genau das zeigt sich in diesem Sommer übrigens im Tourismus, denn viele Deutsche haben sich für einen Urlaub im eigenen Land entschieden. Die Corona-Pandemie hat also die vertrauten Reisegewohnheiten in diesem Jahr deutlich verändert. Ob sich der Trend zum Binnentourismus festigen kann, wird sich zeigen. Ich bin in diesem Punkt eher skeptisch. Und trotzdem: Die Corona-Zeiten irgendwann einmal hinter sich zu lassen, muss nicht zwangsläufig bedeuten, zu einer alten Normalität zurückzukehren. Wir haben jetzt die Möglichkeit, unsere Gewohnheiten zu überdenken und neue Wege einzuschlagen.

Wie kann man quantitative und qualitative, also bedürfnisorientierte, Mobilität vereinbaren?

Welche Formen der Mobilität angeboten werden, das ist ein stetiger Aushandlungsprozess zwischen politischen, wirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren. Im Alltag treffen wir immer wieder aufs Neue kleine Mobilitätsentscheidungen. Nehme ich heute das Fahrrad oder den Bus? Wann brauche ich ein Auto und wann nicht? Mal steht bei der Entscheidung die Kostenminimierung im Vordergrund, mal die Bequemlichkeit. Ein anderes Mal überwiegen vielleicht ökologische Aspekte oder der Wunsch nach Flexibilität. Je nach Situation wirken unterschiedliche Entscheidungskriterien. Zum Glück! Denn die Menschen haben auch unterschiedliche Vorlieben und Interessen. Jeder Einzelne von uns ist mal in der Situation, in der es besonders schnell gehen muss, von A nach B zu kommen. Und ein anderes Mal lassen wir uns vielleicht etwas mehr Zeit. Wichtig ist nur, dass es uns noch stärker bewusst wird, dass die meisten von uns selbst entscheiden können, wie wir von Tag zu Tag mobil sein möchten.

"Die Corona-Pandemie hat die vertrauten Reisegewohnheiten in diesem Jahr deutlich verändert."

Es geht in dem Projekt vor allem darum, die Anregungen und Wünsche der Befragten in die öffentliche und politische Debatte mit einzubringen: Welche Prognosen erwarten Sie in Bezug auf die Freiburger Verhältnisse?

Das wichtigste Ziel unserer Befragung ist, ein differenziertes Bild von der Mobilität zu bekommen. Differenziert heißt in diesem Fall, dass wir besser verstehen wollen, wie sich die Mobilität zum Beispiel in verschiedenen Siedlungsräumen voneinander unterscheidet. Wenn etwa jemand in der Freiburger Innenstadt lebt und ein anderer in einer kleinen Gemeinde im Freiburger Umland, dann hat dies mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Auswirkungen auf die Mobilitätsgewohnheiten. Andere Faktoren wie die jeweilige Lebensphase oder die finanziellen Möglichkeiten spielen da auch mit rein. Eine Studentin oder ein Auszubildender hat andere Mobilitätsbedürfnisse als ein mehrköpfiger Familienhaushalt oder eine Berufspendlerin. Was wir mit unserem Forschungsprojekt erreichen möchten, ist aufzuzeigen, dass Mobilität sehr vielfältig und dabei auch personen- und kontextabhängig ist. Es sollte also nicht darum gehen, die allerbeste Patentlösung für die Mobilität der Zukunft zu finden, sondern zu verstehen, weshalb sich Menschen eine gewisse Bandbreite unterschiedlicher Mobilitätsangebote wünschen. Diese Zusammenhänge möchten Stefan Gössling und ich in unserem Projekt herausarbeiten und dann auch in die Planung, Politik und Öffentlichkeit kommunizieren, damit sie dort aufgegriffen werden können.

"Problematisch finde ich allerdings die sogenannten Free-Floating-Angebote beim Car-Sharing, die in ein paar anderen Großstädten schon Einzug gehalten haben."

Sollten mobilitätsfördernde Angebote wie E-Roller und Car-Sharing-Stationen in Freiburg ausgebaut werden?

Ich fürchte, da kann ich keine ausgereifte Expertenmeinung abgeben. Persönlich finde ich, dass E-Scooter nicht besonders gut ins Freiburger Stadtbild passen. Ich habe bisher auch nur sehr wenige davon in der Stadt gesehen. Ehrlich gesagt, ich glaube eher nicht, dass sich E-Scooter in Freiburg durchsetzen werden. Und ich bezweifle auch, dass sie einen signifikanten Beitrag zu einer nachhaltigen Mobilität leisten können. So ein Potential sehe ich eher bei den Leihrädern – und da hat sich in Freiburg ja auch einiges getan in den letzten paar Jahren. Auch bei den Car-Sharing-Stationen beobachte ich in Freiburg einen Trend zum Ausbau im öffentlichen Raum. Ich denke, es kann nicht schaden, noch ein paar mehr Stationen einzurichten, wenn es eine entsprechende Nachfrage gibt.

Problematisch finde ich allerdings die sogenannten Free-Floating-Angebote beim Car-Sharing, die in ein paar anderen Großstädten schon Einzug gehalten haben. Denn wenn es möglich wird, spontan ein Auto zu nehmen und es nach der Nutzung irgendwo anders abzustellen, dann werden mehr und mehr Menschen vom öffentlichen Nahverkehr auf Free-Floating umsteigen. Da besteht die Gefahr, dass sich am Ende noch mehr Autos auf den Straßen tummeln, obwohl Car-Sharing eigentlich mit dem Ziel angetreten ist, die Pkw-Dichte insgesamt zu verringern. Letztlich muss es darum gehen, die vorhandenen öffentlichen Räume möglichst qualitätsvoll zu nutzen. Ob das nun bedeutet, dass anstelle eines Parkplatzes künftig eine Car-Sharing-Station eingerichtet werden soll oder vielleicht doch lieber eine Sitzbank mit etwas Platz für Urban Gardening – das ist eine kontroverse Debatte um Flächengerechtigkeit, die nicht nur in Freiburg vor allem in den innenstadtnahen Bereichen geführt und ausgehandelt wird.

Autonomes Fahren und Flugtaxis: Science-Fiction oder Zukunft?

Beides wahrscheinlich. Flugtaxis kann ich mir weniger gut vorstellen, aber zum autonomen Fahren hat es ja schon einige mehr oder weniger erfolgreiche Praxistests gegeben. Ich denke, es wird in ein paar Jahren deutlich mehr Angebote geben, allerdings nicht flächendeckend, sondern nur an bestimmten Standorten. Das wird abhängen von der Gestaltung der politischen, wirtschaftlichen und auch rechtlichen Rahmenbedingungen. Was die Flugtaxis angeht, bezweifle ich, dass ich sie im Laufe meines Lebens noch nutzen werde. Aber wer weiß…

Welche Verkehrsmittel nutzen Sie persönlich?

In Freiburg bin ich meistens zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs, gelegentlich auch mit der Straßenbahn. Außerdem bin ich Car-Sharing-Nutzer, seitdem wir vor etwa zwölf Jahren das Auto im eigenen Haushalt abgeschafft haben. Für längere Strecken nehme ich am liebsten die Bahn und habe mir das Ziel gesetzt, pro Jahr nicht mehr als eine Flugreise zu machen. Mehr zum Thema: