Kunst

Gehört Streetart in Galerien? So war’s bei der Vernissage von "Fragments" im Kulturaggregat

Martha Martin-Humpert

Vögel, Pieces und Collagen: Bei der Ausstellungseröffnung zu "Fragments" im Kulturaggregat präsentiert der Stuttgarter Sprayer und Streetartist Dingo Babusch Arbeiten aus verschiedenen Perioden seines Schaffens. Ein Rundgang am Samstagabend.

Die Kunst

Schon seit Anfang der Neunziger ist der Künstler Dingo Babusch in der Graffitiszene unterwegs und hat dabei - ausgehend von der Base Stuttgart - auch an internationalen Hotspots wie New York gestalterischen Input gesammelt. Klar, dass bei einem umtriebigen Leben über die Jahre eine ganze Reihe an Werken unterschiedlichster Machart entstehen. Fast könnte man meinen, hier hätten sich verschiedene Kreative ausgetobt, so vielfältig präsentiert sich das eindrucksvolle Oeuvre im Kulturaggregat.

Beim Schlendern durch die hellen Räumlichkeiten entdeckt man viele bunte fotorealistische Vögel, Portraits in schwarz-weiß, aber auch klassische Pieces, die mit ihrer comichaften Darstellung an die Styles früher Sprayerdekaden erinnern. Eine Foto-Slideshow verweist auf die Wurzeln und die immer noch vorhandene Straßenkredibilität: Im urbanen Dschungel leuchten Schriftzüge von Wänden und Fassaden. Und die Collagen? Dingo klärt auf: Beim Entstehungsprozess vieler Bilder fallen immer wieder bunte Reste an. Zu ästhetisch für den Abfall. Daher werden sie kurzerhand clever kombiniert, kunstvoll geklebt und Voilá, eine neue Schöpfung entsteht. Nice und nachhaltig.

Das Publikum

Es ist gut was los. Unter den Kronleuchtern tummeln sich Mitzwanziger und Ü-30er, dazwischen ein paar Kinder, es wirkt familiär und vertraut. Die Besucher sind mehr so Galerie als Graffiti, auch wenn sich einiger der alten Hasen aus der Szene unter das Volk gemischt haben. Vereinzelt sieht man ein paar Hoodies, ansonsten sind alle eher leger-gediegen unterwegs, die Wiehre lässt grüßen. Vielleicht ist es den bereits frühlingshaften Temperaturen geschuldet, das beliebteste Getränk des Abends ist eindeutig Aperol Spritz. Mit dem Alkohol hat man allerdings alle Hände voll zu tun, denn getrunken wird aus einem riesigen Kelch, gefühlt so groß wie eine Bowlingkugel. Dazu wird in entspannt lockerer Atmosphäre darüber gefachsimpelt, ob Streetart in Galerien funktionieren kann, oder doch raus in die weite Welt muss.

Die Musik

Klassischerweise ist Hip-Hop der Sound, der Graffiti von Anfang an begleitet hat, mit dem die Kunst groß geworden ist. Deswegen überraschen die sanften Töne beim Eintreten ins Untergeschoss: statt Kopfnickerbeats gibt’s smoothes Singer-Songwriting und wohlige Gemütlichkeit. Das Geschwister-Duo Tomsis – Tom und seine Schwester Lea ¬- spielen Coverversionen bekannter Popvertreter wie Ed Sheeran oder Lil Nas X, aber auch eigene aufmunternde Lieder über Liebe und Freundschaft.

Dämmriges Licht, eine Gitarre und Gesang, mehr braucht es hier nicht, um eine warm-melancholische Stimmung zu schaffen. Das Publikum scheint es zu genießen: Entspannt auf den Sitzsäcken fläzend, lauscht es den deutschen und englischen Texten und lässt sich sanft wippend von den eingängigen Melodien davontragen.

Fazit

Bei der Vernissage Im Kulturaggregat zeigt sich, was passiert, wenn Streetart erwachsen wird. Aus den jungen Wilden werden seriöse Künstler, deren Pieces nicht mehr nur im öffentlichen Raum, sondern auch im Wohnzimmer für bunte Farbtupfer und einen Hauch Hood-Hustle sorgen können. Der eine mag es für eine Domestizierung halten, der andere sieht darin eine Bestätigung von Graffiti als ernst zu nehmende Kunst. Aber egal, welcher Seite man am Ende Recht gibt, ein Besuch bei "Fragments" lohnt sich in jedem Fall.