Gameforge: Willkommen in der Browsergame-Fabrik

Markus Hofmann & Dominic Rock

300 Millionen Nutzer spielen weltweit die Browsergames der Karlsruher Firma Gameforge. Damit ist Gameforge eine der marktführenden Spiele-Schmieden Europas. Wie funktioniert solch eine Browsergame-Fabrik? Und welche Menschen arbeiten da? Antworten von kus und Domi:



In der Computerspiel-Schmiede Gameforge ist die Gute-Laune-Zeit der New Economy nie zu Ende gegangen. Hier, in einem Bürokomplex des Technologieparks im Karlsruher Osten, gibt es Gratiskuchen für alle. Zwei Masseure möbeln müde Mitarbeiter auf. Und im Erdgeschoss gibt es eine Spielhölle mit alten Flipperautomaten, Tischtennisplatten und einem Billardtisch.

Am Eingang der Game-Fabrik begrüßt uns ein junger Mann mit dunklem Pferdeschwanz und einer Flasche „Club-Mate“ in der Hand: „Hallo, ich heiße Julian Finn.“ Julian (links) kümmert sich um die PR bei Gameforge. Er wird uns an diesem Tag erklären, wie die Onlinespiel-Fabrik funktioniert und wie sie zu einem Aushängeschild der deutschen Internetwirtschaft wurde. Gemeinsam mit Bigpoint (Hamburg) ist die Karlsruher Firma Marktführer in Deutschland im stark wachsenden Browsergame-Segment.

 

Der Grafiker

Kurze Zeit später treffen wir Medos Gashi (30) im Grafikraum der Firma, wo die Grafikdesigner ihre Fingerübungen machen und figuratives Arbeiten mit Ton oder Ölfarbe üben. Der Raum ist ganz neu eingerichtet: Es riecht nach frischem Holz, an der Wand stehen vier Staffeleien und ein Podest – für Aktzeichnungen. Ein richtiges Trainingsstudio also. „Es ist schwer, die menschliche Anatomie sauber wiederzugeben“, sagt Gashi. „Wie kämpfen Ritter zum Beispiel mit einer Hellebarde? Wie muss man die Handstellung korrekt zeichnen?“



Gashi ist einer von sechs Grafikern bei Gameforge. Seit zweieinhalb Jahre arbeitet er für die Firma, davor hat er eine Ausbildung zum Bauzeichner gemacht und in Mannheim Kommunikationsdesign studiert. Die Arbeit in einer Game-Schmiede ist Fließbandarbeit: „Ich zeichne acht Stunden am Tag“ – und dies vorwiegend in 2D, mit Zeichenstift und Photoshop. An diesem Tag arbeitet er an einer Bannerkampagne für das Fantasie-Game Nostale. „Wir brauchen 40 Figuren – zum Beispiel eine rote Magierin, einen Berserker mit einer Streitaxt, eine Jägerin mit grünen Haaren.“

Der Programmierer



Eine Stelle in der Computerspielbranche – für viele junge Menschen ist das ein Traumjob, bei dem man sein Hobby zum Beruf machen kann. Es ist eine sehr junge Branche – die meisten Gameforge-Mitarbeiter sind jünger als 30. So wie Philipp Meier (27), der sich nach seinem Informatikstudium sofort bei Gameforge beworben hat. Seit einem dreiviertel Jahr arbeitet der gebürtige Bremer in Karlsruhe – als einer von 120 Spiele-Entwicklern. Neben den Community-Managern sind die Programmierer die größte Berufsgruppe.

Die Game-Branche ist beliebt bei Programmierern – weil das Produkt keine dröge Bürosoftware ist, sondern von Millionen von Nutzern gespielt wird. Und freitags dürfen die Entwickler bei Gameforge neuerdings machen, was sie wollen – vorausgesetzt, es hat mit dem Produkt zu tun. Sie dürfen neue Technologien testen. An ihrem Lieblings-Feature arbeiten. Oder die Zeit für Fortbildung nutzen. Es ist ein Experiment.

Der Game-Designer



Eine gute Idee am Tag – das ist zu wenig. Ein guter Game-Designer muss sprudeln vor Ideen. Game-Designer sind die heimlichen Stars der Branche. Sie sind die Regisseure und Dramaturgen, sie erfinden Geschichten und erschaffen Charaktere. Fraser MacInnes (29) arbeitet seit Dezember 2010 als Game-Designer für Gameforge. Davor war der Schotte Journalist und hat Spielefirmen beraten. „Man muss verstehen, was gutes Storytelling ausmacht – und die besten Ideen ins Projekt bringen“, sagt er, und der Zuhörer spürt, wie der Hornbrillenträger in dem gestreiften T-Shirt vor Leidenschaft glüht , wenn er seine Allzeit-Lieblingsspiele aufzählt: Half Life 2, Alien Noises, Doom.

Der Product-Director

Das Geschäft mit den kleinen Onlinespielen – es ist ein Geschäft mit der Zeitverschwendung. Und ein Millionengeschäft. Bemerkenswert daran ist, dass Gameforge mit einem Produkt Geld verdient, das kostenlos erhältlich ist – zumindest scheinbar. Denn wer zum Beispiel das preisgekrönte Gameforge-Spiel Ikariam zocken möchte, wird schon nach wenigen Augenblicken mit einem Sonderangebot beglückt: 20 Prozent Rabatt beim Kauf der Götterspeise Ambrosia, das ist ein Art Spielwährung. Bei Ikariam geht es darum, ein Stück Land auf einer Mittelmeerinsel in eine blühende Metropole zu verwandeln, indem Streitkräfte ausgebildet, Gebäude gebaut oder Rohstoffe erworben werden. Mit Ambrosia können Spieler Vorteile und Komfortfunktionen erwerben – und zwar mit echtem Geld. 40 Ambrosiapunkte kosten an diesem Tag 4,99 Euro. Bezahlt wird mit Paypal, Kreditkarte und einem halben Dutzend weiterer Zahlungsmethoden.



Michael Paul (28) muss als Product-Director dafür sorgen, den Spaß am Spiel in Einklang zu bringen mit den Kosten und Erlösen. „Monetarisierung“ heißt das im Marketingjargon, und das ist gar nicht einfach. Denn nur ein Bruchteil der User ist tatsächlich bereit, Geld für ein Spiel auszugeben – „das bewegt sich im einstelligen Prozentbereich“. Welche Zahlungsmethoden funktionieren? Welchen Aufwand verursacht die Programmierung eines neuen Features? Und mit welchen Anreizen können User motiviert werden, Geld für Pixel auszugeben? Bei Metin2, mit acht Millionen Spielern der Blockbuster von Gameforge, geht es zum Beispiel um Individualisierung. Alle Charaktere sehen gleich aus. Die Spieler geben Geld dafür aus, damit ihr Held eine besondere Frisur bekommt oder sich an die Stirn klatschen kann. Normale Spielfiguren können nur winken.

„Jedes Spiel wird wie ein eigenständiges Unternehmen geführt“, sagt Michael Paul, der die Verantwortung hat für das Vampir- und Werwolfspiel BiteFight. Michael ist ein Quereinsteiger. In Berlin hat Paul Chemie studiert, doch schon während seines Studiums hat er ehrenamtlich als Game-Admin bei dem Strategiespiel O-Game für Gameforge gearbeitet – und 2008 eine feste Stelle bekommen. „Man kann mehrere Stunden am Tag mit solch einem Spiel verbringen“, sagt er. „Das geht ganz locker.“ Selbst hat er noch nie für ein Browsergame Geld ausgegeben: „Man kann auch ohne erfolgreich sein.“

Die Marketing-Managerin

Weltweit haben sich 300 Millionen Nutzer bei Gameforge als Spieler registriert. Damit die Nutzer bei der Stange bleiben, muss sich Gameforge regelmäßig in Erinnerung bringen. Das ist die Aufgabe von Dorothea Reichert (33), die in Pforzheim BWL studiert hat und als Retention-Marketing-Managerin in der Karlsruher Game-Fabrik arbeitet. „Als wir noch kleiner waren, hatten wir auch mal deutsche Berufsbezeichnungen“, sagt Julian Finn, der Mann aus der Pressestelle.

Doch längst ist das Geschäft von Gameforge international ausgerichtet. Dorothea Reichert steuert E-Mail-Kampagnen in 75 Ländern, bei Gameforge arbeiten mehr als 20 Mitarbeiter, die die PR-Texte für die Mail-Kampagnen übersetzen. Allein in der Türkei hat Gameforge viele Millionen Nutzer. Dorothea Reichert informiert die User über Preisaktionen, wichtige Änderungen in einem Spiel oder den Launch eines neuen Browsergames. Eine spektakuläre Neuerscheinung wird Gameforge Ende 2011 auf den Markt bringen – es ist das erste offizielle Browsergame zur Science-Fiction-Kultserie „Star Trek“.

Mehr dazu:

  • Gameforge wurde im Jahr 2003 von Alexander Rösner und Klaas Kersting in Karlsruhe gegründet. Heute gehört Gameforge zu Europas Marktführern. Gameforge betreibt 18 Spiele in 75 Ländern – neben Deutschland ist die Game-Schmiede vor allem in der Türkei und in Osteuropa erfolgreich. Gameforge hat weltweit mehr als 300 Millionen registrierte Spieler. Am Standort Karlsruhe arbeiten fast 500 Menschen. Der Jahresumsatz lag 2010 nach Schätzungen der Financial Times bei 150 Millionen Euro.
  • Browsergames: Erst zocken, dann zahlen: So funktionieren viele Browsergames. Das sind simpel gestrickte Onlinespiele, die kostenlos gespielt werden können und sich durch den Verkauf virtueller Güter finanzieren. Für die Spielefirmen kann dies lukrativ sein, denn die Entwicklungs- und Marketingkosten von Browsergames sind um ein Vielfaches geringer als die von Konsolespielen. Zu den bekanntesten Spielen zählen Farmville und The Sims Social, die über Facebook populär geworden sind.

Galerie: Zu Besuch bei Gameforge in Karlsruhe