Erwartungen

Fußball während Corona: Wird die Nord noch einmal beben?

Florian Schmieder & Johannes Breuninger

Seit einem Jahr finden im Schwarzwaldstadion in Freiburg Spiele ohne Fans statt. Was macht das mit den Anhängern des SC Freiburg? Was erwarten sie nach Corona? In einer Serie beleuchtet fudder "Fußball während Corona". Teil III: Erwartungen.

Die Fans des Sportclubs müssen nun bereits seit rund einem Jahr auf ihre Stadionbesuche verzichten, können nur noch allein, nicht gemeinsam, mit einem Fußball mitfiebern, den viele in der Form nicht mehr tragen können. Was für Erwartungen und Hoffnungen haben sie für die Zukunft des Fußballs, vor allem für eine Zeit, in der die Fans wieder in die Stadien dürfen?

Während dem ersten Lockdown in Deutschland, in dem auch der Ball in der Bundesliga für einige Wochen geruht hat, wurden auch die Stimmen aus den Kurven und der Gesellschaft lauter, dass der Profifußball sich dringend ändern muss. Die Kurven fordern unter anderem fanfreundlichere Anstoßzeiten, weniger miteinander konkurrierende Wettbewerbe und ein nachhaltiges Wirtschaften der Vereine. Zu Beginn der Krise, als der Ball komplett ruhte, machte der Begriff der Demut die Runde in den Aussage der hohen Fußballverantwortlichen. Der Fußball im Spannungsfeld zwischen dem Ort der Leidenschaft und kommerziellen Gewinnabsichten sah das Pendel zuletzt aber wieder in Richtung letzterem ausschlagen. Von Demut ist wenig zu erkennen, wenn Funktionäre vom FC Bayern eine Priorisierung der Fußballspieler bei der Impfung fordern oder sich darüber aufregen, dass die Mannschaft zu lange am Flughafen warten musste.

Zuerst Hoffnung, dann Desillusion

Sowohl Daniel Sand als auch Daniel Heine von "Immmer wieder Freiburg" (IWF) hatten damals allerdings wenig Glaube und vielmehr die Hoffnung auf eine Änderung des Systems. Und auch Steffi Renz von der "Supporters Crew Freiburg" (SCFR) wusste, "dass es ein komplizierter Prozess wird, der lange dauert". Mit "skeptisch hoffnungsvoll" bezeichnet Helen Breit (SCFR) die Entwicklungen seither, da im März "die Tür nicht sperrangelweit, aber so weit offen war wie noch nie vorher". So war "plötzlich eine Plattform gegeben, um die Themen anzusprechen, die sonst nicht thematisiert werden". Diese Hoffnung auf die Krise als mögliche Chance für Veränderungen teilte auch Tamara Keller, die am FRÜF-Podcast beteiligt ist, hat sie dann aber auch ebenso schnell wieder verloren. Es würde gerade deutlich, dass der Fußball "strukturell gegenüber anderen Gesellschaftsteilen bevorzugt wird", ein Umdenken sei nicht in Sicht.
Fußball während Corona: Freiburger Fans im Einsamstadion

In Ausblick auf die Zulassung von Zuschauerinnen und Zuschauern will Daniel Sand von IWF, dass es im besten Fall "danach weitergeht wie davor". Er glaubt auch, dass sich "im Großen und Ganzen nicht so viel ändert, höchstens Kleinigkeiten". Am Ende ist es dann "vielleicht nicht mehr die VAG, die die T-Shirts hochschießt, sondern jemand anderes". Die Kommerzialisierung des Profifußballs soll sich also nicht weiter verschärfen, damit die Fans mit ihrer Kritik dort ansetzen können, wo sie im März letztes Jahr aufgehört haben.

Zunehmende Entfremdung vom Profifußball

Ob die Fans dann jedoch noch gewillt sind, nach über einem Jahr Pause wieder regelmäßig ins Stadion zu gehen, kann niemand so genau sagen. Sowohl Helen und Steffi aus der SCFR als auch Daniel Sand und Daniel Heine von IWF nehmen wahr, dass sich besonders jene vermehrt vom Profifußball entfremden, die auch davor schon mit den Entwicklungen gehadert haben. Dann merkt man "vielleicht nach fünf Spielen, dass es ohne eigentlich besser war", fasst es Daniel Heine mit Blick auf die Szene zusammen. Allerdings sieht er keine Nachwuchsprobleme in der aktiven Szene, denn es werden "wieder viele junge Leute im Stadion sein, die daran Gefallen finden". Steffi (SCFR) glaubt zwar an einen kurzfristigen Run auf die Tickets, jedoch werde "längerfristig für viele nicht mehr der Spielplan die Wochenenden bestimmen". Demgegenüber wünscht sich Stadionsprecher Köhn, dass es wieder ein normales Stadionerlebnis geben wird, zu dem "alle Fans des SC wieder zurückkommen und niemand verloren geht." Besonders Helen (SCFR) ist sich jedoch im Klaren, dass es keinen Tag X geben wird, bei dem von einem auf den anderen Tag die Menschen wieder normal ins Stadion gehen dürfen. Durch diesen schleichenden Prozess wird es wohl auch lange keinen organisierten Support in den Stadien geben.
Fußball während Corona: Was bleibt neben dem Platz?

Eben für Helen, die sich neben der Supporters Crew auch für das Fan-Bündnis Unsere Kurve engagiert und im vergangenen Jahr in die sogenannte DFL-Taskforce, die durch die Zusammenarbeit von 35 Expertinnen und Experten den deutschen Profifußball restaurieren soll, berufen wurde, hat sich somit auch durch die Pandemie noch einmal die fanpolitische Arbeit deutlich intensiviert. Dabei kann sie nachvollziehen, dass für viele die Zukunft des Fanseins im Profifußball in Bezug auf fanfreundliche Veränderungen aussichtslos erscheint und sich diese Personen deshalb vom diesem zurückziehen. Für sie selbst jedoch ist dies keine Option. Vielmehr will sie sich selbst nach den Ergebnissen aller fanpolitischen Gespräche sagen können, alles erdenklich mögliche investiert zu haben. "Erst wenn das nicht funktioniert hat, dann hatte wirklich keiner ein Interesse etwas grundsätzlich zu verändern".

Fan Miles hat seine Dauerkarte nicht verlängert

Eine zusätzliche besondere Konstellation ergibt sich in Freiburg durch den bevorstehenden Umzug ins neue Stadion. Durch die Pandemie wird vielen Fans ein möglicher Abschied des Dreisamstadions genommen. Das Bestreben um einen adäquaten Abschiedsrahmen durch den Sportclub nimmt Helen (SCFR) jedoch wahr und betont, dass dies auf ganz unterschiedliche Weise erfolgen kann und sollte. Die Möglichkeit des Umzugs mit ins neue Stadion stellt sich für Miles, einen Fan von der Haupttribüne, schon nicht mehr. Seine Dauerkarte hat er nicht verlängert, auch für ihn besteht also nur noch die Frage um ein mögliches Abschiedsspiel. Daniel Sand (IWF) vergleicht die Situation für sich im Falle eines Abschieds vom alten Stadion unter Corona-Bedingungen mit dem letzten Blick auf einen aufgebahrten Familienangehörigen. Will man noch einmal einen Blick hineinwerfen oder so in Erinnerung behalten, wie man das Stadion kannte?

Und so geht Claus Köhn bereits gedanklich den nächsten Schritt und hofft, "als Stadionsprecher noch eine Saison im neuen Stadion mit Fans" zu begehen. Wer kann es ihm verdenken? Seit 1988 ist er die Stimme des Dreisamstadions, hat Volker Finke und Christian Streich, erste und zweite Bundesliga erlebt. Im Sommer hat er die Serie von 555 Heimspielen am Stück aufgestellt, nun möchte er das neue Stadion am Flugplatz ebenfalls noch mit seinen Ansagen bereichern.

Wie die Zeit aussehen wird, wenn wieder Fans in die Stadien strömen und vor allem, wann dieser Zeitpunkt gekommen ist, weiß niemand. Ob die Nordtribüne noch einmal mit voller Lautstärke, Transparenten oder gar einer Choreo den Sportclub zum Sieg schreien wird, ist ebenfalls nicht abzuschätzen. Aber in einem sind sich alle einig: Der Fußball braucht seine Fans, ansonsten sind es wirklich nur 22 gut bezahlte Männer, die einem Ball hinterherlaufen. Und dies darf nicht sein Anspruch sein, wenn der Profifußball in der Gesellschaft eine Rolle außerhalb eines florierenden Geschäftsmodell spielen will.
Dieser Artikel ist Teil einer Serie über die Fankultur in Freiburg zu Corona-Zeiten. Teil II und Teil III befassen sich mit den Themen Emotionen und Engagement.