Engagement

Fußball während Corona: Was bleibt neben dem Platz?

Florian Schmieder & Johannes Breuninger

Seit einem Jahr finden im Schwarzwaldstadion in Freiburg Spiele ohne Fans statt. Was macht das mit den Anhängern des SC Freiburg? Was vermissen sie? In einer Serie beleuchtet fudder "Fußball während Corona". Teil II: Engagement.

Seit rund einem Jahr wird zwar noch Bundesligafußball gespielt, die Ränge in den Stadien sind aber leer. Auch wenn man sich beim Schauen im Fernsehen mit der leeren Kulisse abfinden muss, bleibt eine Frage offen. Wie verbringen nun die Stadiongängerinnen und Stadiongänger, deren wöchentliche Routine abrupt endete, ihre Zeit? Diese Frage stellt sich speziell für diejenigen, die sich aktiv in der Fanszene einbringen. Über neue wie alte Formen des Engagements sprechen deshalb verschiedene Vertreterinnen und Vertreter der Freiburger Fanlandschaft.
Fußball während Corona: Freiburger Fans im Einsamstadion

Besonders die aktiven Fans können ihren Tätigkeiten, die über die 90 Minuten des Spiels hinausreichen, nur bedingt nachgehen. Es liegt auf der Hand, dass aufwendige Choreografien bei Geisterspielen nicht möglich sind. Die Möglichkeit, Transparente vor die leeren Ränge zu hängen, wurde zwar diskutiert, jedoch abgelehnt. Der Grund laut Daniel Sand von der Gruppe "Immmer wieder Freiburg" (IWF), der auch Teil der Fanseite nur-der-scf.de ist: "Wir wollen nicht, dass Geisterspiele fröhlicher dargestellt werden, als wir sie empfinden." Steffi Renz von der "Supporters Crew Freiburg" (SCFR), die gemeinsam mit Helen Breit auch den Infostand hinter der Nordtribüne betreut, sieht darin auch keinen "adäquaten Ersatz" für den sonstigen Support der Fans. Die Ultragruppierung "Synthesia" hat diese Form der Veröffentlichung von Statements in die Stadt gebracht und an zahlreichen Orten, wie der Bahnhaltestelle der Uni-Klinik, Dankestransparente für die Corona-Helferinnen und Helfer aufgehängt.

Kritik für Spruchbänder gibt es genügend

Material für die Spruchbänder im Stadion hätten sie dabei allemal, denn im vergangenen Jahr haben viele Fan-Vereinigungen ihren Unmut über Entwicklungen des Fußballs oder der Sicherheitskräfte kundgetan – aber eben nur online. So haben einige die Initiative "Unser Fußball" unterschrieben, welche sich für einen nachhaltigeren Profifußball starkmacht, oder Kritik an der neuen Verteilung der TV-Gelder geübt. Daniel Heine von IWF sieht etwa das Privileg der Bundesliga auf mehrere Tausend Corona-Tests pro Woche als anzuprangernde Ungerechtigkeit, vor allem in Zeiten wie im vergangenen Herbst, als auch Menschen mit Symptomen nicht immer getestet wurden.

Der Szene gelingt es aber nach wie vor, nicht nur fanpolitische Belange auf ihre Agenda zu setzen. So haben viele Gruppen der aktiven Fanszene im vergangenen Jahr Spendenaufrufe gestartet, sei es für die Kinderklinik, das Ferdinand-Weiß-Haus, die Tafel oder die Freiburger Wohnungslosenhilfe. Die "Corrillo Ultras" bestücken regelmäßig den Gabenzaun für Menschen, die durch die Corona-Pandemie in Not geraten sind. Einige Mitglieder der aktiven Fanszene helfen regelmäßig bei der Essensausgabe im Freiburger Essenstreff. Und die Gruppe IWF hat eigene Wintermützen kreiert, um die Erlöse der Aktion ebenfalls zu spenden.

Die Motivation ist dabei vielfältig und viele Fans engagierten sich bereits vor der Pandemie gesellschaftlich. Für Daniel Sand ist dies eher ein persönlicher Ausgleich, da er sich nun im Stadion nicht mehr so kreativ wie zuvor ausleben konnte. Die Gruppe konnte so ihre "Energie in etwas anderes Gutes setzen". Auch Daniel Heine sieht es eher pragmatisch: "Wir verkaufen sonst Mützen und Aufkleber, damit wir eine Choreo machen können und jetzt nutzen wir halt die Zeit, um was anderes Gutes zu machen. Wir haben da die Möglichkeit durch unsere Reichweite, warum sollten wir das nicht nutzen?" Dass diese Taten außerhalb ihrer Blase nicht viele Menschen mitbekommen, sei ihnen dabei nicht wichtig.

Spendensammeln statt Auswärtsfahrt

Zum Auswärtsspiel des Sportclubs in Wolfsburg haben "Corrillos" und die "Supporters Crew" eine "Symbolische Auswärtsfahrt" organisiert, bei welcher die Teilnehmenden den Gegenwert von einem Stadionbier, dem Eintrittsticket oder der Busfahrt spenden konnten. So kamen allein bei dieser Spendenaktion über 12.300 Euro für den Freiburger Essenstreff und die private Seenotrettung zusammen.

Zudem wurde in der aktiven Fanszene versucht, den normalerweise wöchentlichen Kontakt nicht ganz abreißen zu lassen. So gab es etwa innerhalb der SCFR ein Online-Treffen und für Helen Breit von der "Supporters Crew" war es zwar "schön, die ganzen Menschen mal wieder zu sehen, letztlich kann aber online das halt niemals ersetzen". Und so sieht eben auch Steffi Renz von der "Supporters Crew", dass der Kontakt besonders zu Einzelpersonen "flöten geht". Durch die deutlich kleinere Gruppengröße war für IWF im Sommer unter den damals geltenden Bestimmungen gar ein kleines "Sommerfest" möglich, ansonsten riss auch dort der Kontakt teilweise ab. Ein volles Stadion mit all seiner Eigendynamik und der Ungezwungenheit kann also nicht durch das Schauen des Spiels im Fernsehen mit zugehörigen Skype-Calls und Whatsapp-Gruppen reproduziert werden.

Tamara Keller vom Kollektiv des Podcasts FRÜF

Zwar fehlt ein großer Teil des Fandaseins, was aber nicht gleich bedeutet, dass der verbliebene Teil nicht auch weiterhin von großer Bedeutung sein kann. Tamara Keller gehört zum Kollektiv des Podcasts FRÜF (Frauen reden über Fußball). Dort erlebt sie ein sogar stärker werdendes Miteinander, wenn auch nur in digitaler Form, das ihr während der Zeit der fanfreien Stadien enormen Halt gibt. So hat sich ein großes Netzwerk an Expertinnen zusammengefunden, welche über sämtliche Entwicklungen oder Problemfelder des Fußballs reden und so auch als Ansprechpartnerinnen dienen. Dabei betont Tamara, dass nicht nur sexistische Strukturen aufgedeckt werden sollen. Ein großes Plus des Podcasts ist dabei zudem der Fakt, wie Frauen ungezwungen und mehrdimensional über verschiedene Themen des Fußballs sprechen, was leider immer noch gesellschaftlich "nicht so normal ist, wie erhofft".

Viele Fans versuchen bisher Gewohntes auch weiterhin zu erleben, sei es durch fanpolitische Statements, Spendenaktionen oder einem gemeinsamen Austausch. Dennoch ist sich Helen von der SCFR sicher, dass viele Gewohnheiten des Fußballs schlichtweg "total fehlen". Durch den ausbleibenden Stadionbesuch fehlt die Möglichkeit, sich in Diskussionen einzubringen, oder durch Transparente Probleme offen und effektiv anzusprechen. Auch Zuspitzungen, die eine Meinungsvielfalt selbst innerhalb von Fangruppen oder ganzen Tribünen widerspiegeln, seien "unersetzbar". Die Hoffnung der Freiburger Fans ist also groß, die vorhandene Energie in Zukunft wieder ins Stadion zu verlagern. Damit der Fußball wieder seine bunten Tribünen hat, mit Choreos, Spruchbändern und lautstarkem Support.
Dieser Artikel ist Teil einer Serie über die Fankultur in Freiburg zu Corona-Zeiten. Teil II und Teil III befassen sich mit den Themen Engagement und Erwartungen.