Emotionen

Fußball während Corona: Freiburger Fans im Einsamstadion

Florian Schmieder & Johannes Breuninger

Seit einem Jahr finden im Schwarzwaldstadion in Freiburg Spiele ohne Fans statt. Was macht das mit den Anhängern des SC Freiburg? Was vermissen sie? In einer Serie beleuchtet fudder "Fußball während Corona". Teil I: Emotionen.

Samstags um 15.30 Uhr herrscht auf halber Höhe der Schwarzwaldstraße in Littenweiler eigentlich ein reges, aber ganz natürliches Getümmel. Tausende Freiburgerinnen und Freiburger hatten ein festes, teils jahrelang bestehendes Ritual: Sie erlebten im Dreisamstadion den Spieltag der Elf des SC Freiburg. Aber wie ein Fußball-Spiel nicht nur 90 Minuten hat, hängt auch an diesem wöchentlichen Ritual mehr als nur das Betrachten eines Sportereignisses. Was fehlt den Angehörigen der Fanlandschaft des SC am Drumherum, von der Vorbereitung des Spieltags über Anreise bis zum Erleben des Spiels in den nunmehr zehn Monaten der Geisterspiele?

Stadionsprecher Claus Köhn

Angefangen mit einem, der das Ganze noch aus der Nähe miterlebt: Claus Köhn ist seit 1988 Stadionsprecher des SC und gehört damit zum Kreis derer, die zu den Geisterspielen im Stadion sein können. Von Berufs wegen bleibt er so dem SC verbunden, auch wenn seine Tätigkeit sich nun anders gestaltet. "Statt sechs bis acht Seiten enthält mein Ablaufplan für den Spieltag nur noch eine einzige Seite." Auch die Ansagen beschränken sich auf das Formelle, wie die Begrüßung der Gäste, die Aufstellungen oder das Ansagen der Tore.

Neben vielem mit konkretem Bezug zu den Zuschauern fällt sein markanter langgezogener "Tooor"-Ruf nach einem Treffer des SC nun aber weg. "Ich versuche aber dennoch meinen Beruf so normal wie möglich zu gestalten", sagt er. So etwa beim Spiel gegen den VfB Stuttgart Ende Januar, als er nach dem Sieg über die Mannschaft aus der schwäbischen Landeshauptstadt das Badnerlied im leeren Dreisamstadion erklingen ließ.

Podcasterin Tamara Keller

Wer hingegen auf nahezu alles verzichten muss, sind die Anhängerinnen und Anhänger der Damen-Mannschaft des SC. Tamara Keller schaut Fußball eigentlich lieber im Möslestadion. Nur schauen ist dabei zu kurz gegriffen, denn sie ist Teil des FRÜF-Podcasts, was für "Frauen reden über Fußball" steht. "Die Frauen-Bundesliga ist zwar die einzige Spielklasse, in der Frauen-Fußball noch gespielt wird, es wird aber generell nur ein Spiel pro Woche übertragen". Diese Ungleichheit ärgert die Anhängerin und verstärkt noch einmal die Distanz, die ohnehin gerade zwischen ihr und der Fußball-Leidenschaft besteht. Tamara schaut deshalb kaum einmal mehr ein Spiel, sondern verfolgt den Sport, wie sie sagt, "in ihrer Bubble", in den sozialen Medien mit ihren Mitpodcasterinnen: "Da sind wir einfach auf persönlicher Ebene viel mehr zusammen gewachsen." So ist es mittlerweile vor allem dieser Austausch, den Tamara nicht missen möchte.

Fan Miles Barth

Die Spiele der Herrenmannschaft werden zwar immerhin im Fernsehen übertragen, dennoch hat das Erlebnis für alle hier portraitierten Fans einstimmig wenig damit zu tun, von dem, was ihnen der Stadionbesuch früher vermittelte. So zum Beispiel bei Miles Barth. Der Student war lange Jahre Mitglied des Vereins und verfolgte die Spiele von der Haupttribüne aus. Schon aus Prinzip wolle er die Spiele nun nicht auf dem Bildschirm schauen: "Der Fußball existiert nur noch für den Fernseh-Zuschauer, wenn der einzige Weg, das Spiel zu sehen, nun mehr kostet, als eine Dauerkarte früher".

Ein breites Spektrum der Fanlandschaft, besonders aber die aktive Fanszene, spricht von der Entfremdung der Profi-Fußballs, die sich schon prä-pandemisch in der Szene ausgebreitet hat. "Beim SC war das immerhin noch etwas anders. Im Gegensatz zu anderen Bundesligisten ist der Verein wirtschaftlich gesund." Aber mit vielen Schritten, die der Verein mit finanzieller oder sportlicher Notwendigkeit umschrieb, ging für ihn der Bezug zum Fußball dennoch verloren. Die freie Zeit füllt sich nun am Samstag auch ohne Stadiongang.

Fangruppen-Mitglieder Daniel Sand und Daniel Heine

Dass Fußball nicht nur 90 Minuten sind, ist in der aktiven Fanszene gewiss am deutlichsten zu spüren. Für Daniel Sand und Daniel Heine von der aktiven Fan-Gruppe "Immmer wieder Freiburg" entfallen zum einen die gemeinsamen Fahrten der Gruppe zu Auswärtsspielen. Zum anderen haben sie die Heimspiele oft mit Choreografien oder Spruchbändern begleitet. Diese kreativen Prozesse hat die Gruppe selbst außerhalb der Spieltage ganz von selbst zusammengeführt. "Für ein gutes Spruchband sind fünf Leute schon einen ganzen Abend beschäftigt", erklärt Daniel Heine.

Natürlich hängen die beiden nach all den Jahren im Stadion am Verein: "Ich merke natürlich, wenn wir acht Spiele in Folge nicht gewinnen und dann verlieren wir 3:0 gegen Mainz, dass meine Laune total im Keller ist, weil ich trotzdem Fan dieses Vereins bin und alles andere will, als dass sie absteigen. Aber ich muss es nicht 90 Minuten sehen." So bleibt auch mal Zeit für die Freundin oder Skype-Calls mit einem fußballferneren Freundeskreis. Der Spielplan hat für sie seine alte Unbedingtheit verloren und für Daniel Heine ist es auch fraglich, ob sie nochmal wieder kommt. "Ich habe mir schon mal Gedanken gemacht, ob es danach so weitergeht wie davor. Vielleicht merkt man dann nach fünf Spielen, dass es ohne eigentlich besser war."

Helen Breit und Steffi Renz, Supporters Crew

Helen Breit und Steffi Renz von der "Supporters Crew" investierten bis letzten März etliche Stunden für die Planung einer Auswärtsfahrt und fanpolitische Arbeit. "Das war absurd viel Zeit für einen Spieltag, wie eine Sucht, im positivsten Sinne", fasst es Helen zusammen. Sie gehören zur Supporters Crew Freiburg und betreuen eigentlich einen Fanstand unter der Nordtribüne, also dort, wo das Fanherz am lautesten schlägt. Zuletzt ein Spiel des SC – ob zu Hause oder auswärts – verpasst, haben sie "vermutlich 2016", vielleicht ist es auch noch länger her. Und bei all diesen Spielen hat sich ein enges Netz in der Szene gesponnen. "Man brauchte keine Handynummer, um mit all diesen Menschen über Jahre in Kontakt zu bleiben", denn der Fußball war die Schnittmenge, die alle zusammenhielt. Und nun wundern sie sich, wie verrückt normal das damals alles war.

Das Stadion-Erlebnis vermissen die beiden, aber haben sie auch das Gefühl, vermisst zu werden? Das mag sich nicht so richtig einstellen: "Ich kriege durch den abonnierten Newsletter zwar extrem viele Mails vom Sportclub, aber so richtig fühle ich mich nicht angesprochen von einem Erfahrungsbericht zum Spiel, garniert mit dem Hinweis auf die neue SC-Brotbox im Fan-Shop", sagt Steffi. "Da muss mehr kommen", wünscht sich daher Helen: "Es wäre großartig, wenn der SC von sich aus ernstgemeinte Botschaften an die Fanszene sendet, dass er diese vermisst und versucht, sie auch ohne Spiele einzubinden. Nicht getrieben von Marketinginteressen, sondern weil es sich wirklich so anfühlt." Dieser naheliegende Ball liegt also beim Verein.

Die weit mehr als 90 Minuten reißen in allen Teilen des Stadions ein besonders sichtbares Loch in den Alltag vieler Freiburgerinnen und Freiburger. Und es bleibt offen, wie ihre Rückkehr aussehen wird, bis zu dem Tag, an dem die Protagonistinnen und Protagonisten dieses Artikels vielleicht noch einmal ausgelassen zum Torschrei von Claus Köhn einstimmen. An dem Tag, an dem das Stadion des Sportclubs samstags wieder aufs Neue mit alter Selbstverständlichkeit mit Leben gefüllt wird.
Dieser Artikel ist Teil einer Serie über die Fankultur in Freiburg zu Corona-Zeiten. Teil II und Teil III befassen sich mit den Themen Engagement und Erwartungen.