#stayathome

Für immer Sonntag: 5 Gründe trotzdem früh aufzustehen

Jana Mack

Hat Angela Merkel mit ihren Appellen die Legitimation geliefert, etwas länger im Bett zu bleiben? Frühstück im Bett, dann zwei Folgen Lieblingsserie und anschließend ein Nickerchen. Klingt verlockend? Warum es sich trotzdem lohnt früh aufzustehen.

Was sich nach einer Einladung zum Dauer-Sonntag anfühlt, kann spätestens in ein paar Tagen zu einer unangenehmen Angelegenheit werden. Wie viele Sonntage kann der Mensch vertragen? Wer aktuell zwischen Windeln wechseln, Homeoffice-Arbeitsverpflichtungen, Spaghetti kochen und Kinderbespaßung über das mögliche Aufkommen einer Sonntagsstimmung nur müde lächeln kann, der darf diesen Text getrost als Luxusproblem abtun. Für alle anderen gilt es neue Routinen zu finden. Wie das frühe Aufstehen dabei helfen kann:


1. Der frühe Vogel fängt den Duschschlauch

Was im bisherigen Alltagsleben nie als großes Problem galt, kann heute zur wohnungsinternen Krisensituation führen: die gemeinsame Badezimmer-Nutzung. Durch die ungleiche Verteilung von: Studierenden, Arbeitstätigen und Nicht-Duschern ließen sich potentielle Bad-Nutzungs-Aktivitäten bis dato in gleichem Maße über den ganzen Tag verteilen. Eine plötzliche Abweichung dieses gewohnten Alltagsrhythmus führt zu einem erhöhten Risiko, dass alle Mitbewohner gleichzeitig auf die Idee kommen, das Badezimmer auf einmal "unbedingt sofort ganz dringend" nutzen zu müssen. Für Frühaufsteher gilt hier der Vorteil: Der frühe Vogel fängt den Duschschlauch. Nach ausgiebiger Duscherei können die Morgenstunden anschließend dazu genutzt werden, sich frischgeduscht am offenem Fenster am fröhlichen Gezwitscher der Vögel zu erfreuen oder leise summend den Sonnenaufgang in der Spiegelung der gegenüberliegenden Hausfassade zu erahnen.



2. Morgensport statt "Morgen: Sport"

Wer kennt das nicht: Dinge werden immer genau dann interessant, wenn man sie nicht haben kann. Was sich auf Lebensmittel, Menschen und Tätigkeiten übertragen lässt, gilt wohl auch für sportliche Aktivitäten: "Sport, ICH? Nein danke! – Es wird mir verboten Sport zu machen? Wo sind meine Laufschuhe?!" Ein spannendes Phänomen lässt sich in diesem Zusammenhang aktuell in ländlichen Regionen beobachten: Ströme an E-Bike-Nutzern erklimmen in vorgegebenem Sicherheitsabstand die Hügel der Region. Menschen, deren Sitzgewohnheiten sich in der Regel auf das Sofa oder den Autositz beschränken, erradeln sich betont unangestrengt Höhenmeter in unerkanntem Ausmaß. Bewegung stärkt das Immunsystem und verbessert das psychische Wohlbefinden. Wer keine Lust auf Youtube-Hüpferei mit Team Harrison hat und ein gutes Verhältnis zu den Mietern von unten pflegt, der sollte seine sportliche Befriedigung an der frischen Luft suchen. Allerdings eben nicht alle auf einmal. Wer frühsportlichen Aktivitäten nachgeht kann zu einer gleichmäßigen Verteilung der "Draußen-Seienden" beitragen und so eine mögliche Virus-Ausbreitung verringern #flattenthecurve.



3. Indoor Gardening: Bis die Regenwürmer husten

Gartenarbeit sei gut für die Seele sagt man. Man hat allerdings einen Garten mit einer kleinen Rosenzucht, die man liebevoll pflegen und täglich von Unkraut befreien kann. Wem diese Art vorstädtlicher Reihenhausidylle verwehrt bleibt und wer sich auch nach mehrfachem Nachfragen nicht an der Gartenpflege der Nachbarn beteiligen darf, dem empfiehlt es sich fachmännisch über das Anlegen einer Hochbeet-Konstruktion auf dem Balkon nachzudenken oder wenigstens einen kleinen Kressegarten in der Küche zu platzieren. Wem Kresse und Garten zu komplex klingt, dem bleibt die Möglichkeit, wahllos Essensreste in mit Wasser befüllte Einweggläser zu stopfen, Zahnstocher reinzustecken und das dann ...-Zucht zu nennen oder gleich als großangelegtes Fermentions-Projekt zu betiteln. Derzeit weniger empfehlenswert: Gemeinsam in größeren Gruppen losziehen, um öffentliche Grünflächen zu bepflanzen oder fremde Gärten gegen den Willen ihrer Eigentümer mitzupflegen. Was zu "normalen" Zeiten als nette Aktion mit gesellschaftlichem Mehrwert gelten mag, das kann nun in einem unschönen Kampf um persönliche Pflanzen-Pflege-Rechte enden.



4. Frühshopping: Ja. Panik: Nein.

Sinnvolles Frühshopping beginnt dann, wenn die hochmotivierte Habitus-Gruppe der "wir stehen sowieso jeden Tag um kurz vor acht auf dem Aldi-Parkplatz, um uns um die besten Angebote zu prügeln"-Mamis und -Papis in einem ersten Durchlauf ihr Kaufbedürfnis gestillt hat – also circa eine Stunde nach Ladenöffnung. Die oberste Regel lautet: die Ruhe bewahren. Keine Panik, es ist genug für alle da. Denn auch wenn natürlich niemand offiziell Hamsterkäufe tätigt, erwischt sich der ein oder andere vielleicht doch dabei, eine Dose Tomatensauce mehr in den Einkaufswagen zu legen oder seine Shoppingbegleitung kurz vor der Kasse nochmal schnell loszuschicken, um fünf Packungen Kaisergemüse aus der Tiefkühlabteilung zu holen. Dabei gilt es nicht nur sich logistischen und medizinischen Herausforderungen zu stellen wie: "Mit wie vielen Packungen Klopapierrollen kann ich meine Handgelenke behängen, ohne die Blutzufuhr zu lange zu unterbrechen " – sondern auch den sozialen Druck der Mitkäufer und Supermarktangestellten auszuhalten. In Zeiten, in denen über Flugscham nur müde gelächelt wird, schleicht sich ein diffuses Gefühl der Kaufscham ein. Symptome äußern sich unter anderem durch das innerliche Zusammenzucken bei einer erhöhten Pieps-Frequenz der Kasse, die den Käufer beschämt zu Boden blicken oder nervös lachend beteuern lässt, dass zu Hause wirklich viele Menschen darauf warten, eine Mehl-Öl-Speise zu sich zu nehmen.



5. Wer bin ich – und wenn ja wie lange

Zeit – vor wenigen Tagen noch als wertvolles Gut gehandelt, haben wir auf einmal richtig viel. Den ganzen Tag im Bett rumhängen? Geht schon! Nur macht das meistens nur dann besonders viel Spaß, wenn man eigentlich arbeiten müsste oder um sich von getaner Arbeit zu erholen. Zeit, sich neu zu erfinden: Wer bin ich eigentlich, wenn ich nicht arbeite? Wer bin ich, wenn ich nicht mit meinen Freunden rumhänge oder mich über mein Kaufverhalten definieren kann? Bin ich überhaupt?
Probier es aus: Sei der Routine suchende Tagesplan-Schreiber, dessen Wecker bereits kurz vor Sonnenaufgang klingelt, um eine Runde Sport zu mache, der sich den Tag mit Online-Meetings, Google Hangouts und wichtigen geschäftlichen Telefonaten füllt, um sich wenigstens ein bisschen Pseudo Stress und eingeschränkte Erreichbarkeit zu erhalten. Oder nutze die Zeit, um dich zu entschleunigen: Bewege dich langsamer, atme ruhig und rieche sehr sehr lange an deinem Kaffe. Jetzt ist die Zeit dir vorzunehmen, endlich Spanisch zu lernen und es dann doch nicht zu tun. Suche Zuflucht im Puzzeln, Lesen, Briefe schreiben oder nette Window-Color-Bildchen malen. Wer mutig ist, gibt sich der Langeweile hin und hofft auf Kreativität und neue Selbsterkenntnisse. Die Möglichkeiten scheinen endlos zu sein – zumindest bis zu deiner Wohnungstür. An dieser Stelle geht es uns dann doch allen gleich. Versuchen wir also, das Beste aus der Situation zu machen.