Fünffach gut: Reggae-Festival in Colmar

Till Neumann

Das Line-Up des Reggae Festivals in Colmar am Pfingstsamstag war äußerst vielversprechend: Tiken Jah Fakoly, Patrice, Dub Inc., Alborosie und Broussaî sollten im Théâtre Couvert die Reggae-Sonne scheinen lassen. Wie's war:



Fünf Hochkaräter des französisch- und englischsprachigen Reggae spielten am Samstag im Théâtre Couvert in Colmar. Vier der fünf hätten problemlos als Headliner auftreten können.

Den Anfang machten um 15.45 Uhr Broussaî, die in Frankreich mit mehreren Studioalben und 400 Konzerten eine echte Szenegröße sind. Die Stimmung im bereits ordentlich gefüllten Théâtre Couvert war gut. Im überdachten Freilufttheater sorgten die acht Männer der Gruppe mit schwungvollem melodiösem Reggae und einer energiegeladenen Show für einen gelungenen Auftakt in die achtstündige Reggaeparty.

Spätestens nach der ersten Stunde Livemusik zog es die Besucher zu den Essens- und Getränkeständen. Dort wartete jedoch eine unangenehme Überraschung: Um Bons für Essen und Getränke zu kaufen, musste man mindestens 30 Minuten Schlange stehen. Dazu war insbesondere das Bier richtig teuer. (0,5 L – 6 Euro; 0,25 L – 3 Euro). Wer es sich kulinarisch gut gehen lassen wollte, musste am Samstag tief in die Tasche greifen. Der Eintritt kostete 45 Euro, was bei dem musikalischen Aufgebot allerdings vertretbar ist.



Nach der mit Warten am Bonstand verbrachten Pause betrat Alborosie die Bühne. Der in Jamaika lebende Italiener mit den überdimensionalen Rastazöpfen (bis zu den Knien!) brachte wie alle Acts seine eigene Liveband mit. Hätte man ihn nicht gesehen, könnte man schwören, der Sizilianer sei gebürtiger Jamaikaner. So tief und kratzig ist seine Stimme, so authentisch sein Reggae-Slang, genannt Patois (jamaika-kreolisch). Begleitet von zwei Backgroundsängerinnen donnerte sein Reggae und Dubsound durch die sauber ausgesteuerten Boxen. Ein weiterer Rastaman schwang dazu am linken Bühnenrand durchgehend zwei riesige Reggaefahnen und heizte somit die Menge an.

Spätestens bei Alborosies Superhit Kingston Town feierte das Publikum frenetisch. Einen kleinen Seitenhieb in Richtung Polizei konnte sich der Italiener schließlich nicht verkneifen. „The policemen come to me, searching for Marihuana. I say, I don't have Marihuana *grins*.“ Das junge größtenteils französische Publikum grölte.

Wer in der folgenden Pause nicht auf Essen und Getränke warten wollte, blieb einfach im Konzertsaal oder machte es sich auf einer Rasenflächen im Freien gemütlich. Die halbstündige Pause wurde aber auch anderweitig genutzt. Adam aus Mulhouse, dunkle Haut und Rastaoutfit, strickte einen Schal im Reggaedesign. Mit zwei Nadeln stand er unweit der Bühne und verarbeitete gekonnt gelben, grünen und roten Faden. Nebenbei verkaufte er seine bereits fertigen Produkte an Festivalbesucher. Die Jamaikamütze gab's für 15 Euro.



Als dritter Act war Dub Inc. geladen. Dass die multikulturelle Reggaeband aus St. Etienne eine große Fangemeinde hat, verrieten allein die zahlreichen Besucher mit T-Shirts der Band. Die acht Musiker der Dub Incorporation haben unterschiedliche kulturelle Hintergründe.



Die zwei Frontmänner Komlan und Bouchkour zeigen das deutlich. Der farbige Komlan mit seiner breiten und extrem tiefen Stimme harmoniert genial mit Bouchkour, dessen arabische Wurzeln sowohl optisch als auch akustisch unverkennbar sind. Mit Hits wie Galérer, Métissage und Rudeboy brachten sie die Temperatur im Saal zum Siedepunkt. Die textsicheren Fans bekamen das was sie wollten: eine dynamische Show mit zwei grandiosen Sängern und einem gewaltig dicken Sound. Als bei der Zugabe die 6500 Zuschauer von links nach rechts und wieder zurück springen durften, waren alle aus dem Häuschen.

Mittlerweile hatten auch die Reggaefans mit Durchhaltevermögen Hunger. Auf der Karte wurden Flammkuchen, Pommes und Merguez (= pikantes französisches Würstchen) angepriesen. Leider waren sowohl die Pommes, als auch die Merguez gegen 21 Uhr ausverkauft. Wer sich für Saucisses Blanches (= ein helles Würstchen) im Baguette entschied, wartete darauf bis zu eine Stunde. Für andere Speisen dauerte es wohl ähnlich lang. Die Hungrigen waren dementsprechend misslaunig.



Weiter ging's mit Patrice, der mit Akustikgitarre die Bühne betrat und sein Set mit ruhigen Liedern wie Everyday Good startete. Zu Beginn seines Konzertes waren noch kleinere Lücken im Publikum. Spätestens bei den ersten Temposteigerungen füllte sich aber auch bei seinem Auftritt der Saal. Up in my room und vor allem Soulstorm waren echte Kracher. Aber auch die Balladen seines Hitalbums Ancien Spirit begeisterten das Publikum. Für die Zugabe performte Patrice zu einem Trommelbeat in der Menge auf den Schultern eines Securityschrankes. Eine heftig gefeierte Einlage.



Kurz nach 23 Uhr war Zeit für den Hauptact des Abends : Tiken Jah Fakoly alias „die Stimme Afrikas“. Der stämmige Ivorer betrat die Bühne umhüllt in ein ausladendes afrikanisches Gewand.  Er füllte den Raum mit seiner kräftigen Stimme und der Aura eines weisen Mannes. Im Vergleich zu den anderen vier Bands spielte er das gediegenste Programm. Es lud weniger zum Springen und Jubeln ein, als vielmehr zum Zuhören, Nachdenken und Mitschwingen. Seine Band kreierte einen Reggaesound mit verschiedenen traditionell afrikanischen Klangelementen. Bei den Songs seines aktuellen Albums African Revolution (Kaufempfehlung!) konnten viele Zuschauer mehr als nur die Refrains mitsingen. Seine nachdenklichen sozialkritischen Texte (zum Beispiel Il faut se lever) sind ein flammender Appell zur Emanzipierung Afrikas. Die Überzeugung mit der Tiken Jah Fakoly seine Botschaft überbringt ist beeindruckend. Wenn er dann noch auf der Bühne zu einem Tempolauf mit finalem Kung-Fu-Kick ansetzt ist das Publikum erobert.

Anmerkung: Ein Knackpunkt war die An- und Abreise für Besucher aus dem Raum Freiburg. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln braucht man von Freiburg aus für die 55 Kilometer ungefähr zwei Stunden. Nach 23 Uhr gab es am Samstag keine Verbindungen mehr. Da besteht dringend Handlungsbedarf. Ein Shuttlebus hätte sicher Anklang gefunden.

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