Freiburger Stadtteile

fudders Stadtteilbesuch: Wie lebt es sich in Weingarten?

Sarah Rondot

In einer Serie stellt fudder Freiburger Stadtteile durch die Brille eines Bewohners oder einer Bewohnerin vor. Dieses Mal: der 21-jährige Felix Niederberger aus Weingarten. Er wohnt im 13. Stock eines Plattenbaus.

Leute, die neu nach Freiburg ziehen, vermuten in dem Stadtteil vielleicht alte Fachwerkhäuser, die mit wildem Wein bewachsen sind. Doch der poetische Name trügt. Wenn man von Haslach aus über die Brücke nach Weingarten fährt, sieht man die Skyline Freiburgs: Hier sieht es eher aus, wie in einem Berliner Vorort, als in der romantischen Schwarzwaldstadt Freiburg. Während sich Zugezogene vom Namen täuschen lassen, ist Weingarten für Freiburger oft als hässliche Hochhaussiedlung verrufen.


Doch wie ist es, dort zu leben? Felix Niederberger ist 21 Jahre alt und wohnt seit einem Jahr hoch über den Dächern Weingartens. Von seinem Balkon im 13. Stock eines Plattenbaus kann man den ganzen Stadtteil überblicken: Im Norden ist Weingarten von der Dreisam begrenzt, hinter der Güterzugtrasse liegt Haslach und im Westen schließt Rieselfeld an. Felix wohnt hier so günstig, wie fast nirgendwo sonst in Freiburg: Für sein 17-Quadratmeter-Zimmer mit Balkon zahlt er 300 Euro.

Buggi50 verbraucht 78 Prozent weniger Energie als früher

Während Felix über die Hochhäuser blickt, erzählt er, dass die meisten in den 1960er-Jahren errichtet wurden. Seit 2009 gibt es in Weingarten das erste Passiv-Hochhaus. Das "Buggi 50" wurde komplett saniert und verbraucht jetzt 78 Prozent weniger Energie als früher. Die grünen Balkone leuchten schon von Weitem. In keinem anderen Stadtteil ist der Anteil der Migranten so hoch wie hier. "Das ist ein ganz anderer Spirit, als man sonst in Freiburg hat", sagt Felix. "Wer aus der typischen Freiburger Blase mal rauskommen will, ist in Weingarten richtig."

Wie verbringt man seinen Tag in Weingarten am besten? Felix weiß genau, wie sein perfekter Tag aussieht: "Erstmal hole ich mir ein Croissant unten auf dem Markt." Der Wochenmarkt findet mittwochs und samstags statt, direkt vor dem Einkaufszentrum mit Sparkasse, Aldi und Bäcker. "Danach genieße ich die Aussicht von meinem Balkon." Felix Lieblingsbalkon der WG hat eine Panaromaaussicht auf den Schönberg, den Schauinsland und den Lorettoberg. Wieder unten schlendert er Richtung Spinnwebe, ein beliebter Second-Hand Laden, in dem es alles gibt: Von Büchern und Filmen, bis zu Weihnachtskugeln und Bettgestellen. Felix muss lächeln, als er über die Spinnwebe erzählt: "Immer samstags ist da 30 Prozent Rabatt und dann kommen die hippen Studierenden aus den anderen Stadtteilen angereist." Dann sieht man sie auf den Straßen, die Dr. Martens-, Rasta-Locken- und Alpaka-Pullis-Trägerinnen, die sich sonst selten nach Weingarten verirren. "Die kommen dann immer ganz glücklich mit einer Lampe oder so unter dem Arm wieder heraus." Felix kauft sich in der Spinnwebe meistens ein Buch.

Im Dietenbachpark herrscht familiäre Stimmung

Leider mangelt es in Weingarten an schönen Kaffees, deswegen spaziert Felix durch den Park bis zum Dietenbachsee. Im Sommer herrscht hier eine bunte Mischung: Studenten, die auf der Slackline balancieren, türkische oder arabische Familien, die picknicken und Tee kochen und Senioren, die durch den Park schlendern. Felix findet: "Das ist eine ganz andere Stimmung als im Seepark, viel gemütlicher und familiärer." Um den Tag ausklingen zu lassen, bestellt Felix eine Familienpizza bei "Mona Lisa". Felix genießt seine Pizza, während er zuschaut, wie die Sonne untergeht und die Platten rosa färbt.

Doch auch Felix sieht Weingarten nicht durch die rosarote Brille. Manches nervt: Hier ist die grüne Welle noch nicht angekommen und das merkt Felix ganz konkret: "Weingarten ist der einzige Stadtteil, der keinen Biomüll hat! Und in der Papiertonne ist immer tonnenweise Plastik." Auch das Hochhaus an sich stört ihn manchmal, die Wände sind dünn und seine Nachbarin beschwert sich, wenn er zu laut Musik hört.

Felix mag Weingarten trotz der Schönheitsfehler

Doch trotz der kleinen Schönheitsfehler will Felix hier nicht mehr weg. "Dass ich in Weingarten wohne, hat mir auch wieder die Augen für die Schönheit der anderen Stadtteile mit ihren alten Häusern geöffnet." Er ist sich sicher, dass in den nächsten Jahren immer mehr Studierende wegen der günstigen Mieten herziehen. Für Felix steht fest: "Für mich ist die Platte mittlerweile ganz normal."