Freiburger Stadtteile

fudders Stadtteilbesuch: Wie lebt es sich in Herdern?

Sarah Rondot

In einer Serie stellt fudder Freiburger Stadtteile durch die Brille eines Bewohners oder einer Bewohnerin vor. Dieses Mal: Die 26-jährige Nicole Behringer. Sie mag, dass sie ihre Nachbarn kennt und der Kirchplatz sich nach Italien anfühlt.

Die Haustür des pastellgelb gestrichenen Hauses steht offen, eine Katze streicht durch den Innenhof, in dem die Wäsche in der Sonne flattert. Im Vorgarten steht ein kleines Baumhaus. Die Straße ist breit und mit Bäumen gesäumt. Dieses Haus befindet sich nicht etwa in einem gepflegten Dorf im Schwarzwald, sondern nur zehn Minuten mit dem Fahrrad von der Freiburger Innenstadt entfernt. Viele nennen die Wiehre und Herdern die Stadtteile, in denen man in Freiburg schön wohnt. Herdern ist noch mehr eine Familiengegend als die hipsterig angehauchte Wiehre. Nicole Behringer benutzt immer wieder ein Wort, um ihren Stadtteil zu beschreiben: "Idyllisch".

Wenn man von dem Balkon ihrer WG in dem gelben Haus auf den ruhigen Innenhof und in die Nachbargärten schaut, versteht man, was Nicole meint. Sie hat ihren Bachelor der BWL in Konstanz gemacht und ist vor knapp zwei Jahren für ihren Master nach Freiburg, Herdern gezogen. "Auf ranzige Studentenbuden hatte ich keine Lust mehr", und die muss man in Herdern wirklich suchen.

Von Herdern ist man schnell im Wald

Ein perfekter Tag in Herdern beginnt für Nicole mit einem Frühstück auf dem Balkon. Am liebsten mit einem Teilchen der Bäckerei Weber, die eine vielseitige Auswahl bietet. Hinter Nicole auf dem Balkon hängt der Wanderrucksack ihrer Mitbewohnerin, auf dem Fenstersims stehen Wanderschuhe. "Besonders im Corona-Lockdown habe ich die Nähe zur Natur hier sehr genossen." Ihr Mitbewohner Lars fügt hinzu: "Man kann zur Sonnhalde gehen, weiter den Berghoch zum Grottenweiher, von dort ist es gar nicht weit zum Rosskopf." Auch zum Schlossberges führt eine schöne Spazierrunde.
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"Das ist nicht nur ein Stück Natur in der Stadt, man ist einfach direkt in einem richtigen Wald und kann, wenn man möchte auch größere Wanderungen starten." Auf dem Weg in den Wald trifft man nebenbei auf sehr schicke Autos und Häuser auf riesigen Grundstücken. "Hier wohnen schon viele Leute mit Geld", nickt Nicole. Sie selbst hat mit ihrer WG einen echten Glücksgriff gelandet. Zwar zahlt sie für ihr WG-Zimmer mehr als 400 Euro, doch das ist in Freiburg auch in anderen Lagen üblich. "Ich hatte noch nie so ein schönes und großes Zimmer wie in Herdern", schwärmt Nicole.

Italien-Feeling auf dem Kirchplatz

Von so einem Ausflug im Wald zurück startet Nicole gemütlich in einen Herdermer Nachmittag. Herdern war früher ein eigenständiges Dorf. Es wurde schon im Jahre 1008 nach Christus in einer Urkunde erstmalig erwähnt, damit ist der nordöstlich der Innenstadt gelegene Stadtteil eines der am frühesten besiedelten Gebiete der heutigen Stadt. Einst lebte das Dorf vom Weinbau, der heute aber keine große Rolle mehr spielt. Der Dorfcharakter ist jedoch an einigen Stellen erhalten geblieben und so landet Nicole meistens auf dem Kirchplatz St. Urban, den sie auch Dorfmitte nennt. Auf dem Weg dorthin zeigt Nicole auf ein blauweißes Haus, links und rechts von einer Palme gesäumt. Es beherbergt ihre Lieblingsbuchhandlung, das Antiquariat Oliver Smock, und befindet sich, passend zu den Palmen, in der Sandstraße. Im Schaufenster hängt ein Zitat von Diogenes "Sie müssen nicht zum Amazonas reisen, wenn es Bücher bei Ihnen um die Ecke gibt."

Tatsächlich muss man Herdern nicht verlassen, um sich wie in einem anderen Land zu fühlen. Allerdings eher im europäischen Süden als am Amazonas. "Als meine Eltern mich besucht haben, hat meine Mutter Herdern mit Italien verglichen." Besonders auf dem Marktplatz mit der kleinen Kirche fühlt man sich wie auf einer italienischen Piazza. Immer dienstags und freitags ist hier ein kleiner Bauernmarkt, auf dem einige Stände regionalen Käse oder Brot verkaufen. Vor Jenny’s Cafésita mit Siebträgermaschine bildet sich fast immer eine Schlange. Regionale Produkte gibt es in Herdern nicht nur auf dem Kirchplatz. Auch im s’Hoflädele gibt es neben Blumen auch Brot, Eier und saisonales Obst und Gemüse. "Richtig Freiburg", so Nicole.
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Die Eismanufaktur an der Seite des Platzes trägt ebenfalls zum Italien-Feeling bei. Hier gibt es selbstgemachte, außergewöhnliche Sorten, wie Lavendel-Zitrone oder weißer Pfirsich, für 1,30 Euro die Kugel. An den kleinen Tischen löffeln Familien ihr Eis. Ein junger Vater bestellt sich ein Waldhaus zu seinem Spaghetti-Eis und auch Aperol Spritz leuchtet orange in der Nachmittagssonne. "Die Eismanufaktur hat sogar bis 23 Uhr auf", sagt Nicole, "man könnte sie also auch als Bar bezeichnen."

Bars sind in Herdern eher rar

Sonst sind Bars in Herdern eher eine Rarität, zwar gibt es ein paar alte Kneipen, wie das Bürgerstüble, doch Mitbewohner Lars und Nicole radeln dann eher in die Stadt, wenn sie auf der Suche nach Nachtleben sind. "Ich könnte mir vorstellen, dass das in Herdern nervt, wenn man gerade am Anfang des Studiums steht und Aufregung sucht." Nicole erinnert sich: "Ich habe ein Semester zur Zwischenmiete im Stühlinger gewohnt und da geht es schon mehr ab." Doch Nicole genießt das Herdermer Idyll: "Ich mag es einfach durch die schönen Straßen zu spazieren und durch die Gegend zu gucken", sagt sie. Das kleine Bächlein, das von einem Geländer gesäumt wird, macht die Hauptstraße besonders schön.
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Wenn Nicole Gäste hat, lässt sie eigentlich nie eine kulinarische Besonderheit aus: Den Cheebab im Basak in der Habsburgerstraße. Der einzigartige Käsedöner hat es bei seiner Einführung in alle regionalen Medien und sogar darüber hinaus geschafft. Neben dem Dönerspieß dreht sich hier ein Käsespieß. "Halbharter Käse aus dem Allgäu, aus Biomilch", erklärt Bilal Aksu, der diese aus der Schweiz stammende Idee nach Deutschland gebracht hat. Der Käsedöner ist sehr beliebt, zu spät am Abend darf man nicht kommen, da ist der Spieß oft leer. Aksu empfiehlt den Käse vor allem im selbstgebackenen Dönerbrot und serviert ihn auf einem kleinen Holzbrett. "Der Unterschied ist, dass Dönerläden ja meistens den Halloumi-Käse frittieren, weil sie keinen Grill haben. Aber bei uns wird der Käse am Spieß gegrillt, genau wie ein Dönerspieß."

Der Sonnenuntergang auf der Lieblingswiese ist ein Highlight

Sahin, der über dem Dönerladen wohnt, erzählt, dass er in Herdern aufgewachsen ist. "Ich bin froh, dass ich hier groß geworden bin, es ist einfach die schönste Gegend ganz Freiburgs." Er schwärmt: "Für Kinder gibt es super viele Spielplätze, man ist schnell mit der Straßenbahn in der Stadt und nach 22 Uhr sind die Straßen hier komplett ruhig." Nicole und Sahin haben dasselbe Lieblingsrestaurant in Herden, "Chada Thai" in der Richard-Wagner Straße. Das Restaurant kocht authentisch thailändisch und hat eine schöne Terrasse. "Es ist so beliebt, dass man am besten vorher reserviert", empfiehlt Nicole. Sie bestellt am liebsten Tofu mit Gemüse, Sahin schwört auf die Ente mit Reis. Die Ente gibt es im Chada Thai auch vegetarisch.

Ein perfekter Tag in Herden endet für Nicole auf der Eichhalde, die Nicole und ihre WG Lieblingswiese nennen. Der Aufstieg von der Dorfmitte ist steil, doch wenn man auf der Wiese am Waldrand angekommen ist, wird man mit einem wunderschönen Ausblick auf die ganze Stadt belohnt. Links eingerahmt vom Schlossberg blickt man auf das Münster und kann dem Verlauf der Dreisam bis zur Gaskugel folgen. Nicole hat dort oben sogar schon ihren Geburtstag gefeiert. "Man sieht hier einen wunderschönen Sonnenuntergang", sagt sie. Sie zeigt auf eine hoch an einem Baum angebrachte Schaukel, "Die ist noch nicht lange hier", sagt Nicole, bevor sie über die Dächer Freiburgs fliegt. Zurück auf ihrem Balkon erzählt Nicole, dass ihre WG bald den Hund der Nachbarn für ein paar Tage sittet. "Diese Art von Nachbarschaft ist wirklich schön", sagt Nicole.

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