Freiburger Stadtteile

fudders Stadtteilbesuch: Wie lebt es sich in der Wiehre?

Sarah Rondot

In einer Serie stellt fudder Freiburger Stadtteile durch die Brille eines Bewohners oder einer Bewohnerin vor. Dieses Mal: Der 22-jährige Johannes Brinker. Er genießt das Leben zwischen Jugendstil, Cafés und Schwarzwald.

"Da würde ich auch gerne wohnen", sagen einige Studierende, wenn man nach ihrer Meinung zur Wiehre fragt. Andere finden: "Das ist schon eine Blase: Teuer, öko, akademisch und irgendwie abgehoben."


Doch wie ist es wirklich, in der Wiehre zu wohnen? Fährt man mit dem Fahrrad durch die Alleen, gesäumt von Jugendstilhäusern, ist es in der Wiehre erstmal nur eins: sehr sehr schön. Das findet auch Politik- und Spanischstudent Johannes Brinker, er wohnt seit zwei Jahren in der Wiehre und fühlt sich dort zu Hause.

Der perfekte Tag beginnt im Schlosscafé

Der 22-jährige weiß genau, wie ein perfekter Tag in seinem Viertel aussieht: Der beginnt auf dem Loretto-Berg. Der Aufstieg ist zwar steil, doch im Schlosscafé wird man mit einem Cappuccino und einer unglaublichen Aussicht über Freiburg und den Schwarzwald belohnt. Von hier schaut Johannes auf die Wiehre, wie sie eingebettet zwischen Dreisam und Schwarzwald liegt.

Sie teilt sich in Unter- und Oberwiehre, die jenseits der Günterstalstraße beginnt. Während Johannes seinen Blick schweifen lässt, erzählt er vom naheliegenden Loretto-Bad. Dort schwammen schon ab 1841 Gäste und heute beherbergt es das einzige Damenbad Deutschlands. Zum Abstieg macht Johannes einen kleinen Schlenker über die Nord-west-Seite des Berges. Dort wachsen Weinreben, Spaziergänger sind unterwegs oder machen es sich auf den Wiesen gemütlich.

Döner, Dartstüble und Holbeinpferd

Zurück in der Wiehre steuert Johannes das Gasthaus "Der Kaiser" in der Günterstalstraße an. "Wenn ich nicht in die Mensa gehe, treffe ich mich hier mit Freunden zum Mittagessen. Der Mittagstisch liegt unter 10 Euro und wir können Bundesliga gucken." Wem weniger nach deutscher Küche zumute ist, der findet in der Wiehre etwas Unerwartetes: Einen wahnsinnig guten Döner! Im "Freiburger Imbiss" in der Günterstalstraße gibt es frischen Kebab, dazu werden Spezialitäten aus der Küche gereicht.

Am Abend geht es ins Dart-Stüble in der Günterstalstraße. In der Kellerkneipe darf geraucht werden, das Bier liegt unter vier Euro und junge und alte Gäste werfen Dartpfeile. Johannes fügt hinzu: "Das Beste ist, dass wir sogar unsere eigene Musik anschließen dürfen!" Später macht er auf einen Bewohner der Wiehre aufmerksam, der nicht ganz ins bürgerliche Stadtbild zu passen scheint: Das Holbein-Pferd an der Ecke der Holbeinstraße. Die kleine Statue eines Fohlens wird immer wieder übermalt. Als kleines Zeichen der Rebellion ist sie zum Beispiel grün für den Klimastreik, richtet Geburtstagswünsche aus oder trägt ein Einhorn auf dem Kopf. Johannes gefällt es in der Wiehre, er könnte sich aber vorstellen, bald in einen studentischeren Stadtteil zu ziehen. Denn in der Wiehre sind die Studenten nicht der größte Anteil. Auf der Straße sieht man junge Frauen mit Kinderwagen, alte Damen und rollerfahrende Kinder. Die meisten von ihnen sind an einem Mittwoch unterwegs zum alten Bahnhof in der Oberwiehre.

Reges Markttreiben am Alten Wiehrebahnhof

Dort findet mittwochs und samstags ein Markt statt, auf dem es vielseitige Stände gibt. Ein Wagen verkauft Raclette-Käse mit Lavendelnote, es gibt einen mobilen Pizzaofen und selbstgestrickte Socken. Beim Obst- und Gemüsestand gilt: Wer seine eigene Tüte mitbringt, spart 20 Prozent auf seinen Einkauf ab 5 Euro. Schaut man sich auf dem Markt und im angrenzenden Park mit Spielplatz um, fühlt man sich in der Zeit zurückversetzt, die alten Häuser, das Markttreiben, dazwischen Kinder. Hier wird getratscht und gehandelt, statt um eine Kuh wie früher heute um ein Stück veganen Käse mit Lavendelnote.

Beim angrenzenden Spielplatz erzählen junge Eltern, dass sie sich wohl fühlen, in der Wiehre: "Es ist so ruhig wie in einem Dorf, trotzdem gibt es viele Restaurants, Läden und Cafés. Außerdem ist man nah an der Innenstadt." Die beiden gehen am liebsten im "Lollo" in der Schwimmbadstraße essen. "Da gibt es wenig Auswahl, dafür aber ausgefallene Sachen wie Pommes mit Trüffelöl." Die beiden können bestätigen, dass die Vorurteile über die Wiehre nicht aus der Luft gegriffen sind.

Im Mocca Cabana trifft man alle

Der Vater grinst: "Eigentlich ist der SUV der Wiehre der VW T6 Bus, der sieht alternativ aus, kostet aber trotzdem 50.000." Die Familie möchte dennoch hier wohnen bleiben. "Vor allem die Nähe zum Wald und zur Innenstadt ist für uns die perfekte Mischung." Denn läuft man vom Wiehre Bahnhof weiter, landet man schnell im Sternwald. Auf der Sternwaldwiese picknicken im Sommer viele Familien oder machen einen Abstecher zum kleinen Wasserschlösschen, das früher ein Wasserverteilungswerk war.

Wo treffen sie zusammen? Die Studierenden, jungen Väter und Rentnerinnen? Das Café Mocca Cabana ist einer dieser Orte. Tritt man durch die Rundbögen des Cafés, fühlt man sich plötzlich nicht mehr wie im gutbürgerlichen Deutschland, sondern in einer orientalisch angehauchten Welt: Runde Holztischchen, terracottafarbene Wände, Bücherregale und wunderschöne Wandlampen geben dem Raum einen gewissen Zauber.

"Die Leute kommen hierher, um ruhige Gespräche zu führen.", sagt Besitzer Albert Frick. Die Gäste schlürfen heißen Ingwersaft oder andere selbstgemachte Getränke. Eine Unterhaltung mit Albert Frick über die Wiehre ähnelt einer kleinen Geschichtsstunde: Er erzählt, dass die Jugendstilhäuser alle um 1900 innerhalb von zehn Jahren errichtet wurden, damals wollte Kaiser Wilhelm eine Bahnstrecke in den Schwarzwald bauen. Dort, wo heute Häuser stehen, war früher Sumpf, alles wurde trockengelegt und ein Wohn- und Industrieviertel entstand.

Ein Sumpf ist die Wiehre heute sicher nicht – vielleicht eine Blase, aber eine Blase, in der man gut und stilvoll leben kann.

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