Freiburger Stadtteile

fudders Stadtteilbesuch: Wie lebt es sich im Stühlinger?

Sarah Rondot

In einer Serie stellt fudder Freiburger Stadtteile durch die Brille eines Bewohners oder einer Bewohnerin vor. Dieses Mal: die 21-jährige Rebeca Rodriguez aus dem Stühlinger. Sie flaniert gerne durch die gemütlichen Gassen.

Als Becky an ihrem Schreibtisch in Brasilien "Freiburg" in den Laptop tippte, sah sie als erstes ein Foto von der blauen Brücke. Nie hätte sie gedacht, dass sie diese Brücke mal von ihrem Zimmerfenster aus sehen würde. Mit 14 Jahren ist Becky dann in den Stühlinger gezogen, zuerst in die Lehener Straße und dann in die Eschholzstraße.


"Im Stühlinger habe ich mich nie fremd gefühlt." Rebeca Rodriguez
Eigentlich wäre Becky dieses Semester zum Studium der Sozial-und Geisteswissenschaften nach Frankfurt gezogen, doch das Corona-Virus führte sie zurück zu ihrer Familie, in ihren geliebten Stühlinger.
Ein perfekter Tag im Stühlinger beginnt für Becky in der Klarastraße, ihrer Lieblingsstraße im Stühlinger. Genauer gesagt im "Café Einstein", ihrem Lieblingscafé. Während Becky an dem selbstgemachten Holunder-Eistee nippt, erzählt sie vom leckeren Frühstücksangebot: "Am besten sind die Eier mit Knoblauch-Baguette."
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Sie zeigt um sich, während sie erklärt, warum das Einstein ihr Lieblingscafé ist: "Man sitzt so schön draußen und kann das Treiben auf der Straße beobachten!" Tatsächlich fühlt man sich ein bisschen wie auf einer italienischen Plaza, besonders, wenn die Sonne scheint. Wenn Becky nicht im Café frühstückt, empfiehlt sie die Bäckerei "La Baguette" an der Eschholzstraße.

Samstags macht sich Becky nach dem Frühstück auf den Weg zum Bauernmarkt auf dem Stühlinger Kirchplatz. Sie erzählt, dass man hier auch ungewöhnliche Zutaten bekommt. "Meine Mama kauft immer Hühnerfüße, eine brasilianische Spezialität." Becky selbst ersteht lieber regionales Obst und Gemüse. Sie schwärmt auch von den türkischen Märkten. "Die sind meistens ziemlich billig und es gibt besondere Sachen." Laut Becky gibt es die leckersten und billigsten Wassermelonen Freiburgs beim "Ariana Orient House" in der Agnesenstraße. Die verschiedenen Kulturen sind auch ein Grund, warum Becky gerne hier wohnt.
"Im Stühlinger habe ich mich nie fremd gefühlt."

JC und Kleiderei in einer Straße

Während Becky mittags gern mit frischem Gemüse kocht, schwärmt Johannes, der im Café JC jobbt, vom Islamischen Zentrum in der Hugstetter Straße. "Der Mittagstisch dort ist richtig gut." Er wohnt genau wie Becky gerne im Stühlinger: "Die Nachbarschaft ist nett, man kennt sich und die Stimmung ist familiär." Wer das JC-Café betritt, befindet sich in einem chaotischen Wunderland. Zusammengewürfelte Möbel, Zeitschriftenberge, manchmal Musik auf dem Plattenspieler und ein Cappuccino für 2,50 Euro. Männer können sich in einem antik anmutenden Friseurstuhl die Haare schneiden lassen. In der gleichen Straße befindet sich die Kleiderei, ein trendiger Second-Hand- und Fair-Fashion-Shop, in dem man sogar Klamotten ausleihen kann.

Am Nachmittag durch den Stühlinger zu bummeln, ist ein bisschen wie durch ein italienisches Städtchen zu spazieren. Viele denken beim Stühlinger vor allem an die Eschholzstraße, die Lebensader des Viertels. Doch besonders auf der bahnhofsnahen Seite gibt es in den Gässchen viel zu entdecken. Sogar altes Handwerk: In der Klarastraße kann man den Geigenbauer Jasper Kalka durchs Schaufenster bei der Arbeit beobachten und ein Stückchen weiter arbeitet eine Goldschmiedin an filigranen Ohrringen. Becky hat in kleinen Boutiquen schon tolle Einzelstücke entdeckt.

Ein Eis in der Lieblingseisdiele

Sie macht einen Zwischenstopp beim "Sonnengruß". Wer seine Yoga-Artikel nicht im Internet bestellen will, findet hier Matten aus Kautschuk, Blöcke und Gurte. In der Guntramstraße stöbert Becky oft im "S’Einlädele", einem Second-Hand-Shop, der gleichzeitig eine gemeinnützige Organisation für ein ukrainisches Hilfsprojekt ist. Besitzerin Silvia Fréchet erzählt, dass sie im Sommer oft ein Eis in der "Gelatogioia" genießt, und genau die ist auch Beckys Lieblingseisdiele. Sie isst gerne Mango, doch es gibt auch kreative Sorten wie "Prinzenrolle".

Wer es lieber herzhaft mag, sieht sich nebenan zwei Döner-Läden gegenüber: Amara und Mr. Döner. "Früher haben wir immer diskutiert, welcher besser ist." Becky schwärmt vom Falafel-Döner bei Mr. Döner. Statt sich am Stühlinger Kirchplatz ins Gras zu setzten, geht Becky lieber weiter in den Eschholzpark: Hier ist viel weniger los als im Seepark. Studierende spielen Spike-Ball, es gibt Pfosten, um eine Slackline aufzuspannen und einige Kinderspielplätze.

Seifenblasen und sanfte Beats

Der Australier Nathan dagegen hat den Stühlinger Kirchplatz zum Ort seines Projekts gemacht. Von seinem hölzernen Fahrradtruck mit der Aufschrift "Nächstenliebe" schweben Seifenblasen und sanfte Beats über den Platz. "Jeden Donnerstag verteilen wir kostenlos Chai-Tea und manchmal Essen." Nathan hat sich den Kirchplatz ausgesucht, weil viele Leute dort sind, die Alkohol- oder Drogenprobleme haben und oft einsam sind. "Sie kommen dann von allein und trinken mit mir Tee." Der Stühlinger Kirchplatz wird dann vom "sozialen Brennpunkt" zum Ort des sozialen Miteinanders.

Zum Abendessen sind sich Becky und ihr Papa einig: Sie beide lieben "Die Brennnessel" an der Eschholzstraße. Das Restaurant ist besonders bei Studierenden beliebt, weil die Pasta unglaublich günstig ist. Eine Portion Spaghetti Bolognese/Tomatensoße mit einem Glas Tafelwasser kostet nur 3,80 Euro, zwischen 18 und 19.30 Uhr kosten die Spaghetti sogar nur 2,80 Euro. Allerdings sitzt man direkt an der Straße. "Das ist eines der wenigen Sachen, die mich am Stühlinger nerven", erzählt Becky, "der Verkehrslärm ist um die Mittagszeit laut und abends kommen die Betrunkenen aus den Bars."

Und Bars gibt es im Stühlinger in großer Zahl: Wer es urig mag kann in alteingesessene Kneipen wie die "heimliche Kneipe" oder "Alt-Freiburg" einkehren. Doch Becky bevorzugt hippere Bars, wie die "Beat Bar Butzemann". "Die fühlt sich ein bisschen Berlinerisch an", sagt sie und beschreibt die bunt beklebten Wände, den Tischkicker und den leckeren Caipirinha. "Der Stühlinger ist perfekt zum Vorglühen", erzählt sie. "Wir waren oft in Bars und sind dann rüber über die Brücke in die Innenstadt." Doch auch im Stühlinger selbst gibt es gute Möglichkeiten, um den Abend zu verbringen.

Ausklang auf der Blauen Brücke

Eine der beliebtesten ist der Spätkauf "Bis Späti", hier gibt es alles was Studierende brauchen, wenn die Supermärkte schon zu haben: Tiefkühlpizza, Milch für den nächsten Morgen und Kühlschränke voller Bier. Das kann man dann gemütlich an Stehtischen vor der Tür oder einfach auf dem Boden trinken. Auch an der Ecke Egonstraße/Guntramstraße befindet sich ein Platz, auf dem man kostenlos den Abend genießen kann: Der Lederleplatz. Picknickdecken werden ausgebreitet und Wasser plätschert aus einer Kunstskulptur. Doch wenn Becky den Abend ausklingen lässt, dann am liebsten auf der Blauen Brücke. "Ich habe schon Stunden da oben gesessen." Sie schaut der Sonne beim Untergehen zu und freut sich, dass sie in nur zwei Minuten wieder im Stühlinger zu Hause ist.

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