fudder fragt nach

fudder-Redaktion: Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?

Wie verbringen die Menschen in Freiburg die Krise? Was macht es mit ihnen und wie lenken sie sich ab? fudder fragt bei Studierenden, Sportlern und Gastromenschen. Und bei sich selbst. Folge 5: Die fudder-Redaktion.

fudder in Zeiten von Corona

Die Corona-Krise hat auch die fudder-Redaktion durcheinandergewirbelt. Zuerst war es mit dem AnnenMayKantereit-Konzert nur eine Absage, dann trudelten immer mehr Mails ein: Konzert wird verschoben, Party fällt aus, DJ-Set abgesagt. Kein Theater, kein Kino, keine Kleinkunst. Auch die Praktikantinnen und Praktikanten mussten wir vorerst verabschieden – wir wissen aktuell noch nicht, ab wann sie wieder bei uns sitzen dürfen.

Für uns, die immer gerne Subkulturelles, das Nachtleben und Freiburger Kulturstätten unterstützt haben, war das ein Schlag ins Gesicht. Für einen Moment waren wir wie gelähmt. Unser beliebter Veranstaltungskalender "Wo rockt’s?" erschien zum letzten Mal am 11. März 2020. Auch wir, die fudder-Redaktion, haben uns Ende März voneinander verabschiedet – und dann mehrere Wochen nur aus dem Home-Office und durch Handykameras gesehen. Das Arbeiten war anders und ungewohnt, denn was fehlte, war das Lebendige aus der Redaktion, der schnelle und kurze Austausch über den Bürotisch, die gemeinsamen Mittagspausen und der Quatsch zwischendrin. Aber auch wöchentliche Brainstorming- und Themenkonferenzen fielen plötzlich weg.

"Wir versuchen, die Kreativität und die Schaffenskraft aus den letzten Wochen beizubehalten."

Auf der anderen Seite hat die neue Situation auch unsere Kreativität gefördert, weil viel Kleinteiliges aus unserem sonst vollgepackten Redaktionsalltag weggefallen ist: Keine Anrufe, keine Pressemitteilungen, keine Mails. Wir konnten uns aufs Schreiben konzentrieren und uns auf unsere Stärke besinnen: Nah an der Lebensrealität der jungen Menschen in Freiburg zu berichten. Wir haben viele Nachrichten bekommen, dass Leute unsere Arbeit in dieser Zeit besonders schätzten. Vielen Dank, das ist unglaublich schön zu hören.

Nun sind wir zum Teil wieder zurück im Büro, widmen uns seit etwa zwei Wochen auch wieder Themen, die nichts mit Corona zu tun haben. Und wir versuchen, die Kreativität und die Schaffenskraft aus den letzten Wochen beizubehalten. Es fühlt sich gut an, auch wenn etwas Ungewissheit bleibt. Hier möchten wir euch gern erzählen, wie wir den Lockdown erlebt haben – persönlich und beruflich.

Anika Maldacker, 32 Jahre, Digitalredakteurin bei fudder.de

Anika

"Ende März bin ich ins Home-Office gegangen. Als meine Kollegin Gina und ich unsere PCs an einem Montag aus dem BZ-Haus am Martinstor getragen haben, steckte mir ein Kloß im Hals, weil ich wirklich gerne an diesem Ort arbeite. Zum damaligen Zeitpunkt war ja nicht wirklich absehbar, wie heftig das Virus um sich greifen und wie es die Gesellschaft verändern würde. Die Zeit im Home-Office war dann eigentlich ganz interessant, weil einerseits etwas ruhiger als im sonst eher hektischen Redaktionsalltag, aber manchmal auch zu ruhig. Irgendwie war ich auch scharf darauf, diesen Home-Office-Trend mal mitzumachen. Aber das, was viele behauptet haben, man habe viel Zeit zum netflixen und Brotbacken, war bei mir dann nicht so. Irgendwie war ich genauso beschäftigt wie vorher – nur dass der Kolleg*innenkontakt ziemlich wegbrach und mir das schnell gefehlt hat.

Jetzt, wo ich wieder zurück im Büro bin, die Straßen wieder voller sind und die Cafés geöffnet, fühlt sich alles wieder etwas wie früher an. Naja, auch nur fast. Viele Kolleginnen und Kollegen arbeiten von zuhause, viele frühere Berichtanlässe sind weggebrochen und die ersten Nachrichten über geschlossene Restaurants mussten wir schon veröffentlichen. Das macht mich traurig und ich hoffe wirklich, dass die Freiburger Clubs, Bars und Restaurants, aber auch freien Künstler*innen, Musiker und Kulturschaffende es gut durch die Krise schaffen. Nichtsdestotrotz bin ich zufrieden und dankbar, dass es mir und meinen Lieben gut geht – ich weiß, dass nicht jeder dieses Glück hat."
fudder fragt nach
fudder möchte in dieser Serie junge Menschen aus Freiburg und der Region vorstellen und sie fragen, wie es ihnen in der Krise geht. Dabei möchte die Redaktion einen Querschnitt der Gesellschaft zeigen. Seit Mai stellen wir regelmäßig eine Folge von "Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?" online.

Folge 1: Simon Danner vom EHC: Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?
Folge 2: Studentin Julia Klar: Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?
Folge 3: Sandra Gruhle, Head-Barista vom Café Marcel: Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?

Folge 4:
Friseurmeister und Barbier Remo Balda: Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?

Welches Hobby hast du in der Corona-Krise neu für dich entdeckt?

Radfahren und ein bisschen gärtner. Ich bin schon immer gern mit dem Fahrrad herumgefahren, aber jetzt liebe ich das. Das gärtnern probiere ich gerade etwas aus.

Welche Serie hast du gesuchtet?

Das Haus des Geldes.

Welches Buch hast du gelesen?

Yaa Gyasi – Heimkehren

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Das Fudder-Pferd und unser Goldfisch halten die Stellung. Der Rest ist im Home-Office. Wir wünschen einen guten Start in den Tag! ❤

Ein Beitrag geteilt von Neuigkeiten aus Freiburg (@fudder_de) am Mär 24, 2020 um 12:45 PDT



Felix Klingel, 29 Jahre, Mitarbeiter bei fudder.de

Italian Trulli

"Woche für Woche habe ich für das Wo rockt’s Partys und Konzerte zusammengetragen, empfohlen und kommentiert. Fast drei Monate ist die letzte Ausgabe her. Als ich mit dem Artikel fertig war, hatte ich bereits das mulmige Gefühl, dass nicht alle Veranstaltungen stattfinden werden. Angela Merkel forderte an diesem Tag dazu auf, Sozialkontakte zu meiden. Dann kam das Veranstaltungsverbot, das Wochenende war gelaufen – und ich einen meiner festen Jobs los. Keine Partys, keine Konzerte, kein Artikel. Und: Kein Ende in Sicht.

Feiern wird eines der letzten Dinge sein, die wieder anlaufen werden. Ich gehe nicht davon aus, dass sich da 2020 noch etwas ändert. Pessimistisch – aber es gab genug Partys und Konzerte, auf die ich mich lange gefreut habe, die nicht stattfinden konnten. Aber es gibt Schlimmeres, die Maßnahmen sind richtig. Währenddessen versuche ich mich mehr auf meine Masterarbeit zu konzentrieren. Drei bis vier Artikel habe ich für fudder noch geschrieben, aber weitestgehend war erst mal Pause. Mit dem Nachtleben sind viele meiner liebsten Themengebiete weggebrochen. Und irgendwann nervt es, ein weiteres Mal "Corona", "Corona-Krise" oder "In Zeiten von Corona" in die Tasten zu hacken. Okay, jetzt noch was Aufmunterndes: Wir feiern wieder, wenn die ganze Scheiße vorbei ist!"

Welches Hobby hast du in der Corona-Krise neu für dich entdeckt?

Ich habe endlich Programmieren mit C++ gelernt und fange gerade noch an, Japanisch zu lernen. Kleiner Spaß, natürlich habe ich die Zeit vertrödelt.

Welche Serie hast du gesuchtet?

Keine. Ich habe gemerkt, dass mich inzwischen nicht mehr nur Filme, sondern auch Serien sehr schnell langweilen. Ich brauche Hilfe.

Welches Buch hast du gelesen?

Ganz viele alte Max-Goldt-Bücher noch einmal quergelesen.
In der fudder-Redaktion arbeiten die Redakteurinnen Anika Maldacker und Gina Kutkat mit einem festen Kern-Team und einem Pool aus freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zusammen, außerdem betreut die Redaktion stets zwei Praktikanten. fudder berichtet online für ein junges Publikum über Neuigkeiten aus Freiburg – und das schon seit 2006.

Gina Kutkat, 34 Jahre, Digitalredakteurin bei fudder und BZ-Online

Gina

"Ich bin von Natur aus ein positiver Mensch, aber ganz am Anfang der Krise, in diesen Tagen, an denen eine Absage und Hiobsbotschaft nach der anderen eintrudelte, hatte ich ein kurzes, ordentliches Tief. Weil kein Licht am Ende des Tunnels zu sein schien und niemand wusste, was auf uns zukommen würde. Weil langes Hadern aber nicht meine Sache ist, wurde ich ziemlich schnell pragmatisch und nahm mir vor, das Beste aus der Situation zu machen. Ich habe mich mit kreativen Menschen zusammengetan, die ebenfalls aktiv waren oder es werden wollten – das hat mir geholfen und mich sehr inspiriert. Ich wusste, ich muss mich beschäftigen und ich wusste, wo meine Stärken liegen – über Menschen schreiben, die gerade etwas Besonderes erleben und durchmachen – und darauf habe ich mich in den letzten Wochen konzentriert. Mir hat es auf jeden Fall geholfen – und ich hoffe, den Leserinnen und Lesern ging es auch so.

Im Homeoffice war ich nur zwei Wochen, denn wie Bernhard brauche ich die räumliche Trennung von Privatleben und Arbeitsplatz – und in den fudder-Räumen war ich meist alleine. In den ersten Wochen stürzte ich mich in die Arbeit und war produktiv wie selten zuvor. Es gab plötzlich so viele Geschichten zu erzählen und Menschen zu porträtieren! Mich hat dieser Aktivismus, der durch Freiburg ging, angesteckt. Auch wenn ich mit einer Festanstellung in einer viel privilegierteren Position war als viele andere. Es hat mich inspiriert, mit Gastromenschen zu sprechen, es hat mich bekräftigt, von einem Pfleger zu erfahren, wie die Arbeit in der Uniklinik abläuft und es hat mich berührt, die Wirte von der Pizzeria ’La Corona’ zu interviewen.

Irgendwann war es dann aber wirklich so, wie Felix schreibt: Ich wurde müde von Begriffen wie ’Corona-Zeit’ und ’Corona-Krise’ – und von Corona-Themen. Ich bin sehr froh, dass sich langsam wieder einiges normalisiert und es wieder andere Artikel zu schreiben gibt. Als Anika wieder zurück in der Redaktion war, die Cafés und Restaurants wieder öffneten, ich an meinem Arbeitsplatz das Bratfett aus der Markthalle roch, die ersten Handwerker irgendwas über uns bohrten und ich zum ersten Mal draußen Mittag aß und Wein trank wusste ich, was ich so vermisst hatte: Unbeschwertheit. Wenn es eines ist, das ich aus der Krise mitnehme ist es, diese Unbeschwertheit und Lockerheit mehr zu leben. Mehr zu lachen und mehr zu lieben."

Welches Hobby hast du in der Corona-Krise neu für dich entdeckt?

Zählt Weintrinken als Hobby? Im Ernst: Nicht viel Neues, aber viel Geliebtes verstärkt. Corona hat ja in vielen Bereichen wie eine Lupe gewirkt, die einzelne Dinge hervorhebt. So war es auch bei meinen Hobbys: Ich war mehr Radfahren, mehr Laufen und mehr Schwimmen als sonst. Bei gutem Wetter war ich eigentlich nur draußen in der Natur, das hat sich extrem positiv auf meine mentale Verfassung ausgewirkt. Habe sonst Bücher verschlungen, Podcasts gehört und Serien geschaut (Was ist los mit euch, Kollegen?).

Welche Serie hast du gesuchtet?

The Handmaid’s Tale, Unorthodox, Little fires everywhere, The Last dance, Somebody Feed Phil, The Good Fight. Außerdem hat mich die Doku über Michelle Obama und ganz aktuell die Dokumentation ’Der 13.’ beschäftigt.

Welches Buch hast du gelesen?

Becoming – Michelle Obama, Elton John – Ich. Elton John, American Dirt – Jeanine Cummins, Idaho – Emily Ruskovich. James Salter – Alles, was ist.

Bernhard Amelung, 40 Jahre, fudder-Veteran

Bernhard

Abstand einhalten, Mundschutz tragen, auf Hygiene achten. Einfach umsetzbare Schutzregeln, mit denen man der Corona-Pandemie ein bisschen entgegen wirken kann. Dass ich diese befolgen werde, stand und steht für mich außer Frage. Aber Home-Office kam für mich nicht in Frage. Ich brauche den Ortswechsel, die Mobilität als Ausdruck von Freiheit. Ich brauche den Ortswechsel, die Trennung von Arbeitsplatz und Wohnen. Das Gleichgewicht zwischen Beruf und Privatleben kippt als Journalist sowieso schon oft genug. Auch die Stille hätte ich oft als beklemmend empfunden. Überhaupt hatte ich zu Beginn des Shutdowns ein beklemmendes Gefühl, ausgelöst durch eine Situation, die für uns alle neu war. Verstärkt wurde es durch leere Straßen, leere Plätze, geschlossene Geschäfte.

Anders als manch ein Fotograf konnte ich diesen Bildern nichts Ästhetisches abgewinnen.’Ohne Lebendigkeit kein Leben. Lebendig werde ich erst, wenn das Andere da draußen mit mir so in Beziehung tritt, dass ich durch diese Beziehung selbst verändert werde, dass ich mich dabei und darin verwandle’, schrieb der Soziologe Hartmut Rosa schon 2015 in einem Beitrag für die Zeit. Er hat recht. Was auch immer es ist, wie auch immer wir diesen abstrakten Begriff für uns ausfüllen: "Das andere da draußen" ist wundervoll. (Der oder die Andere auch. Jeder Mensch ist wert- und wundervoll.)

Welches Hobby hast du in der Corona-Krise neu für dich entdeckt?

Ich habe weiterhin gemacht, was ich am besten kann: Laufen, Rennradfahren, Kochen.

Welche Serie hast du gesuchtet?

Keine. Bei so gutem Wetter, wie wir es in den vergangenen Monaten oft wochenlang hatten, habe ich jede freie Minute draußen verbracht.

Welches Buch hast du gelesen?

Peter Pomerantsev - This Is Not Propaganda, Leif Randt - Allegro Pastell, und auf der Leseliste stehen noch: Pia Lamberty/Katharina Nocun - Fake Facts und Patti Smith - Im Jahr des Affen.