fudder in Gefahr: Mit der Klotür auf dem Münsterplatz

Carolin Buchheim

Samstagabend, 20:23. Mein Fernseher läuft. Zum ersten Mal seit Jahren gucke ich Wetten dass...?, schließlich soll ich für fudder berichten. Gerade hat Thomas Gottschalk die Stadtwette verkündet: Er will Klotüren auf dem Münsterplatz sehen. Wie bescheuert. Mein Telefon klingelt. Es ist mein Nachbar Jan. "Du bist zu Hause! Super! Wir machen bei der Stadtwette mit, oder?" "Klar!"


weitere Fotos und ein Video von der Stadtwette am Münsterplatz:


20:27
Ich gehe runter zu Jan, seine Freundin Ninja ist auch da. Eigentlich sucht Thomas Gottschalk Klotüren aus WGs. Jan und ich haben keine WG, wir wohnen nur im gleichen Haus, in übereinander liegenden Wohnungen. Aber wir haben Wohnungsschlüssel voneinander und gießen die Blumen des anderen, wenn er im Urlaub ist und ein WLAN teilen wir uns auch.

20:30 Jan und ich beschließen kurzerhand, dass das reicht, um eine WG zu sein. Eine Dreier-WG mit Ninja, logisch.

20:33 Jan hängt seine Klotür aus. Auf ihr klebt, wie von Herrn Gottschalk gefordert, ein äußerst hässliches Poster: Ein in einer Kloschüssel sitzendes Baby mit Bauhelm. In der Hand hat es ein Schild in der Hand hält 'Men at work'. Super!

20:35 Um Jans Klotür noch hässlicher zu machen kleben Ninja und ich noch ein Sitzpinkler-Cartoon an die Tür. Authentizität!



20:36 Wir wollen los. Ninja muss noch mal aufs Klo. Ha! Ohne Tür!

20:38 Jan manövriert die Klotür durch unser enges Treppenhaus, ohne sie anzumacken.

20:39 Wir stehen vor der Haustür und machen uns fertig zum Abmarsch. Eine ganze Gruppe Leute läuft an uns vorbei. Sie gucken komisch.

20:41 An der nächsten Straßenecke kommen uns wieder Leute entgegen. Sie johlen.

20:43 Am Bertoldsbrunnen. Hallo, ZDF-Filmteam!

20:45 Mehr johlende Passanten.

20:46 Beim Einbiegen auf dem ziemlich leeren Münsterplatz ruft uns jemand entgegen: "Ihr seidsch die Dritten!"


20:50 Wir laufen mit der Tür durch die Menge vor zur Bühne. Alle klatschen. Vorne an der Bühne begrüsst uns irgendwer von der Produktion und trägt uns und unsere Tür in eine Liste ein. Wir sind die Vierten. Er kontrolliert meinen Studentenausweis, der gilt noch genau bis heute. Eigentlich dürfen mit jeder Tür nur zwei Leute vorne vor die Bühne. Ninja und ich lächeln ein bisschen. Wir sind die ersten Mädchen.

20:51 Wir kommen alle drei rein, klar.

20:51 Dieter Thoma begrüsst uns und unsere Tür.

20:51 Dieter Thoma sieht 'in echt' ziemlich gut aus. Uh. 

20:51 Dieter Thoma sieht nicht nur ziemlich gut aus, sondern ist auch angenehm professionell und freundlich und stellt gute Fragen. Ein Mann auf der Suche nach der Story für die Schalte. Uh.

20:51 Ich stelle fest: Ich mag Dieter Thoma.



20:52 Wir tragen unsere Tür nach vorne. Johlen und Klatschen aus dem Publikum. Der SWR3-Moderator schreit freudig. Wegen einer Klotür. Das ist ziemlich bescheuert. Aber auch ziemlich lustig.

20:54 Unsere Nachbarn bisher: Eine Tür mit Audioslave-Poster, eine Spiegel-Tür (Spiegel: Aussen) und eine Tür mit Münster-Plakat. Das haben sie bestimmt extra draufgemacht.

21:00 Haben sie nicht. Denn diese Tür gehört eigentlich ins Collegium Borromaeum. Genau wie die Spiegeltür. Stefan, Benni, Christian und Siegfried hätten gern noch mehr Türen und Kommilitonen mitgebracht. "Aber zum einen ist keiner da wegen der Semesterferien und zum anderen lassen sich die Türen nicht so gut ausheben. Ich hab' schon mit dem Schraubenzieher an einer rumgewerkelt", erzählt Siegfried.

21:05 Wir stehen erstmal rum und halten die Tür fest. SWR3 spielt Pop-Techno der frühen 90er. Lange nicht in der Öffentlichkeit gehört so Musik. Wenigstens ist der Ton von Wetten dass...? aus.

21:07 Wir müssen weiter nach vorne durchrutschen. Neue Nachbarn!

21:08 Die neuen Nachbarn sind auch keine WG. Einer macht ne Ausbildung zur OP-Schwester, der andere ist Student. Allerdings in Bonn. Auf ihrer Tür klebt eins dieser netten Urologie erleben!-Poster. 

21:09 Noch nicht mal 20 Türen.

21:09 Das wird nicht klappen. Wer ist schon so doof, und schleppt seine Tür auf den Münsterplatz?

21:09 Ach ja. Jan, Ninja und ich. 21:10 Die Produktionsleiterin gibt im Kasernen-Ton Anweisungen. Alle hinter die Türen! Den Gang frei halten!

21:14 Live-Schalte. Dieter Thoma steht neben uns und redet mit den Jungs, die auch keine WG sind. Und mit den Mädchen, die einen Perlenvorhang statt einer Tür mitgebracht haben.

21:15 Jan, der gerade ein Praktikum bei BTV macht und sonst bei Uni-TV filmt, guckt sehnsüchtig die Kameras an.

21:15 Ich denke mir: "Ah, dafür bezahle ich GEZ-Gebühren."

21:16 Live-Schalte vorbei.

21:16 SMS von kus: Ich hab Dich im Fernsehen fotografiert!

21:17 Immer mehr Türen, beinahe im Minutentakt. Das könnte vielleicht doch klappen. Sind noch mehr Leute so doof wie wir.

21:18 Eigentlich ist diese Stadtwette eine sozio-kulturelle Studie über Klo-Kunst. Ergebnis der Studie: Leute kleben sehr hässliche Dinge auf ihre Klotüren. Noch hässlichere Dinge als Jans Baby-in-der Kloschüssel-Poster.

21:19 Ich freue mich darüber, nicht mehr in einer WG zu wohnen und denke zärtlich an meine poster-freie Klotür.

21:21 Bettina und Margitta haben etwas Nicht-Hässliches auf ihrer Tür kleben: Freddie Ljungbergs Calvin Klein-Werbe-Dings. Freddie! Bettina und Margitta haben ihre Freddie-Tür aus der Lehener Straße angeschleppt. Und zwar mit Hilfe der Straßenbahn.

21:22 Mehr Türen.

21:23 Vorrücken.

21:24 Rumstehen.

21:25 Noch mehr Türen.

21:26 Noch mehr Vorrücken.

21:27 Noch mehr Rumstehen.

21:28 Klappt bestimmt, die Wette.

21:29 Gute Laune so. 

21:30 Besonders faszinierend an der sozio-kulturellen Studie: Die verschiedenen Sitz-Pinkel-Aufforderungs-Schilder.

21:31 Ich freue mich noch einmal darüber, nicht mehr in einer WG zu wohnen, und mich mit dem Urinier-Verhalten anderer Menschen beschäftigen zu müssen.

21:33 Mehr Türen. Mehr Vorrücken. Langsam wird es eng.

21:34 Neben uns stehen jetzt Jungs mit einem Bier-Poster an ihrer Tür. Bier wäre jetzt nicht schlecht.

21:34 Einer unserer Nachbarn hat Bier. Voher hat er das?

21:35 Die Produktionsleiterin schreit schon wieder. Hinter die Türen mit uns!

21:36 Live-Schalte. Hallo Dieter Thoma!

21:37 Dieter Thoma interviewt die Jungs mit der Bier-Poster-Tür neben uns.

21:38 Rotblonde Wimpern sind schönheitsideal-mäßig vollkommen underrated. Rotblonde Wimpern sind toll. Zumindest an Dieter Thoma.

21:38 Live-Schalte vorbei.

21:39 Unser Nachbar gesteht: Er hat das Bier von seiner Freundin gebracht bekommen.

21:40 Wir bestellen bei ihr ein Bier, ein Radler, eine Weinschorle.

21:40 Es läuft übrigens immer noch 90er Jahre Pop-Techno. Gelobt sei SWR3! 

21:41-21:54 Türen. Mehr Türen. Noch mehr Türen. Johlen. Klatschen. Schreien. Vorrücken. Rumstehen. Vorrücken.  Eng. Und der Münsterplatz ist auch voll.

21:55 Die Jungs mit der Thomas-Gottschalk-Tür kommen. Die schreiende Produktionsleiterin geleitet sie gleich ganz nach Vorne. Fernsehen ist gemogelt!

21:55 Die Freundin unseres Tür-Nachbarn bringt unser Bier und die Weinschorle. Super!

21:56 Ninja meint "Aber Glühwein wär' jetzt besser als Weinschorle."

21:57 Die Produktionsleiterin rennt hektisch umher. Noch hektischer als eh' schon die ganze Zeit.



22:00 Die Produktionsleiterin, unterstützt von drei Praktikanten (?), klebt jetzt Schilder mit Nummern auf die Türen. Wir kriegen die 87. Dabei waren wir doch Nummer 4! Fernsehen ist doch auch nur Betrug! Warum haben sie das mit den Nummern eigentlich nicht gleich am Anfang gemacht? Effizient ist anders.

22:01 Die Hundert sind wohl da. Das sagt niemand, aber so langsam wird klar, das niemand mehr rein kommt. Cool.

22:01 - 22:30  Rumhängen. Immer noch 90er Jahre Trash-Techno. Der Münsterplatz ist jetzt auch so richtig gerappelt voll, und es herrscht Partystimmung. Sehr kuschelig. Small-Talk mit den Leuten drumherum. Das Bier ist lecker. Besonders schön: Die über den Publikums-Köpfen getragenen Türen.

22:30 Die Produktionsleiterin rennt hektisch umher. HINTER DIE TÜREN!

22:31 "Ich weiß doch, ihr wollt' alle ins Fernsehen, aber geht endlich HINTER DIE TÜREN!" Uh.

22:32 Steady-Cam Probelauf.

22:33 Johlen auf Kommando. Johl Johl!

22:34 Wir verstecken unsere Biere. Wenn schon mit sowas Peinlichen im Fernsehen, dann wenigstens ohne Alkohol in der Hand.

22:35 Live-Schalte. Hallo Dieter Thoma!

22:35 Stadtwette gewonnen! Johl! Johl! Klatsch Klatsch! Freiburg ist so toll!

22:37 Rotblonde Wimpern-Alarm. Dieter Thoma redet schon wieder mit den Leuten neben uns. Uh, Dieter!

22:38 Live-Schalte vorbei. Aber, good lord!, auf der Leinwand sieht man Thomas Gottschalk in einem roten Kleid. Es läuft 'Dancing Queen'. Wetten dass...? ist, ganz klar, immer noch die peinlichste Show im deutschen Fernsehen.

22:39 Und für sowas werden meine GEZ-Gebühren verwendet.

22:45 Vorbei.

22:45 Alle packen ihre Türen und machen sich auf den Weg zum Ausgang.

22:46 Dieter Thoma läuft ein letztes Mal an uns vorbei und lächelt. Tschüss, Dieter.

22:46 Der SWR3-DJ dreht die Musik lauter. Es läuft jetzt der Soundtrack zu 'Dirty Dancing'.

22:46 Irgendwer bedankt sich bei uns über die Lautsprecher fürs Kommen. "Am Ausgang bekommt ihr alle noch ein Weinpräsent!"

22:47 Alle stürmen mit ihren Türen zum Ausgang. Studenten sind so cheap.

22:47-23:03 Schlange stehen mit Klo-Tür. Und tanzen. Zu Dirty Dancing. Die Mädels mit dem Perlenvorhang als Tür haben es gut, die müssen nicht viel tragen.

23:04 Das ZDF-Filmteam vom Anfang entdeckt uns. "Ihr ward doch einige der Ersten! Als wir Euch gesehen haben, da haben wir nicht gedacht, dass das klappt." Der Kameramann erzählt, dass 170 Türen da waren.

23:05 Am Ausgang bekommen wir zwei Flaschen Glottertäler Rivaner. Rivaner! Dafür wurden meine GEZ-Gebühren also nicht verwendet.

23:07 "Eure Tür hat eine Nummer, wir haben keine mehr gekriegt. Dürfen wir die mal leihen für ein Photo?" Klar!

23:08 Immer noch Partystimmung und Dirty Dancing-Mucke. Es wird getanzt. Klo-Türen lehnen gegen das Münster und gegen ZDF-Trucks.



23:10 Heimweg. Am Bertoldsbrunnen wird unsere Tür ein letztes Mal von Passanten bejohlt.

23:13 Zuhause. Bestandsaufnahme. 'Unsere' Tür wird wieder Jans Tür. Sie hat ein paar Macken abgekriegt.  Ich habe blaue Flecken an den Händen. Ninja ist kalt. Und wir waren im Fernsehen, bei etwas total Peinlichen. Und wir haben dafür nur zwei Flaschen Rivaner gekriegt. Bah! Aber mit netten Leuten geredet. Und auf dem Münsterplatz getanzt. Und Dieter Thomas Wimpern bewundert. Und verdammt viel gelacht. Samstagabende können sehr viel schlechter sein.

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