15 Jahre fudder

fudder-Gründer Markus Hofmann: "Der fudder-Stil ist über 15 Jahre erhalten worden"

Gina Kutkat & Anika Maldacker

Vor 15 Jahren hat Markus Hofmann fudder gegründet. Der heutige Digitalchef der Badischen Zeitung spricht im Interview über den Start des Online-Magazins und über Trends im digitalen Journalismus.

Gina Kutkat: fudder versteht sich als lokales Online-Magazin. Was war bei der fudder-Gründung deine Vision?

Markus Hofmann: Als wir fudder gestartet haben, war es unser Ziel, junge Menschen für Lokaljournalismus zu begeistern. Direkt nach meinem Studium hatte ich seinerzeit von der Badischen Zeitung den Auftrag bekommen, ein journalistisches Produkt für junge Leute zu entwickeln. Das Ergebnis war fudder, also eine lokale Nachrichten-Website mit Elementen eines sozialen Netzwerkes. Facebook gab es damals ja noch nicht in Deutschland. Es war die Zeit von Myspace und StudiVZ. Die Kombination aus News und Community war neu.
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Gina Kutkat: Wie habt ihr es am Anfang geschafft, Leser auf die Seite zu locken?

Markus Hofmann: Über Mundpropaganda, Verlinkungen oder E-Mail-Weiterleitungen. Auch Google hat eine wichtige Rolle gespielt. Wir haben erst ein knappes Jahr nach dem fudder-Launch eine richtige Werbekampagne gestartet und Plakate in der Stadt aufgehängt. Wir haben sehr schnell gemerkt, dass das Konzept ankommt bei den Menschen. Die Reichweite von fudder ist von Monat zu Monat gestiegen – immer wieder waren unsere fudder-Geschichten Stadtgespräch.

Anika Maldacker: Wie haben die Leute auf fudder reagiert?


Markus Hofmann:
Mit einer Mischung aus Begeisterung und Unverständnis. Begeisterung, weil viele gemerkt haben, dass fudder neu, kreativ und unkonventionell war. Aber auch Unverständnis, weil die Menschen dieses Format nicht kannten. Das ursprüngliche fudder-Layout war in blau und orange gehalten. Es gab deshalb auch das Feedback: ’Ihr seht aus wie die Volksbank’. Kurz vor dem Launch haben wir den Slogan "Neuigkeiten aus Freiburg" zum Goldfisch-Logo hinzugefügt. Das war wichtig, denn dieser Slogan hat verdeutlicht, worum es uns geht.

"Am Anfang hieß fudder im Verlag ’Snack’, dann ’0761.de’." Markus Hofmann

Anika Maldacker: Wie war das, als ihr damals den Launch-Button gedrückt habt?

Markus Hofmann: Der erste Artikel ging am 3. Januar 2006 online, das war ein Dienstag. Den großen Moment mit Sektflasche gab es nicht. Heute würde man von einem Softlaunch sprechen. Der Start war auch etwas aus der Not heraus geboren. Wir wollten ein Content Management System namens Typo 3 nutzen, aber haben mit dem Dienstleister den geplanten Starttermin Ende 2005 nicht einhalten können – wir waren mächtig im Verzug. Es zeichnete sich ab, dass wir erst Ende 2006 online gehen konnten. So lange wollten wir nicht warten, also haben wir vor Weihnachten in sehr kurzer Zeit ein Wordpress-Blog mit dem Freiburger Webdesigner Thomas Piske aufgesetzt. Der ging kurz vor Weihnachten 2005 online. Wir haben uns vorgestellt und dann ging es los. Adrian Hofmann, der zweite Redakteur, und ich waren im Startteam, kurz darauf stießen auch Carolin Buchheim, Marc Schätzle und Marc Esslinger zum Team dazu.

Gina Kutkat: Wir werden heute noch oft gefragt, wie es zu dem Namen fudder kam. Wieso habt ihr euch so genannt?

Markus Hofmann: Die Namensfindung war eine schwierige Geburt. Es gab viele Ideen. Am Anfang hieß fudder im Verlag "Snack", dann "0761.de". Diese Namen haben sich aber nicht durchgesetzt. Adrian Hoffmann hat irgendwann den Namen "fudder" vorgeschlagen. Und zwar hatte das mit unserem Logo, dem Goldfisch zu tun. In der Redaktion hatten wir ein Aquarium mit unseren Redaktionshaustieren – zwei Goldfischen, die später nach einem User-Voting "Fisch" und "Stäbchen" getauft wurden. Eine Grundidee von fudder war, dass sich unsere Leserinnen und Leser aktiv einbringen sollen, indem sie Kommentare zu Artikeln veröffentlichen, Blogs schreiben sowie Fotos oder Videos beisteuern konnten. Die User sollten also unsere Fische füttern und ihnen Futter geben – daher der Name fudder. Es war seinerzeit en vogue, Webseiten auf die Silbe "er" enden zu lassen, man denke an die populäre Foto-Community flickr oder an tumblr. fudder folgte dieser Idee. Noch dazu klang dieses Wort badisch.

Gina Kutkat: fudder hatte durch die Jahre unterschiedliche Besetzungen – Mann-Mann, Mann-Frau, jetzt Frau-Frau. Wie spiegelt sich so eine Besetzung in fudders Themenauswahl wider?

Markus Hofmann: Man hat gemerkt, dass sich Themengewichtung, Sound, Lautstärke oder Empathie je nach Team unterscheiden. Aber der grundsätzliche Geist war immer gleich – egal in welcher Kombination. Das Bekenntnis zum journalistischen Handwerk, die Lust am Ausprobieren und die Liebe zum Lokalen waren jedem Redaktionsteam wichtig. Manchmal waren die Themen vielleicht etwas boulevardesker, manchmal hatten sie mehr Tiefgang. Aber der fudder-Stil ist über 15 Jahre erhalten worden.

Anika Maldacker: An welche Geschichten denkst du in den 15 Jahren am liebsten zurück?

Markus Hofmann: Ich möchte keine Autorinnen oder Autoren hervorheben – für fudder haben so viele tolle Talente geschrieben. Mir persönlich macht fudder am meisten Spaß, wenn die Themen Seele haben, wenn wir den Scheinwerfer auf junge Menschen richten, die Applaus verdient haben, aber auch, wenn wir mutig sind und Menschen auf die Füße treten.

"Lokaljournalismus ist eine der spannendsten Disziplinen im Journalismus." Markus Hofmann

Gina Kutkat: fudder versteht sich auch als Talentschmiede. Unter den fudder-Alumnis befinden sich einige bekannte Namen. Wieso ist das so?

Für viele junge Freiburger Journalisten war fudder in den vergangenen 15 Jahren der erste Berührungspunkt mit dem Journalismus. Vielleicht haben sie auch durch fudder ihre Leidenschaft für diesen Beruf entdeckt. Viele fudder-Autoren arbeiten inzwischen für die Badische Zeitung, andere bei der Zeit, dem Spiegel oder den Öffentlich-Rechtlichen.

Anika Maldacker: Wieso ist es deiner Meinung nach wichtig, junge Menschen für Lokaljournalismus zu interessieren?

Markus Hofmann: Manche Menschen finden Lokaljournalismus dröge und langweilig. Ich sehe das überhaupt nicht so. Lokaljournalismus ist eine der spannendsten Disziplinen im Journalismus. Denn Lokaljournalismus trägt dazu bei, dass sich die Menschen mit ihrer Region identifizieren – das ist wichtig für die Gemeinschaft und das Zusammengehörigkeitsgefühl. Damit sich junge Menschen aber für Journalismus aus ihrer Stadt interessieren, müssen der Sound und die Themen zur Zielgruppe passen. Ich glaube, fudder wurde immer auch als authentisch angesehen. Eine Plattform wie fudder ermöglicht jungen Menschen einen eleganten Einstieg in die journalistische Berichterstattung über ihre Heimat.

Gina Kutkat: Andere junge Plattformen wie Bento oder Noizz gibt es inzwischen nicht mehr. Wieso gibt es fudder nach 15 Jahren noch?

Markus Hofmann: Man darf sich keine Illusionen machen: Unter kaufmännischen Gesichtspunkten sind Jugendportale keine Goldgrube, sondern eine Investition in die Leser – und Mitarbeiter – von morgen. Ich bin Wolfgang Poppen, dem Verleger der Badischen Zeitung, und dem früheren Geschäftsführer Hans-Otto Holz sehr dankbar, dass sie immer hinter fudder standen – das ist keine Selbstverständlichkeit und beweist, dass das Unternehmen langfristig denkt. Dass fudder jetzt seinen 15.Geburtstag feiern kann, liegt sicherlich daran, dass die fudder-Redaktion immer wieder aufs neue junge Leser an das Portal binden konnte.

"Was aber dauerhaft wichtig ist, ist die Bedeutung von journalistischer Qualität für unsere Arbeit." Markus Hofmann

Anika Maldacker: Wie hat sich der Journalismus in den 15 Jahren, die es fudder gibt, verändert?

Markus Hofmann: Es gab immer wieder Trends und Hypes. In der Anfangszeit von fudder, als das Web 2.0 gerade aufkam, ging es stark darum, Menschen zu beteiligen. In der Folgezeit gab es immer wieder andere Schwerpunkte, zum Beispiel das Thema "Video". Wir haben bei fudder schon 2009 mit dem Freiburger Start-up Zaplive Livestreams angeboten – zum Beispiel eine Wahlkampfrede von Angela Merkel auf dem Rathausplatz. Später haben wir auch gezielt Facebook als Ausstrahlungsort für Videos genutzt, Stichwort Freiburg.tv. In all den Jahren hat sich aber immer wieder gezeigt, dass das journalistische Handwerk im Vordergrund stehen muss. Schöne Geschichten erzählen, Themen, die für die Zielgruppe relevant sind, erkennen und exklusive Nachrichten produzieren – darauf kommt es am Ende an.

Gina Kutkat: Wie steht fudder jetzt da und vor welchen Herausforderungen steht es noch?

Markus Hofmann: Mit dem Club der Freunde hat fudder 2016 ein Bezahlprodukt angeboten. Als Jugendportal einen Teil seiner Inhalte nicht mehr frei anzubieten, war damals tatsächlich recht ungewöhnlich, da fast alle Online-Medien auf die Maximierung ihrer Reichweite ausgerichtet waren. Uns wurde damals jedoch klar: Guter, unabhängiger Journalismus lässt sich nicht finanzieren, wenn alles kostenlos verschleudert wird. Deswegen ist es so wichtig, dass Leserinnen und Leser für Journalismus bezahlen – als Mitglied oder als Abonnent. Was ich in diesen 15 Jahren außerdem gelernt habe: Als journalistisches Medium muss man nicht jedem Hype folgen. Gestern war Instagram in, heute ist es Tiktok, morgen vielleicht Clubhouse und was kommt übermorgen? Was aber dauerhaft wichtig ist, ist die Bedeutung von journalistischer Qualität für unsere Arbeit. Daran zu glauben, halte ich für den wichtigsten Grundsatz einer Redaktion.
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