Bis ans Nordkap

Friesenheimer radelt nach Schweden, um seine Freundin abzuholen

Gina Kutkat

Weil seine Freiburger Freundin in Schweden studiert, kam Timo Berger aus Friesenheim auf die Idee, sie mit dem Rad abzuholen. Im Mai startete der 26-Jährige seine Tour, mittlerweile radelt das Paar gemeinsam bis ans Nordkap.

Am 7. Mai sattelte Timo Berger aus Friesenheim sein zum Reiserad umgebautes Mountainbike und machte sich auf den Weg: Einmal quer durch Deutschland bis nach Rostock und dann mit der Fähre nach Trelleborg in Schweden. Dort, in Umeå, wartete Freundin und fudder-Autorin Carolin Johannsen auf ihn – sie hatte gerade ihr Erasmusjahr beendet. Am 10. Juni starteten sie gemeinsam ins Abenteuer, das sie am Samstag ans Nordkap bringen wird.

Ihr radelt als Paar zusammen mit dem Rad von Schweden ans Nordkap – wie geht es euren Beinen und wie ist die Stimmung?

Timo Berger: Heute haben wir einen Pausentag in Karasjok eingelegt, uns geht es sehr gut. Ich schreibe ein paar Artikel für meinen Reiseblog 1FachRaus.de und Carolin recherchiert, wie wir vom Nordkap mit öffentlichen Verkehrsmitteln den Nachhauseweg antreten. Uns geht es sehr gut, wir möchten noch gar nicht von Endspurt sprechen.
Carolin Johannsen: Wir haben noch etwa 280 Kilometer vor uns. Bald, wir rechnen mit kommendem Samstag, haben wir es geschafft und haben schon eine richtige Routine entwickelt, die wir gar nicht mehr missen möchten. Es ist so schön hier, wir möchten nicht mehr aufhören.
Timo Berger, 26, kommt aus Friesenheim und ist gelernter Rettungssanitäter.
Carolin Johannsen, 23, stammt ursprünglich aus Schleswig-Holstein und zog für ihr Psychologiestudium im Oktober 2018 nach Freiburg, wo sie 2019 zum Skandinavistik-Studium wechselte. Von 2020 bis 2021 lebte sie in Umeå in Schweden. Carolin ist auch freie Mitarbeiterin bei fudder.

Wie sieht eure Routine auf der Radreise aus?

Timo: Wir schlafen fast jede Nacht im Zelt. Das heißt, wir wachen auf, machen Kaffee mit Hafer- oder Sojamilch auf dem Campingkocher, bereiten uns gesundes, veganes Porridge zu und planen grob die Strecke für den Tag. Dann geht’s ans Bettmachen, Zelt abbauen, alles zusammenpacken und los geht’s. Wir genießen es, morgens noch nicht zu wissen, wo wir abends unser Nachtlager aufschlagen werden.
Carolin: Timo ist ja schon einen Monat länger unterwegs als ich, weil ich wegen meines Erasmus-Studiums noch in Umeå in Schweden war. Deswegen war es für mich leichter, in die Routine reinzufinden, denn Timo hatte schon eine entwickelt. Wir sind es aber auch beide gewohnt, viel unterwegs zu sein und jeden Abend an einem anderen Ort zu zelten, das macht es leichter.



Wie habt ihr euch auf die Reise vorbereitet – auch körperlich?

Timo: Wir sind beide sehr sportlich und verfügen über eine gewisse Grundkondition. Ich bin früher viel Mountainbike gefahren, auch Radrennen, das hilft natürlich. Außerdem kommt man von Tag zu Tag besser rein und wir gehen alles ziemlich entspannt an.
Carolin: Ich gehe viel und regelmäßig laufen und mache ergänzend etwas Krafttraining. Am Anfang sind wir pro Tag nur 50 oder 60 Kilometer geradelt und haben uns dann langsam gesteigert. Wir wollten es nicht gleich übertreiben. Jetzt fahren wir manchmal auch 90 Kilometer am Tag, bremsen uns dann aber auch gegenseitig. Wir haben keine wirkliche Eile.
"Wir könnten alle 10 Kilometer stehen bleiben und unser Lager aufschlagen, weil es einfach so viele unglaubliche Orte gibt." Carolin Johannsen

Gab es auf der Radtour auch harte Tage und warum?

Timo: Einen richtigen Tiefpunkt gab es nicht, aber natürlich sind uns auch ein paar Pannen passiert. Wobei: Der richtige Tiefpunkt war, dass ich eine Lebensmittelvergiftung hatte, als ich noch alleine unterwegs war. Da ging körperlich gar nichts mehr und Caro musste mir aus Umeå per Smartphone alles organisieren. Am Fahrrad mussten wir die üblichen Kleinigkeiten reparieren: Bremsbeläge wechseln, kaputte Schläuche austauschen....
Carolin: Dann ist dir auch noch das Hinterrad gebrochen.
Timo: Stimmt! Das hat sich auf einmal nicht mehr gedreht, zum Glück hab ich eine Werkstatt gefunden, in der ich ein neues kaufen konnte. In Südschweden hat sich auch noch mein Tretlager verabschiedet, mit einem lauten Krachen. Es waren aber alles lösbare Probleme, die die Stimmung nicht lange getrübt haben.

Welche Eindrücke haben euch bisher am meisten überrascht und was waren die schönsten Momente?

Carolin: Die Natur ist hier einfach wunderschön und es ist manchmal schwer zu begreifen, was wir sehen. Die endlosen Weiten Schwedens oder die Rauheit von Finnland. Wir könnten alle 10 Kilometer stehen bleiben und unser Lager aufschlagen, weil es einfach so viele unglaubliche Orte gibt. Nur die Mücken sind hier wirklich der Horror.
Timo: Die Wege, die wir fahren, sind von schönen Blüten gesäumt und wir haben schon die tollsten Sonnenuntergänge gesehen. Wir haben auch richtig Glück mit dem Wetter: Tagsüber immer schön warme Temperaturen um 20 Grad, das ist für den Sommer hier oben ziemlich ungewöhnlich.
"Es ist einfach unglaublich, was wir in den letzten Monaten alles erlebt haben." Timo Berger

Warum wolltet ihr diese Reise zusammen machen?

Timo: Die Idee einer längeren Reise habe ich schon lange im Hinterkopf. Ich mag das Abenteuer, Neues zu entdecken und aus der Komfort-Zone herauszukommen. Dazu kam, dass Caro und ich aufgrund ihres Erasmusjahres eine Fernbeziehung zwischen Umeå und Friesenheim geführt haben. Es war dann eigentlich eine Schnapsidee von mir, als ich sagte, ich hole sie mit dem Fahrrad dort ab und wir fahren gemeinsam zum Nordkap.
Carolin: Das Ganze stand im Januar dieses Jahres fest. Uns war wichtig, dass wir klimaneutral reisen, so kamen wir auf die Idee mit den Fahrrädern. Und wir haben uns dann gefragt: Wann nicht jetzt, wann dann? Mein Semester ging im Juni zu Ende, Timo ist bereits im Mai in Friesenheim losgefahren. Und jetzt freuen wir uns einfach jeden Tag, dass wir diese Tour machen.



Mit welchem Equipment seid ihr unterwegs?

Timo: Ich habe ein altes Mountainbike zu einem Reise-Bike umgebaut. Mit dem Thema Gepäckträger habe ich mich in der Vorbereitung ziemlich schwer getan und lange gesucht. Im Endeffekt habe ich ein Modell gewählt, das direkt an der Schnellspannachse befestigt wird. Daran befestigt sind dann wasserfeste Rahmentaschen, außerdem habe ich eine Lenkertasche, ein Rackpack, in dem alles ist, was wir den Tag über brauchen: Topf, Multi-Fuel-Kocher, Essen und Snacks.
Carolin: In Umeå hatte ich nur ein Second-Hand-Rad, das sich nicht für eine solche Reise eignete. Da der Fahrradmarkt aufgrund von Corona gerade so angespannt ist, musste ich mir ein Rad in Deutschland bestellen und es in Schweden zusammenbauen. Ich finde, wir haben sehr gut gepackt, nur deine Yogamatte war unnötig, die hast du umsonst einmal durch ganz Deutschland gefahren.
Timo: Das stimmt, zum Yogamachen bin ich zwischendurch gar nicht gekommen. Zum Glück habe ich auch mein Erste-Hilfe-Kit nicht gebraucht, ohne das würde ich niemals eine Reise antreten.

Wie beschäftigt ihr euch, wenn ihr stundenlang nebeneinander radelt?

Timo: Wir haben komischerweise immer noch viel zu quatschen, der Gesprächsstoff geht uns auch nach vielen Wochen nicht aus. Natürlich reden wir nicht die ganze Zeit, sondern fahren auch mal durch die Pampa und hängen unseren Gedanken nach.
Carolin: Manchmal hören wir auch über Timos Bluetooth-Kopfhörer gemeinsam Podcasts oder Musik, wobei wir da aufpassen müssen, dass wir nicht zu schnell fahren.
Timos Equipment: Bike-Taschen und Träger

Was macht ihr, wenn ihr am Nordkap ankommt?

Carolin: Wir kaufen uns eine Flasche Wein und genießen den Abend.
Timo: Das Nordkap ist an sich, wie ich gehört habe, nicht so spektakulär, für uns ist es zwar das Ziel, aber natürlich war der bisherige Weg das eigentliche Ziel. Es ist einfach unglaublich, was wir in den letzten Monaten alles erlebt haben, welche Orte wir entdeckt haben und welche Menschen wir getroffen haben.

Wie sieht eure Reiseküche aus? Carolin lebt ja zu 100 Prozent vegan?

Timo: Wir versuchen, zu jeder Mahlzeit etwas Richtiges zu kochen. Die Kalorien, die wir verbrauchen, müssen wir ja wieder reinbekommen.
Carolin: Eigentlich könnten wir den ganzen Tag nur essen, wir haben ständig Hunger.
Timo: Ins Porridge kommt eine ordentliche Portion Erdnussbutter, mittags gibt es dann Instant-Reis mit Beilagen.
Carolin: Abends kochen wir Nudeln und kaufen dazu frisches Gemüse ein. Als Snacks zwischen durch gibt es Energieriegel, Datteln oder Nüsse und oft aber auch Gummibärchen.

Was habt ihr bisher persönlich von eurer Reise auf dem Fahrrad gelernt?

Timo: Die kleinen Dinge wertzuschätzen. Wir freuen uns über frische Blaubeeren und frisches Gemüse.
Carolin: Und über die erste Dusche nach drei Wochen in Flüssen und Seen. Das war heute echt ein Highlight.
Disclosure: Carolin Johannsen ist auch als Autorin für fudder tätig. Wir hätten über ihre spektakuläre Reise aber auch berichten, wenn dem nicht so wäre.

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