Positive Effekte

Freude an den kleinen Dingen: Joy-Spotting durch Freiburg

Maya Schulz

Nie gingen wir so oft spazieren wie zur Zeit des Lockdowns. Wer ein bisschen Motivation für seinen täglichen Lauf benötigt: Joy-Spotting ist ein Trend, bei dem man auf die kleinen Dinge achtet. Maya Schulz hat es ausprobiert.

Zu Lockdown-Zeiten ist eine der Hauptbeschäftigungen, die wir mit Freundinnen und Freunden unternehmen können, vor allem: Spazierengehen. Gerade bei Regen und Kälte fällt es schwer, richtig viel Lust auf so einen Spaziergang zu haben. Joy-Spotting ist eine Möglichkeit, Spaziergänge ein bisschen interessanter und vor allem freudvoller zu gestalten, egal wie grau oder verregnet es draußen ist.

Schon vor einiger Zeit bin ich auf das Konzept Joy-Spotting gestoßen. Entwickelt wurde es von der Designerin und Autorin Ingrid Fetell Lee. Beim Joy-Spotting geht es darum, während man den Alltag bestreitet, bewusst auf die kleinen Dinge zu achten, die einem ein kurzes Gefühl der Freude vermitteln. Und diese Eindrücke können alles sein: ein schöner Blumenkasten auf einem Balkon, eine interessant geformte Wolke, Street-Art, sich anlächelnde Menschen.

Positive Effekte von Farben und Formen

Ingrid Fetell Lee zufolge verändert sich die Wahrnehmung der Umwelt zunehmend, wenn man nach dem Joy-Spotting-Prinzip durchs Leben geht. Man nimmt bewusster und intensiver wahr, genießt, sieht die kleinen Dinge. Wozu das gut ist? Wir alle suchen nach Glück im Leben und Joy-Spotting ist eine Methode, diesem Ziel schon auf dem Weg näherzukommen, so Lee. Das Streben nach Freude sei direkt mit dem fundamentalen menschlichen Überlebensinstinkt verbunden.

In ihrem Ted Talk von 2018 spricht Ingrid Fetell Lee über Joy-Spotting, die positiven Effekte von Farbe und Formen auf ein freudvolles Innendesign und zeigt Bilder von Architektur, die nach dem Prinzip der Freude entworfen wurde:



Auch die Regisseurin, Fotografin und Autorin Hailey Bartholomew beschäftigt sich mit den Auswirkungen, die regelmäßiges Empfinden von Freude und Dankbarkeit auf das Leben haben. 2008 begann sie mit ihrem "365-grateful-project", bei dem sie 365 Tage lang täglich ein Polaroidfoto von etwas machte, für das sie Dankbarkeit empfand und es in ein Album klebte. Auf diese Weise schaffte sie es aus einer traurigen Phase heraus und lehrte sich ein Jahr lang selbst das Prinzip, um das es auch beim Joy-Spotting geht: auf die kleinen und schönen Dinge achten. Wie eine Nonne sie auf die Idee der Dankbarkeit und Wertschätzung gebracht hat, beschreibt sie in einem Ted Talk von 2014.



Gute Idee, denke ich mir und versuche mich selbst am Joy-Spotting bei einem Spaziergang durch Freiburg. Der Weg war das Ziel. Zuerst fallen mir natürlich nur die offensichtlich schönen Dinge auf: Kunstwerke, Denkmäler, Brunnen, Parks. Aber ich finde schnell heraus, dass die wahre Kunst der Dankbarkeit für die kleinen Dinge vor allem darin liegt, sich Zeit zu lassen. Den Blick nicht nur schnell über etwas schweifen zu lassen, zu denken "Ach, schön, der Tanzbrunnen" und dann direkt weiter zu hasten, sondern innezuhalten und genau hinzusehen.

Stehen bleiben und sinnieren

Wie sieht der Tanzbrunnen eigentlich genau aus? Habe ich überhaupt selbst schon mal darin gestanden? Welche Pflanzen wachsen um ihn herum? Je mehr ich mich auf diese langsame Suche nach Kleinigkeiten und Details einlasse, desto einfacher wird es für mich, mit der Zeit immer mehr Dinge zu sehen, die mich wirklich Freude spüren lassen. Straßenkreidenmalerei von Kindern, schön gestaltete Vorgärten. Stehen bleiben und sinnieren, wer wohl in diesen Häusern wohnen könnte. Ein Blumenbeet – aber halt: Schaut man genau hin, dann sieht man auch Bienen (hurra!) und einen Käfer.

Das Beobachten kleiner Insekten hat etwas Meditatives. An einer Brücke hat jemand einer gewissen Heike eine Liebeserklärung mit Graffiti gemacht. "Wer wohl diese Heike ist?", überlege ich, während ich mich weitertreiben lasse. In einer kleinen Straße entdecke ich völlig unerwartet Streetart, die so gar nicht in das Gartenidyll zu passen scheint und mich an Banksy erinnert: ein kleiner Junge, der ein großes, menschliches Herz in den Armen hält. Wie oft wohl Menschen an diesem Stromkasten vorbeigehen, ohne diese "kleine Kunst am Wegesrande" überhaupt wahrzunehmen?

Mein Joy-Level steigt, genauso wie meine Fähigkeit, die kleinen Joy-sparkenden Fleckchen überhaupt zu sehen. Mein Highlight: Wie schön der Schatten einiger winterkahler Bäume auf eine Hauswand fällt. Es ist ein schönes Gefühl immer dankbarer für die kleinen Dinge zu werden und ich halte es für sehr wichtig, sich diese Einstellung auf Dauer anzutrainieren. Denn es gibt immer etwas, das Freude bereitet.
Fazit: Am Ende kann sich so ein Spaziergang durch Freiburg ebenso lehrreich und erfüllend anfühlen wie ein Vormittag im Kunstmuseum.

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