Nachtleben

Freiburgs Clubbetreiber erzählen, wie es ihnen in der Corona-Pandemie geht

Anika Maldacker

Freiburgs Clubs und Diskotheken haben es seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie mit am schwersten. Wir haben Freiburger Betreiber gefragt, wie es ihnen geht und wie sie den Betrieb handhaben.

Die Clubs und Diskotheken sind in einer schwierigen Lage. Tanzen ist in ihnen verboten. Party in Zeiten von Corona ist schwer bis unmöglich. Trotzdem laufen die Betriebskosten weiter. Um die Lage der Clubs und Diskotheken darzulegen, haben wir alle Freiburger Einrichtungen mehrmals kontaktiert und ihnen dieselben Fragen gestellt. Die Situation derjenigen, die geantwortet haben, stellen wir nun vor.

Jazzhaus

"Wir leben noch" sagt Jazzhaus-Geschäftsführer Michael Musiol. Mit der Eröffnung des Jazzfestival am vergangenen Samstag startete das Jazzhaus vorsichtig in die Saison, unter Einhaltung der Corona-Maßnahmen. Durch Kurzarbeit, Soforthilfe, Überbrückungshilfe und Spendenkampagnen kam das Jazzhaus laut Musiol bisher einigermaßen durch. "Ohne weitere Gelder gehen die Lichter aber bald aus", sagt er, "es laufen aber einige Anträge". Das Team von neun Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Jazzhaus ist in Kurzarbeit. Die Büromiete wird normal weitergezahlt, für den Club erhält das Jazzhaus einen Mietzuschuss der Stadt.

Crash

Wie geht’s dem Crash-Team? "Es schwankt zwischen Langeweile und Frustration", antwortet Betreiber Mario Held. Dem Club sind seit der Schließung im März alle Einnahmen weggebrochen. "Wir haben alles soweit heruntergefahren wie möglich, aber dennoch gibt es laufende Kosten", sagt er. Einige Institutionen wie Banken oder die Badenova, seien ihnen sehr entgegengekommen, indem Zahlungen vorübergehend ausgesetzt wurden, andere Stellen hätten das nicht gemacht. Die größten Löcher konnte das Team mithilfe der Corona-Soforthilfe stopfen.

"Wir informieren uns laufend über die aktuelle Situation", sagt Held. Soweit möglich, planen er und seine beiden Festangestellten Veranstaltungen und Konzerte für das nächste Jahr. Aber: "Ohne eine positive Veränderung der derzeitigen Situation oder weitere Zuschüsse wird es bis Ende des Jahres eng", sagt Held. Auch wegen der Miete macht sich der Club Sorgen. Die Vermieterin, die Stadt Freiburg, hat die Miete bis Ende des Jahres gestundet. Auf die Anfrage, die Miete auszusetzen oder zu reduzieren, gab es noch keine Antwort. Die Festangestellten sind derzeit in Kurzarbeit, die 450-Euro-Kräfte werden seit Anfang März nicht mehr weiterbeschäftigt.

Drifter’s

"Wir haben keine Perspektive, wann wir wieder die Tore öffnen dürfen", sagt Drifter’s-Inhaber Stephan Kern. Als der Club am 13. März zum ersten Mal seit 30 Jahren schließen musste, hoffte er noch, dass die Krise nach einigen Wochen ausgestanden wäre. Das Drifter’s hat die Corona-Soforthilfe bekommen. "Wir haben alle notwendigen und uns zur Verfügung stehenden Maßnahmen getroffen, um den Kostenapparat aufs Minimum zu reduzieren", sagt Kern. Die Antworten auf einige Anträge stehen noch aus. "Wenn alle Anträge bewilligt werden, schaffen wir es noch bis Ende des Jahres", prognostiziert Kern. Die Mitarbeiter befinden sich in Kurzarbeit, die Aushilfen sind seit März ohne Einnahmen. Auch das Drifter’s ist Pächter der Stadt Freiburg. Wie im Falle des Crash wird auch die Miete des Drifter’s vorerst nur gestundet. "Wir haben darum gebeten, die Miete für die Zeit der Schließung zu erlassen, aber dem wurde noch nicht entsprochen", sagt Kern und fährt fort: "Für unseren Club ohne jegliche Einnahmen auf absehbare Zeit, der ohnehin von der Hand in den Mund lebt, ist es nicht leistbar, diese immer weiter auflaufenden Kosten dann nach Öffnung nachträglich zu bezahlen." Falls doch, würde das den Club in die Insolvenz treiben, schätzt Kern. Er hofft, dass der Club unter Auflagen zum November 2020 wieder öffnen kann.

Artik

"Wir beobachten die Entwicklungen und üben uns in Geduld, was zunehmend schwieriger wird, da viele junge Menschen langsam wieder eine gewisse Form der ’Normalität’ erfahren möchten", sagt Harald Deschler, Geschäftsführer des Artik. Um die Corona-Krise zu überbrücken, hat das Artik an verschiedene Aktionen teilgenommen, wie zum Beispiel an #inFreiburgzuhause oder United We Stream. "Bei der Ideendisco im Juli sind außerdem kreative und tolle Ideen zum Fortbestand der Clubszene zusammengekommen", sagt Deschler. Bis August konnten die Fixkosten von den Ersparnissen und Corona-Soforthilfe gedeckt werden.

Die Miete des Artik wird durch die institutionelle Förderung des Amts für Kinder, Jugend und Familie (AKI) der Stadt Freiburg gedeckt. "Fast alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb – das sind rund 20 Personen – haben derzeit entweder ruhende Arbeitsverhältnisse oder sind zu 100 Prozent in Kurzarbeit", sagt Deschler.
Auf die Frage, wie lange das Artik das noch aushält sagt er: "Dazu habe ich keine Prognose. Da sind ja viele jungen Menschen bei uns beschäftigt, die entweder Werkstudentinnen und -studenten oder Minijobber sind. Auf ewige und unbestimmte Zeit kann man diese Arbeitsverhältnisse nicht auf Eis legen, irgendwann verliert man nach und nach seine Teammitglieder und damit auch einen elementaren Bestandteil des wirtschaftlichen Geschäftsbetriebs." Im September veranstaltet das Artik Open Air-Veranstaltung im Innenhof. Die Veranstaltungen sind jedoch so knapp kalkuliert, dass jeder nicht-ausverkaufte Termin Minus macht.


Slow Club

"Unsere Lage ist aktuell recht stabil und steuerbar", sagen Sandor Stecklum und Sévérine Kpoti, Organisationsmitglieder des Vereins, der hinter dem Slow Club steht. Es ist zwar ruhiger geworden, aber zu tun haben die Mitarbeiter trotzdem. "Wir haben relativ schnell mit dem Streamen von Konzerten begonnen. Während des Lockdowns hat sich das noch auf regionale DJs und Bands beschränkt, so langsam gehen wir aber auch wieder zu den Überregionalen", sagt Kpoti. Für das Streamen können die Zuschauer dem Slow Club eine Spende zukommen lassen. Die Zeit während des Lockdowns haben die Vereinsmitglieder genutzt, um Reparaturen und Umbauarbeiten anzupacken. Da der Slow Club ein Mitgliederkonzept verfolgt, sind die Finanzen stabil. "Durch die monatlichen Grundeinnahmen und durch die Spenden für die Streams können wir unsere Fixkosten soweit erst einmal abdecken", sagt Sandor Stecklum. Durch dieses finanzielle Grundgerüst kann der Slow Club noch eine Weile überstehen. "Es darf aber nichts Unerwartetes passieren, dann könnte sich unsere Lage schnell ändern", sagt er. "Unsere Miete zahlen wir weiterhin regulär in vollem Umfang", sagt er. "Dennoch ist uns die Gesundheit unserer Gäste und unseres Teams wichtiger, deswegen wägen wir ab, ab welchem Zeitpunkt es sinnvoll ist, den Club wieder zu öffnen", sagt Sandor. Aktuell veranstaltet der Slow Club mit dem Artik und Kommunalen Kino draußen Veranstaltungen.

Neko/Karma

Das Karma ist seit März geschlossen, das Neko seit Juni wieder geöffnet. "Im Karma ist es eine Katastrophe", sagt Betreiber Pino Raia. Seit März zahlt er für den Club keine Miete mehr. Im Neko ist die Situation auch nicht einfach. Weil die Gaststätte im Juni als Club betrieben worden sein soll und die coronakonformen Abstandsregeln nicht eingehalten wurden, musste Raia knapp 2800 Euro Bußgeld bezahlen. "Man macht Fehler, aber alle machen Fehler", sagt er. Seither wird der Club, so erzählt er, jedes Wochenende, teils mehrmals vom Ordnungsamt kontrolliert. Das bestätigt auch Ramon Oswald, Leiter des kommunalen Vollzugsdienst. Über mehrere Wochen habe sich der Vollzugsdienst die Lage im Neko jedes Wochenende angeschaut. "Wir agieren nicht nur belastend, sondern auch entlastend", sagt Oswald. In den vergangenen zwei Wochen hätten sich die Beschwerden zum Neko wieder gehäuft, sagt Oswald. Der Vollzugsdienst habe bisher aber noch keine Verstöße festgestellt. Ach Raia versichert, dass die Regeln eingehalten würden. Wenn die Regeln nicht eingehalten würden, müssten die Betreiber eben die Musik leiser drehen und die Gäste an die Bestimmungen erinnern, so Oswald.

Raia hatte sich schon überlegt, das Neko wieder zu schließen. "Wir sind trotz Öffnung noch rund 20 Prozent im Minus mit dem Neko", sagt er. Die fünf Festangestellten im Karma sind in Kurzarbeit, die zwei Festangestellten im Neko arbeiten wieder voll.

Mamita

"Seit Anfang August haben wir wieder eingeschränkt, also nur freitags und samstags, geöffnet", sagt Silke Müller vom Mamita in der Nussmannstraße. Sie betreiben den Club nun als Bar, ohne Tanzfläche. "Wir können leider nicht so viel Publikum einlassen", erklärt Silke Müller. In dem Club fand vor wenigen Tagen mit dem Streaming-Projekt #inFreiburgzuhause ein Konzert der Band Atole Loco statt. In den fünfeinhalb Monaten, in denen der Club geschlossen hatte, hat das Betreiberpaar den Club renoviert. Die Verpächter kamen den beiden mit der Miete entgegen. "Dafür sind wir sehr dankbar", sagt Silke. "wir hatten das Glück, dass es uns schon seit sechs Jahren gibt und wir gute Zeiten hatten". Aber die Ungewissheit zu haben, nicht zu wissen, wann man wieder öffnen kann, hat uns belastet, fährt sie fort. Die meisten Mitarbeiter sind Studierende. Rund die Hälfte hat sich wegen der Schließung neue Nebenjobs gesucht. Silke und ihr Mann Ricardo blicken dennoch positiv in die Zukunft. Immer wieder sagen Kundinnen und Kunden: "In Mamita zu sein, ist wie Urlaub in Lateinamerika." Das motiviert die beiden.