Freiburger Warenwelt: Der Meditationshocker von Detlef Pieper

Stephan Elsemann

Versenkung ohne Verrenkung – ein Meditationshocker macht's möglich. Detlef Pieper, Schreiner im Stühlinger, hat einen Meditationshocker entworfen. Der sieht nicht nur hübsch aus, er macht schmerzfreies Meditieren möglich, ohne vorher den Lotossitz zu erlernen. Nicht ganz so gelenkige Anhänger fernöstlich inspirierter, spiritueller Erlebniswelten werden dankbar sein.



Detlef Pieper - und sein Meditationshocker

Auf den Hocker kam Detlef Pieper beim Meditieren, genauer gesagt bei seinen schmerzhaften unbequemen Begleiterscheinungen. Eigentlich findet die Meditation im Lotussitz statt mit verschränkten Beinen. Doch was einem indischen Guru nur ein entrücktes Lächeln entlockt, kann für einen Westeuropäer ein Ding der Unmöglichkeit sein – vor allem für einen 1,90 Meter langen Schlaks aus dem hohen Norden wie Detlef Pieper.

Aus Passade, einem 200-Seelen-Nest an der Ostsee war der Schreiner 1995 nach Freiburg gezogen. Die Gründe sind mit einem Wort umschrieben: Grün. – Grün, weil hier in Rheinebene und Schwarzwald mehr Baumarten wachsen als im hohen Norden. Grün aber auch, weil ihn das ökologische Selbstverständnis der Stadt anzog. 2000 machte er seinen Meister und konnte sich selbstständig machen in seiner Schreinerei im Stühlinger. Eine gute Ausbildung macht frei, sagt er heute, denn "ich kann damit machen, was ich will". Die Gestaltung der Dinge, die er produziert, fasziniert ihn. Schönheit und Funktionalität kommen dabei zusammen. Die Verkleidung eines Heizkörpers am Fenster kann eben auch ein warmer Sitzplatz sein, wenn man die Fläche etwas großzügiger macht und mit bequemen Holzlamellen konstruiert, die zum Sitzen einladen.

Ähnlich war's beim Meditationshocker. Form follows function. Zum Meditieren sollte man entspannt, doch aufrecht längere Zeit sitzen können. Hocker mit angeschrägter Sitzfläche, die das erleichtern sollen, gab es schon einige – die meisten mit einem spartanischen Design. Pieper machte ihn bequemer, indem er die Sitzfläche rundete und dem Hocker die Anmutung einer Pagode schenkte. Da meditiert es sich umso lieber, und eigentlich ist es schade, dass sich das hübsche Teil so gar nicht zweckentfremden lässt, für alle, die es mit der Meditation noch nicht so haben.



Der Werkstoff Holz

Man ahnt schon, dass jemand, der sich so bewusst für Freiburg als Ökostadt entschieden hat, auch mit eigenen Vorstellungen an den Werkstoff Holz herangeht. Nachhaltigkeit spielt dabei eine Rolle, und Nachhaltigkeit definiert Detlef Pieper so: Möbel sollen so lange halten bis der Baum nachgewachsen ist, aus dem sie gemacht wurden. Das ist eine sehr lange Zeit, auch wenn nicht alle Bäume 111 Jahre alt sind, wie die Tanne, die Meister und Azubi Judith Baden gerade im Hof bearbeiten.

Sollen die Möbel lange halten, geht es auch um die Frage wie das verwendete Holz als lebendiger, sich veränderender Werkstoff zur Ruhe gebracht wird, denn bei Schrank, Regal und Tisch sieht man es nicht gern, wenn sie "arbeiten" und sich verziehen. Neben der Lagerung des Holzes spielt der Zeitpunkt des Fällens für Schreiner wie Detlef Piper eine Rolle. Gefällt wird am besten, wenn der Baum sich in einer Ruhephase befindet. Das ist zur Winterzeit und bei abnehmendem Mond. Das geschlagene Holz steht bei der Verarbeitung weniger unter Spannung, reißt nicht so schnell und die Oberfläche nimmt Verschmutzung nicht so leicht an. Mondholz nennt man dieses Holz, das nur an wenigen Tagen im Jahr geschlagen werden kann, was es besonders wertvoll und teuer macht.



Diese, früher geübte Holzfäll-Praxis wird in Zeiten industrieller Waldbewirtschaftung gern als esoterische Spinnerei abgetan – aus wirtschaftlichem Interesse, wie Detlef Pieper vermutet. Doch auch das hat sich schon wieder geändert, denn inzwischen geben auch die Forstverwaltungen wieder Kalender heraus mit Empfehlungen zu den optimalen Tagen fürs Holzfällen.

Notizen für den Einkaufszettel

Der Meditationshocker kostet in der Ausführung Buche 49,50 Euro, in Nussbaum 59,50 Euro. Es gibt ihn in drei Größen. Man bekommt ihn in der Schreinerei selbst und im "Sonnengruß"-Geschäft in der Klarastraße um die Ecke. Weitere Geschäfte sollen folgen.

Anders als beim Hocker sind die meisten Arbeiten einer Schreinerei individuelle Anfertigungen, die eine eigene Kalkulation erfordern. Wie man sich denken kann, sind die Preise für einzeln angefertigte Möbelstücke nicht mit denen bei Ikea zu vergleichen. Rechnet man aber mit ein, dass die Möbel 100 Jahre halten sollen – ein Zeitraum, der auch bei optimistischer Sichtweise den eines Menschenlebens meist übersteigt –, sind sie gar nicht mehr so teuer. Das neu entworfene Hundebett reicht sogar für fünf glückliche Generationen Hund. Doch wer mal eben eine Tischplatte abzusägen hat, kann einfach so in der Guntramstraße vorbeikommen. Das geht dann auch mal ganz umsonst. Und Praktikanten, die sich fürs Möbelschreinern interessieren, sind ebenfalls willkommen.



Wegbeschreibung

Vom Bertoldsbrunnen der Straßenbahn folgend über die blaue Brücke in den Stühlinger fahren oder laufen. Rechts herunter fahren und gleich wieder links in die Wannerstraße. In die zweite Straße rechts abbiegen. Das ist die Guntramstraße. Die Schreinerei folgt nach rund 200 Metern auf der linken Seite. Zu Fuß sind es zehn Minuten mit dem Fahrrad fünf Minuten.



Adresse

Schreinerei im Stühlinger
Guntramstraße 32
79106 Freiburg
0761-29280055
moebel@schreinerei-freiburg.de

Öffnungszeiten

Montag bis Freitag
9 bis 18 Uhr

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Foto-Galerie: Stephan Elsemann