Interview

Freiburger Studierende muss China-Aufenthalt wegen Coronavirus abbrechen

Anika Maldacker

Die 22-jährige Freiburger Studentin Jenny Wiggermann rechnete für ihr Auslandsjahr in Peking mit einigem, nur nicht mit der Ausbreitung eines neuartigen Virus. Ihren Aufenthalt in China musste sie wegen des Coronavirus abbrechen. fudder hat mit ihr gesprochen.

Jenny, du wolltest noch mindestens bis Juni an der Uni in Peking Sinologie studieren. Nun bist du seit Ende Januar in Zwangspause in Deutschland. Wie kam das?

Ursprünglich studiere ich an der Uni in Freiburg Sinologie. Chinesisch, also Mandarin, ist eine schwere Sprache. Daher habe ich mich dazu entschieden für ein Jahr nach China zu gehen, um die Sprache zu lernen. Ich bin seit Ende August in Peking. In den Semesterferien wollte ich ohnehin eine Woche nach Deutschland zu meiner Familie, aber nun bin ich schon seit mehr als einem Monat zuhause, weil die Universität in Peking uns dringend geraten hat, nicht vor Semesterbeginn wieder nach Peking zurückzukommen.

Wie lief die Informationskette in China ab?

Ich hatte meine letzte Prüfung am 3. Januar und bin zwei Tage später in den Süden Chinas gereist. Am 5. Februar wollte ich für eine Woche auf Heimaturlaub, bevor das Semester in Peking wieder anfing. Ich habe das erste Mal gemerkt, dass die Lage sich zuspitzt, als sich Ende Januar auf meiner Reise meine chinesische Sprachpartnerin bei mir meldete und mir empfahl, schnell wieder nach Peking zu kommen. Alle Chinesen wollten wieder in ihre Wohnungen und meine Sprachpartnerin machte sich Sorgen, dass ich nicht mehr nach Peking zurückkomme, wenn ich länger reisen würde.

"An Neujahr waren schon Masken und Desinfektionsmittel ausverkauft."

Was geschah dann?

Ich war zu dem Zeitpunkt in Guilin. Dort habe ich schnell ein Zugticket nach Peking gekauft und noch eines der letzten drei Tickets bekommen. Die schnellste Verbindung von Guilin nach Peking führt direkt durch Wuhan, also habe ich darauf geachtet, dass der Zug dort nicht hält. Als der Zug dort dennoch hielt, wurde ich ziemlich nervös. Auch die anderen Insassen wurden unruhig. Im Zug haben schon alle Masken getragen. Eine Person ist dort ausgestiegen.
Die 22-jährige Jenny Wiggermann studiert im fünften Semester Sinologie und BWL, derzeit eigentlich an der Pekinger Universität, aber ab Oktober wieder an der Uni Freiburg. Für ein Auslandsjahr zog es sie nach Peking. Sie ist in Friedrichshafen am Bodensee aufgewachsen.

Wann hast du in China bemerkt, dass die Situation sich zuspitzt?

Erst in Südchina, irgendwann Ende Januar. Es ging wahnsinnig schnell. Ich folge wichtigen, chinesischen Medien über Instagram und hatte den Eindruck, dass die Situation in nur zehn Tagen dramatischer wurde. Zuvor hatte man sehr wenig von dem Virus und den Auswirkungen mitbekommen. An Neujahr waren schon Masken und Desinfektionsmittel ausverkauft. Ich habe natürlich auch immer Masken getragen, zuerst wegen dem Smok, dann wegen des Coronavirus’. Ich trug natürlich draußen ständig eine Maske, die man waschen und deren Filter man auswechseln kann.

"Das war total komisch sich selbst draußen im sonst lauten Peking durch die Atemschutzmaske atmen zu hören."

Was geschah als du wieder in Peking angekommen bist?

Als ich am 28. Januar dort ankam, hat es überall nach Desinfektionsmittel gestunken. Alle trugen Atemschutzmasken. Einen Tag später bin ich einkaufen gegangen. Die Straßen waren komplett leer, die meisten Läden zu. Das war total komisch sich selbst draußen im sonst lauten Peking durch die Atemschutzmaske atmen zu hören. Im Supermarkt waren die Leute hektisch, man sah, dass sie Vorräte anschaffen. Ich habe mich mit Nudeln und Tomatensoße eingedeckt, was einfach war, weil die Chinesen das nicht gern essen.

Wie stand es um deinen geplanten Rückflug?

Der wurde gecancelt. Also buchte mein Vater mir einen neuen Flug um zwei Uhr nachts am 31. Januar mit Air China. Ich erfuhr erst Stunden vorher davon und habe daher hektisch gepackt und meine Dreier-WG Hals über Kopf verlassen. Die Wohnung ist jetzt auch noch leer. Meine Mitbewohnerin aus Thailand ist in Thailand, mein chinesischer Mitbewohner bei seiner Familie. Die Uni hatte Ende Januar schon kommuniziert, dass das neue Semester nicht vor Mitte Februar wieder beginnt und wir vorher auch nicht zurückkommen dürften. Sie rieten allen internationalen Studierenden in ihr Heimatland zurückzugehen.

"Ich habe vor dem China-Aufenthalt mit vielem gerechnet, aber nicht damit, dass ein Virus die halbe Welt lahm legt."

Du bist aus China weggegangen, damit du vor dem Coronavirus sicherer bist, jetzt ist es aber auch in Deutschland angekommen. Wie ist das für dich?

Am Bodensee haben wir bisher erst einen Fall. Da mache ich mir keine Sorgen. Ich finde aber, dass die Leute in Deutschland etwas durchdrehen, wenn sie übermäßig Dosenessen oder Toilettenpapier kaufen. Das hat in China mehr Sinn gemacht, weil dort ganze Städte in Quarantäne sind.

Was ist nun dein Plan?

Ich will wieder zurückzugehen. Ich habe vor dem China-Aufenthalt mit vielem gerechnet, aber nicht damit, dass ein Virus die halbe Welt lahm legt. Ich sitze nun zuhause bei meinen Eltern und warte, dass sich etwas tut. Die Uni in Peking sagt, wir sollen keinesfalls herkommen. Wenn man sich daran nicht hält, könnte man vom Austauschprogramm ausgeschlossen werden. Wir internationalen Studierenden müssen bei der Uni einen Antrag stellen, damit die entscheidet, ob man kommen darf. Das Semester hat wieder begonnen, jedenfalls zum Teil. Die Kurse werden aber alle über Videochats gegeben. Sie finden viermal pro Woche von 1 bis 3 Uhr nachts unserer Zeit statt. Ich habe noch nicht geschafft, mitzumachen. Für Mitte April habe ich schon nach Flugtickets geschaut. Die sind nun auch billig. Aber ich bin hin- und hergerissen.

Deine Sachen sind ja noch dort.

Ja, meine Sachen sind noch in der Wohnung in Peking. Für mein Zimmer zahle ich noch Miete. Ich habe schon überlegt, einfach rüberzufliegen und die Sachen zu holen. Aber alle, die aus dem Ausland kommen, müssen in China nach der Ankunft erstmal zwei Wochen in Quarantäne. Dabei würde ich sehr gerne wieder nach Peking gehen und meine Sprachkenntnisse verbessern. Ursprünglich wollte ich noch in der Niederlassung von ZF Friedrichshafen in Hangzhou ein Praktikum bis Ende Juli machen. Aber das ist nun alles unsicher.

Bereust du es, zum Studium nach China gegangen zu sein?

Nein, gar nicht. Ich würde auch sofort wieder nach Peking gehen, wenn es ginge und will das zweite Semester dort auch fertig machen, wenn es irgendwie möglich ist.

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