fudder-Interview

Freiburger Studentinnen: "Rassismus betrifft jeden einzelnen"

Angela Woyciechowski

Eine BIPoC Gruppe in Freiburg setzt sich für die Belange rassifizierter Menschen ein. Die Studentinnen Eloisa Firmino und Uluka Zimba sprechen darüber, wie es ist, BIPoC in Deutschland zu sein und weshalb jeder das Buch "Exit Racism" von Tupoka Ogette gelesen haben sollte.

Was ist Rassismus für Euch?

Eloisa: Viele Leute setzen Rassismus mit "Nazi-sein" gleich. Und das ist es nicht. Fast jeder ist rassistisch sozialisiert, das sind subtile Mechanismen. Viele sehen das als Angriff, wenn man sagt, man hat Rassismus erlebt. Die Leute denken dann halt gleich, aufgrund der deutschen Geschichte, dass das was ist, was sich in der rechten Ecke befindet, obwohl er ja eigentlich mitten unter uns ist, der Rassismus.
Uluka: Ich finde es auch wichtig zu sagen, dass es eben jede einzelne Person betrifft. Also, jeder muss sich mit Rassismus beschäftigen. Auch Menschen, die von Rassismus betroffen sind, müssen lernen, damit umzugehen und die verschiedenen Rassismen zu verlernen.
BIPoC

BIPoC steht für Black, Indigenous, People of Color. Die BIPoC-Gruppe wurde im Oktober 2018 von Studierenden der Universität Freiburg gegründet und setzt sich für die Belange von rassifizierten Menschen ein. Zum Beispiel durch die Organisation von Demonstrationen, oder indem sie Workshops und Vorträge halten. Zu Beginn war die BIPoC-Gruppe an ein Referat angebunden, aber im Laufe der Zeit ist der Gruppe klar geworden, dass sie nicht nur an der Uni rassismuskritische Arbeit leisten möchte. Die BIPoC-Gruppe ist mittlerweile eine selbstorganisierte Gruppe, die offen ist für alle BIPoCS aus Freiburg und der Umgebung. Einmal in der Woche kann man am "Safer Space" teilnehmen und über Rassismus Erfahrungen sprechen.

Was treibt Euch an? Warum engagiert ihr Euch?

Eloisa: Ich halte die soziale Ungerechtigkeit nicht aus, möchte unbedingt etwas dagegen unternehmen. Viele Menschen sind ohnmächtig ob ihrer Rassismusrrfahrungen, andere sind traurig, wieder andere werden wütend. Und bei mir war das ein Mix aus allem. Aber irgendwann war mir wichtig, aktiv zu werden und zu wissen, ich kann auch etwas dagegen unternehmen – ich bin nicht ohnmächtig, ich bin handlungsfähig.

Warum habt ihr Euch entschieden, nicht über Eure Rassismuserfahrungen zu sprechen?

Uluka: Ich bin einfach der Überzeugung, dass es genug Bücher, Podcasts und Websites gibt, wo Rassismuserfahrungen geteilt werden. Es geht ja auch nicht nur um individuelle Rassismuserfahrungen, sondern um das strukturelle Problem dahinter.
Eloisa: Außerdem wird einem scheinbar nur geglaubt, wenn man von seinen persönlichen Rassismuserfahrungen erzählt, aber das ist einfach etwas sehr Schmerzhaftes und auch Intimes.



Wie ist es für Euch, POC in Deutschland zu sein?

Uluka: Sehr oft sehr schwer. Das Attentat von Hanau hat sich jetzt gejährt. Das hat mich damals total mitgenommen. In der Zeit hatte ich ziemlich viel Angst. Ich war jetzt vor kurzem wieder in meiner Heimatstadt Potsdam und dort ist das nochmal anders, also ich fühle mich in Freiburg schon sicherer, aber wenn ich mir die Wahlergebnisse anschaue, dann macht mich das schon manchmal ein wenig unsicher.
Eloisa: Ich habe so eine Identitätsproblematik. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich hier komplett als Deutsche gesehen werde, aber in Brasilien, wo meine Mutter herkommt, werde ich auch nicht so richtig als Brasilianerin angesehen.
Internationale Wochen gegen Rassismus

Vom 7. bis 24 März findenauch in Freiburg die Internationalen Wochen gegen Rassismus statt, eine Veranstaltungsreihe, die diesmal wegen der Pandemie online stattfindet. Bis zum 8. April präsentiert "Respect", ein Freiburger Netzwerk für kritische Bildungsarbeit, rund zwei Dutzend Workshops, Vorträge, Filme und Musik – alle zum Thema Rassismus.

Wo beginnt für Euch Diskriminierung?

Eloisa: Wenn zum Beispiel körperliche Merkmale naturalisiert werden. Also wenn beispielsweise subtile Äußerungen getätigt werden, zum Beipsiel, dass afrikanische Menschen besonders gut tanzen können oder krass sportlich sind. Das muss man alles hinterfragen, solche Stereotypen nicht einfach so blind annehmen. Das kommt ja auch aus der Kolonialisierung, wo der Schwarze Mensch auf seinen Körper reduziert wurde. Aber solche Sachen werden einfach immer weiter reproduziert. Viele Menschen hinterfragen diese Äußerungen gar nicht und glauben das dann auch.

Emilia Roig hat in ihrem Buch "Why we matter" geschrieben: "In keinem Bereich sind Diskriminierungsmuster so sichtbar und so machtvoll, wie im Bildungssystem". Wie seht ihr das?

Eloisa: Es fängt schon im Kindergarten an. Zum Beispiel, dass es keine Kinderbücher gibt, in denen sich BIPoC-Kinder repräsentiert fühlen. Und oft werden Klischees bedient, im Sinne von: Mädchen müssen jetzt mit Puppen spielen. Dann ist unser Bildungssystem ja monolingual ausgerichtet. Und Kinder, die bilingual oder trilingual aufwachsen, haben von Anfang an schlechtere Karten, weil sie oft nicht so einen großen Wortschatz haben, wie Kinder, die monolingual aufwachsen. Deswegen haben sie auch oft einfach weniger Chancen in der Schule. Außerdem wird ja immer noch eine Empfehlung ausgesprochen, wer in den gymnasialen Zweig reinrutscht. Sehr wenige Kinder mit Migrationshintergrund besuchen Gymnasien. An der Uni sind auch kaum BIPoCs und kaum Dozierende, die BIPoC sind. Und ich würde daher schon sagen, dass es ein System ist, in dem BIPoCs kleingehalten werden.
Uluka: Leider gibt es in Freiburg auch keine ernstzunehmende Anti-Diskriminierungsstelle. Es gibt zwar eine Anti-Diskriminierungsstelle, aber die wird von einer Person besetzt, die auch Noten vergibt, nicht von extern kommt und daher auch nicht wirklich objektiv ist.

Was wünscht ihr Euch von Personen, die nicht BIPoC sind?

Uluka: Das allererste ist wahrscheinlich "Exit Racism" von Tupoka Ogette zu lesen, weil sie tatsächlich sehr gut beschreibt, wie schmerzhaft das Anfangen von rassismuskritischem Lernen ist. Sie beschreibt das so: Der Zustand, in dem sich weiße Menschen befinden, die sich noch nicht mit Rassismus auseinandergesetzt haben, ist ein "Happy Land". Ein Land, in dem sie glücklich leben können, ohne sich mit irgendetwas zu beschäftigen. Und der Weg aus "Happy Land" ist einfach ein sehr schmerzhafter, weil Dir auf einmal Deine Privilegien klar werden und auch, dass andere diese eben nicht haben.
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