E-Werk

Freiburger setzen sich in Theaterstück mit Kriegserfahrung des Opas auseinander

Anika Maldacker

Eine Recherche als Inszenierung: In ihrem Stück "Böhmische Dörfer" setzen sich Freiburger Geschwister mit der Rolle ihres Großvaters im Zweiten Weltkrieg auseinander. Premiere ist am Donnerstag.

Ihren Großvater kennen die Freiburger Schauspieler und Geschwister Leon und Carla Wierer nur von Fotos und Erzählungen. Er starb, bevor sie geboren wurden. Eines der wenigen Details, das sie über ihn wissen, ist, dass er im zweiten Weltkrieg in Stalingrad gekämpft hat. Als ihre Mutter ihnen das Kriegstagebuch des Opas vor einiger Zeit zeigte, war ihr Interesse geweckt. Darin berichtet der Großvater von der Einkesselung durch die Rote Armee, vom Hunger und den Bombennächten. Die beiden recherchierten daraufhin welche Rolle ihr Großvater dabei gespielt hat. Dieses Unterfangen haben sie nun inszeniert.

"Wir wussten bisher nicht viel von unserem Opa und was er in Stalingrad erlebt hat", sagt Leon Wierer. Einzelne kurze Geschichten, was er in der Zeit der Einkesselung durch die Rote Armee in Stalingrad erleben musste, wurden in der Familie ab und an erzählt. Das hat dem 28-jährigen Leon Wierer und seiner Schwester Carla nicht gereicht. Sie wollten mehr über ihren 1917 geborenen Großvater, der früh starb, erfahren. Also lasen sie sich in die Schlacht um Stalingrad ein, sprachen mit Verwandten, mit Historikern und sogar Bewohnerinnen und Bewohnern von Wolgograd, dem früheren Stalingrad. Weil sie wegen der Pandemie nicht in die Stadt an der Wolga reisen konnten, klickten sie sich durch Google Maps und Street View, um ein Bild von dem Ort zu bekommen.

Recherche als Inszenierung

Anderthalb Jahre dauerte ihre Recherche. In dieser Zeit reflektierten sie nicht nur das wenig Bekannte über das Leben ihres Großvaters, sondern auch sich selbst. "Wir haben uns gefragt, was in uns von unserem Großvater weiterlebt", sagt Leon. Seine Rolle im Krieg betrachten die beiden Künstler auch kritisch. "Natürlich können wir nicht ganz objektiv mit der Geschichte umgehen, aber das ist auch Thema des Stücks", so Leon.

Trailer zu "Böhmische Dörfer":

Aus ihrer Recherche haben sie nun ein Stück inszeniert. "Böhmische Dörfer" feiert am Donnerstag Premiere im E-Werk. Pro Aufführung sind rund 20 Personen zugelassen. Weitere Aufführungen finden am Freitag und Samstag statt, und auch Anfang Oktober. In ihrer Inszenierung nehmen die Geschwister das Publikum mit auf ihre Recherchereise. Dabei zeigen sie auch die Lücken, die geblieben sind. Hatte ihr Großvater Kontakt zur russischen Einwohnerschaft der Stadt? Wie hat er sich dort verhalten? Ist er damals begeistert in den Krieg gezogen, als er mit Ende 20, Anfang 30 aus seinem böhmischen Heimatdorf eingezogen wurde? "An manchen Fragen scheitern wir", erklärt Leon. Diese Lücken füllen die beiden Geschwister mit ihrer Recherche teils auf. Sie spielen Musik ab, die ihr Opa im Russland der 40er-Jahre hätte aufschnappen können oder lesen aus seinem Kriegstagebuch vor.
Was: Böhmische Dörfer
Wann: 17. Juni, 18. Juni, 19. Juni, 7. Oktober, 8. Oktober, 9. Oktober, jeweils 20.30 Uhr
Wo: im Kammertheater, E-Werk Freiburg
Tickets: 16/9 Euro, Website