"Es wird einmal..."

Freiburger Schülerin skizziert Zukunft, in der sich jeder ein Geschlecht aussuchen kann

Katharina Heinrichs

Katharina Heinrichs ist 14 Jahre alt und geht in Freiburg aufs Kepler-Gymnasium. Für die Hilfsorganisation Care schrieb sie eine Geschichte, die in einer nicht unrealistischen Zukunft spielt. Auf fudder veröffentlicht sie ihren Text, der den ersten Preis gewann.

Was bringt die Zukunft? Darüber hat sich Katharina Heinrichs (14), Schülerin am Kepler-Gymnasium, auch schon Gedanken gemacht, bevor sie beim siebten bundesweiten Schreibwettbewerb der Hilfsorganisation Care mit 350 Teilnehmenden mitgemacht hat. Unter dem Wettbewerbsmotto "Es wird einmal..." schildert sie aus der Sicht einer Jugendlichen Szenen aus einem künftigen möglichen Alltag. Damit hat sie in ihrer Altersgruppe unter 150 Beiträgen den ersten Preis gewonnen. fudder durfte ihren Text veröffentlichen.

Grübelnd kaue ich auf meiner Unterlippe herum, tippe Antworten ein und lösche sie wieder. Der Gedanke taucht auf, dass es vielleicht doch ein Fehler gewesen war, all die unzähligen Intensivförderungen am Gymnasium abzulehnen. Aber bevor meine Hausaufgaben es endgültig schaffen, dass ich Lebensentscheidungen in Frage stelle, werde ich von Grandma nach unten gerufen: "Alex, es geht gleich los!" Seufzend schalte ich das Tablet aus und stecke es in eine willkürlich ausgewählte Schublade des neuen Schreibtischs.

Ich habe ihn erst vor Kurzem geschenkt bekommen, komplett aus Recycling-Holz, weil Ma will, dass ihr Kind ein Zimmer hat, welches dem "Trend entspricht". "Beeil dich Alex!" Es ist eigentlich schon eine Tradition, dass wir bei Familienfeiern immer spät dran sind. Manchmal pflegt Grandma dann zu sagen: "Tja, hättet ihr die Zeitverschiebung nicht abgeschafft, müssten wir jetzt nich’ so hetzen..." In solchen Fällen nicke ich nur, im Wissen, dass es nichts bringen würde mit ihr darüber zu streiten, ob man an der Zeit herumdrehen sollte oder nicht.

Burger mit würzigen Insekten

Jedenfalls sind wir heute anlässlich Grandmas 100. Geburtstags auf die Grillparty meiner Schwester und ihrer Frau eingeladen. Ich freue mich, weil meine Schwägerin die besten Burger macht, niemand versteht sich so gut darauf die Insekten zu würzen wie sie, außerdem haben sie erst vor kurzem ein unglaublich süßes Baby bekommen. In der Küche packt Ma noch schnell den Obstsalat in die Kühltasche. Seit ein paar Jahren sind Früchte wieder ein wenig günstiger geworden. In meiner Kindheit waren all die Erdbeeren, Äpfel, und wie das sonst noch alles heißt, eine echte Seltenheit gewesen. Anfangs habe ich mich dann gar nicht getraut sie "einfach nur so" zu essen.
Zur Person

Katharina Heinrichs ist 14 Jahre alt, wohnt mit ihren Eltern und ihrer elfjährigen Schwester im Stadtteil Rieselfeld und ist Schülerin am Kepler-Gymnasium. Neben dem Schreiben liest sie viel. Ihre Lieblingsautorinnen sind Cornelia Funke und Casey McQuiston.

Wir gehen eilig aus dem Haus. Pa redet mit Ma wie eigentlich immer über Geld. Diesmal sein Lieblingsthema: Zusatzsteuern. Wiederherstellung der Fauna und der Gletscher, Säuberung des Meers, jetzt noch für den CO2-Verbrauch beim Grillabend... Draußen begrüßt uns das altbekannte Wuschwuschwuschwuschder Windräder. Die endlos hohen Säulen erheben sich überall in der Stadt. Ein Wald aus Stahl... Ehrlich gesagt fällt mir das nur auf, weil Grandma Jedes. Einzelne. Mal., wenn sie aus dem Haus geht, grummelt: "Kaum ist der Lärm der Autos aus der Welt, kommen diese Dinger zu uns!" Viele alte Menschen nehmen deswegen anscheinend auch Tabletten.

Ein Meer aus Solardächern

Ich kann es wie gesagt nicht nachvollziehen, also speichere ich, während neben mir die Schimpftirade losgeht, die Metapher, die mir gerade eingefallen ist. Seltene Worte wie "Wald" sind im Schreibkurs gern gesehen. Wir steigen ins Auto, mein Vater tippt das Ziel ein, startet den Wagen und holt dann den Gutschein aus der Tasche, den wir Grandma schenken wollen. Das ist typisch, er macht so etwas immer auf die letzte Minute. Ma liest irgendein E-Book, und ich schaue aus dem Fenster. Bea wohnt mit ihrer Familie im höheren Teil der Stadt, bei der Hausverteilung hatten sie wirklich Glück gehabt. Man kann auf die Stadt heruntersehen, auf ein Meer aus Solardächern, blau und glitzernd in der Sonne.

Irgendwann merke ich, dass Grandma mich von der Seite anschaut. "Was ist?" Sie schüttelt lächelnd den Kopf: "Nichts, nichts, mir ist nur aufgefallen, wie schön und groß du bereits geworden bist. Und bald wirst du achtzehn... Weißt du eigentlich schon, welchen Namen du annimmst? Oder bleibt es bei Alex?" Ich zucke die Schultern: "Keine Ahnung, aber meine Entscheidung wird auf jeden Fall davon beeinflusst, dass meine Eltern bei weiblich AGNES eingetragen haben!" Letzteres sage ich laut Richtung meiner Eltern, doch die lachen nur.

Drei Namen – einen für jedes Geschlecht

Über ihre Namenswahlen beschwere ich mich schon seit meinem siebten Lebensjahr, aber das ist bei meinen Mitschülern auch so. Bei der Geburt müssen alle Eltern drei Namen eintragen, einen für jedes Geschlecht, in dem ihr Kind ab da weiterleben will. Ich wechsle das Thema:"Was glaubt ihr werden bei der Feier die großen Themen sein?" Meine Mutter überlegt kurz: "Die Bibel-Umschreibung auf jeden Fall. Da stecken die gerade mitten drin, und erste Ergebnisse gibt es ja auch schon. Und Onkel Jeff ist da, gepaart mit deinem Vater wird das eine heftige... Diskussion." Grandma kichert. Die beiden Männer sind definitiv die Sturköpfe der Familie.
Pa ignoriert das: "Ich vermute der neue Weltfriedensvertrag. Bea ist ja frisch von den Konferenzen zurück, bestimmt hat sie eine Menge zu erzählen..." Ich höre den Stolz in seiner Stimme. Meine Schwester war dafür ausgewählt worden, an den Friedensverhandlungen teilzunehmen, sie ist jetzt drei Monate dafür auf Reisen gewesen. Vermutlich wird sie noch ganz schön erschöpft sein. Ich will sie trotzdem unbedingt wegen des Fluges ausfragen.

Zum Achtzehnten ein Flugticket

Flugplätze sind wegen des CO2 selten, teuer und begehrt geworden, sie durfte wegen der Arbeit jetzt das erste Mal fliegen. Damit ist sie bis auf Grandma die Erste in der Familie. Die Vorstellung, über den Wolken und einem strahlend blauen, leeren Horizont zu schweben, fasziniert mich. Deswegen verfolge ich in den Nachrichten besonders den Ingenieur-Teil. Erfinder sind kurz davor, die Flugzeuge genauso mit Strom zu betreiben wie die Autos. Wenn sie es wirklich so bald schaffen, wie sie versprechen, wünsche ich mir zum Achtzehnten ein Flugticket. Auf irgendeine dieser Inseln ohne Windräder, Autos oder WLAN-Wellen. Letzteres kann ich ehrlich gesagt nicht ganz glauben.
"In ein Klischee aus alten Zeiten zu schlüpfen, muss viel Mut erfordern."

Dann sind wir endlich da. Der Autopilot parkt ein und wir steigen aus. Bea und Mariann kommen uns entgegen, und Mariann hält Baby Cy im Arm. Seit der Geburt des Kindes hat sie beschlossen, zu Hause zu bleiben und Vollzeitmutter zu sein. Ich kann nicht anders, als sie dafür zu bewundern. In ein Klischee aus alten Zeiten zu schlüpfen, muss viel Mut erfordern. Corey kommt auch schon angerannt, das jüngste Kind von Mas Bruder Jeff. Grandma lacht, als Corey sich in ihre Arme wirft: "Na, was möchtest du diesmal wissen? Habt ihr in Geschichte wieder irgendwelche Hausaufgaben?" Corey nickt eifrig, doch dann, als die Frage erklingt, sehe ich wie Omas Gesichtsausdruck kurz merkwürdig wird, als wäre eine unangenehme Erinnerung wachgerufen worden."Oma, was ist ein Schneemann?"

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