Abiturvorbereitung

Freiburger Schüler: "Homeschooling kann den regulären Unterricht nicht ersetzen"

Nico Preikschat

Erfahrungen eines Freiburger Oberstufenschülers: Seit Wochen fällt die Schule aus, nicht zu denken ist an Schüleraustausch, die Kommunikation mit Lehrern hapert. Homeschooling ist die neue Normalität.


Seit dem 17. März sind die Schulen in Baden-Württemberg geschlossen und für Schülerinnen und Schüler ist nichts mehr normal: Digitales Lernen ersetzt den regulären Unterricht. Wie bereitet man sich da auf seinen Abschluss vor?

Nico Preikschat ist 17 Jahre alt und besucht die Kursstufe 1 eines Freiburger Gymnasiums. Nächstes Jahr macht er Abitur. Wie verläuft die erste schulfreie Zeit seines Lebens?

Es war Mittwoch, der 1. April 2020, und ich hatte wohl das erste Mal seit Jahren überhaupt keine Lust auf Ethik – mein absolutes Lieblingsfach. Dabei war der Arbeitsauftrag an diesem Tag nicht nur interessant, sondern zugleich hochaktuell: Es galt, ethisch abzuwägen, welche Covid-19-Patienten am ehesten einen Anspruch auf medizinische Versorgung haben sollten, falls das Gesundheitssystem überlastet werden würde. In Italien, Spanien und selbst im wenige Kilometer entfernten Elsass war das bereits der Fall.

Wer darf leben und wer muss sterben? Nach welchen Kriterien sollte das bloß entschieden werden? Normalerweise würden wir diese Problematik im Ethik-Unterricht gemeinsam diskutieren, und ich wäre voll dabei. Allerdings konnte von Normalität für uns Schüler keine Rede mehr sein, seit die Schulen aufgrund der Corona-Krise am 17. März geschlossen worden waren.

Digitales Lernen ersetzt seitdem den regulären Unterricht, und lebhafte Diskussionen waren faktisch unmöglich geworden. So musste sich jede Schülerin und jeder Schüler auf eigene Faust mit täglich neuen Arbeitsaufträgen auseinandersetzen, und genau dazu fehlte mir nach mehr als zwei Wochen auch in meinem Lieblingsfach schlichtweg die Motivation. Damit war ich nicht alleine: Ein Freund erzählte mir einige Tage später, dass er sich den Arbeitsauftrag nicht einmal durchgelesen hatte.

Wie ist es so weit gekommen?

Wenige Wochen zuvor sah alles noch ganz anders aus. Als mein Gemeinschaftskunde-Leistungskurs Ende Januar zu einer Exkursion nach Berlin fuhr, sprach niemand von einem drohenden Kollaps des Gesundheitssystems, in Deutschland waren gerade einmal drei Menschen mit Sars-CoV-2 infiziert. Das Coronavirus galt weitgehend als chinesisches Problem, politisch stand eher das Impeachment-Verfahren gegen US-Präsident Donald Trump im Vordergrund.

Innerhalb eines Monats veränderte sich die Situation jedoch fundamental, denn das Virus breitete sich allmählich auch in Europa aus. Eine italienische Freundin erzählte mir Ende Februar, dass ihre Schule in Turin aufgrund der Corona-Pandemie für die nächste Zeit erst einmal schließen werde, kurz darauf stand ganz Italien unter "Lockdown". Als die Infiziertenzahlen knapp zwei Wochen später auch in Deutschland und insbesondere in Baden-Württemberg rasant anstiegen, war klar, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis die ersten Freiburger Schulen ihren Betrieb einstellten.

"In meiner Stufe machte sich Euphorie breit, auch ich freute mich auf die anstehende schulfreie Zeit."

Das Deutsch-Französische Gymnasium in Littenweiler machte den Anfang: Am 8. März informierte die Schulleitung darüber, dass in nächsten beiden Wochen vorerst kein Unterricht stattfinden werde. "Für mich waren das erstmal Ferien", erzählte mir ein Freund vom DFG. Da die Schulschließung ursprünglich nur temporär galt, habe er nicht mit Arbeitsaufträgen seiner Lehrer gerechnet. "Als dann doch welche kamen, war das nicht so nice."

Am Freitag, den 13. März, verkündete die baden-württembergische Landesregierung die Schließung aller Schulen bis zu den Osterferien. In meiner Stufe machte sich Euphorie breit, auch ich freute mich auf die anstehende schulfreie Zeit. Hinter uns lagen viele anstrengende Klausuren, und die Aussicht auf "Corona-Ferien" war verlockend. Abgesehen davon waren dies die einzig vernünftige Entscheidung. Selbst wenn nur vergleichsweise wenige Kinder und Jugendliche an Covid-19 erkranken, würden sie bei einer Infektion mit dem Coronavirus unweigerlich ihre Eltern anstecken. Meine Mutter ist Asthmatikerin, mein Vater hat einen angeborenen Herzfehler - eine Corona-Infektion könnte für beide tödlich verlaufen.

"Wir sollten am Wochenende zwar keine Partys feiern, aber dafür einen weiteren Tag in der Schule verbringen?"

Umso verwunderlicher war es daher, dass die Schulen in Baden-Württemberg, anders als in weiten Teilen Deutschlands, am Montag, den 16. März, noch einmal öffneten. Wir sollten am Wochenende zwar keine Partys feiern, aber dafür einen weiteren Tag in der Schule verbringen? Das ergab überhaupt keinen Sinn. Letztendlich fehlten an diesem vorerst letzten Schultag sowieso die meisten Lehrer, sodass ich schon nach zwei Stunden wieder zuhause war. Da der Nachmittagsunterricht ebenfalls entfiel, konnte ich gemeinsam mit zwei Freunden ein letztes Mal in die Freiburger Stadtbibliothek gehen, um mich mit Lesestoff für die nächsten Wochen einzudecken.
Nico Preikschat ist 17 Jahre alt. Er leitet die Schülerzeitung an seiner Schule und sammelte durch verschiedene Praktika beim Sonntag und der BZ erste journalistische Erfahrungen. Außerdem ist er Teil des nachgefragt-Projekts, in dem Schüler Talkshows mit prominenten Gästen veranstalten. Neben der Literatur und der Philosophie interessiert ihn besonders die Politik in Deutschland, Europa und der ganzen Welt. Er schreibt als freier Autor für fudder.de

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Schwierigkeiten und Enttäuschungen

Am Tag darauf begann die erste schulfreie Schulzeit meines Lebens. Um diese Phase produktiv zu nutzen, hatte ich mir frühzeitig eine klare Tagesstruktur zurechtgelegt. Jeden Morgen stand ich um sieben Uhr auf – immerhin eine halbe Stunde später als gewohnt – , setzte mich um acht Uhr an meinen Schreibtisch und lernte bis zwölf Uhr mittags möglichst konzentriert. Daraufhin gönnte ich mir eine etwa eineinhalbstündige Pause und beendete meinen "Schultag" nach weiteren zweieinhalb Stunden um 16 Uhr. Diese Routine war extrem hilfreich, um den Anschluss nicht zu verlieren.

Genauso neuartig wie das Coronavirus war das digitale Lernen, für die Lehrer genauso wie für uns Schüler, und so verlief zu Beginn der Quarantäne alles etwas holprig. Insbesondere an der Kommunikation mit den Lehrern haperte es, denn schnell wurde klar, dass eine
E-Mail das persönliche Gespräch nur leidlich ersetzen kann. In Mathe trat dieses Problem besonders auffällig zutage: Falls ich im regulären Unterricht ein Frage habe – und das kommt recht häufig vor – , spreche ich kurz mit meiner Lehrerin darüber und kann anschließend einfach weiterarbeiten.

"Diese Absagen sind nachvollziehbar, denn der Gesundheitsschutz sollte immer an erster Stelle stehen."

Während des Homeschoolings blieb mir nur die Möglichkeit, mich schriftlich an meine Lehrerin zu wenden und erst einmal zur nächsten Aufgabe überzugehen, bevor ich nach einigen Stunden eine Antwort erhielt. Auch wenn sich viele Lehrer große Mühe gaben, uns bestmöglich zu unterstützen, ist die erschwerte Kommunikation ein großes Manko am digitalen Lern-Experiment.

Als viel einschneidender empfand ich allerdings die weniger offensichtlichen Konsequenzen der Schulschließung. Die geplante nachgefragt -Talkshow an meiner Schule war aufgrund des Infektionsrisikos abgesagt worden, ebenso unser Praktikum Ende März sowie der Besuch der kanadischen Austauschschüler Ende Juni. Diese Absagen sind nachvollziehbar, denn der Gesundheitsschutz sollte immer an erster Stelle stehen. Weniger Verständnis konnte ich für die vom Kultusministerium angeordnete, (zu) frühzeitige Absage der lang ersehnten Studienfahrten Mitte Juli aufbringen. Grundsätzlich war und ist es schmerzhaft, dass ein winziges Virus so viel zunichte machen kann.

"Ich muss zugeben, dass ich die dramatische Veränderung des alltäglichen Lebens, die längst begonnen hatte, anfangs nicht wahrhaben wollte."

Auf der anderen Seite könnte die jetzige Situation im Idealfall als Katalysator für technischen und medizinischen Fortschritt dienen. Die "neue Normalität" der Krise war gerade in der ersten schulfreien Woche schwer greifbar, Ausgangsbeschränkungen oder Kontaktverbote gab es nicht. Ich verabredete mich weiterhin mit Freunden, wir gingen gemeinsam Joggen und Mountainbiken. Die Diskussionen mit den Eltern blieben nicht aus, denn ich muss zugeben, dass ich die dramatische Veränderung des alltäglichen Lebens, die längst begonnen hatte, anfangs nicht wahrhaben wollte.

Erst die Entscheidung der Stadt, Ausgangsbeschränkungen zu erlassen, markierte einen Wendepunkt. Mittlerweile ist mir das Ausmaß der Krise bewusst, ich verabrede mich deutlich seltener und Treffen finden nur im Freien statt. Wirklich frustrierend war die teilweise unzureichende Kommunikation des Kultusministeriums – beispielsweise die Tatsache, dass die erbrachten Leistungen während der schulfreien Zeit nicht benotet werden durften. Als ich nach der ersten Homeschooling-Woche von dieser – nicht gerade sinnvollen – Regelung erfuhr, hatte ich bereits einen Vortrag per Video aufgenommen, der schon benotet worden war. Diese Leistung darf nun nicht angerechnet
werden, und das demotivierte mich.

Abitur und Politik in Zeiten von Corona

Ein Schüler aus der K2, der unmittelbar vor seinem Abitur steht, schrieb mir, dass vonseiten der Behörden "alles immer so vage gehalten" werde und "man sich somit eigentlich nie wirklich sicher sein kann, wie genau es jetzt weitergeht". Zwar bleibe mehr Zeit, um sich auf die Prüfungen vorzubereiten, die Verschiebung des Abiturs um vier Wochen sei jedoch zugleich besonders nachteilhaft, "da man die Konzentration nur noch länger oben halten muss".

"Abgesehen davon, dass meine Mutter momentan in Kurzarbeit ist, sorge ich mich vor allem um die politische Lage in der Welt."
Ich bin froh, dass ich erst im nächsten Jahr mein Abitur machen werde, denn die diesjährigen Abiturienten haben es besonders schwer. Eine Bekannte erzählte mir, dass ihre Abiturvorbereitung zwar nicht anders als geplant verlaufe, auch weil ihre Schule digital gut aufgestellt und ihre Lehrer "sehr unterstützend" seien. Gleichzeitig fühle sie sich etwas überfordert, gerade weil es im Moment wichtigeres gebe. Sich während dieser Zeit auf das Lernen zu konzentrieren, sei "nicht ganz einfach", da die Corona-Krise neben den schulischen auch wirtschaftliche Konsequenzen auf globaler und persönlicher Ebene nach sich ziehe.

Dem kann ich nur zustimmen: Abgesehen davon, dass meine Mutter momentan in Kurzarbeit ist, sorge ich mich vor allem um die politische Lage in der Welt. Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass die europäischen Grenzen geschlossen werden und das nationale Denken wieder die Oberhand gewinnt. Leider konzentriert sich auch die deutsche Politik momentan fast ausschließlich auf das eigene Land, während sich die prekäre Situation der Geflüchteten in den griechischen Lagern weiter zuspitzt und der Rechtsstaat in Ungarn ausgehöhlt wird. Andererseits stimme ich mit meiner Bekannten völlig überein, wenn sie sagt, dass sie froh sei, jetzt Angela Merkel "an Deutschlands Spitze zu haben". Denn egal ob Bolsonaro, Trump oder Lukaschenko, wer die Gesundheit der eigenen Bevölkerung mutwillig aufs Spiel setzt, um die eigene Macht zu sichern, ist als Staatschef ungeeignet.

Auch die Kriegsrhetorik à la Emmanuel Macron, der einen Virus zum "unsichtbaren Feind" verklärt, den es auszumerzen gelte, ist bedenklich. Glücklicherweise reagiert die deutsche Regierung in der Corona-Krise besonnen und nimmt den Rat der Wissenschaftler ernst – das würde ich mir auch in puncto Klimaschutz wünschen.

Perspektive für den Neubeginn

Abgesehen von den anfänglichen Schwierigkeiten und Enttäuschungen lief das Homeschooling für mich persönlich besser als befürchtet. Ich kam gut voran und hatte in den meisten Fächern kaum Schwierigkeiten, was auch daran liegen mag, dass ich recht gerne eigenständig lerne und es mir leicht fällt, konzentriert und strukturiert zu arbeiten. Und: Letzten Endes habe ich meine Ethik-Aufgaben an besagtem 1. April doch noch hinter mich gebracht, auch wenn viel es viel Überwindung kostete.

"Kürzungen der Sommerferien wären nicht nur ungerecht, sondern zugleich sinnlos."

Entscheidend ist, dass die Herausforderungen, vor welche die Corona-Krise uns Schüler stellt, angemessen berücksichtigt werden. Es muss allen Verantwortlichen bewusst sein, dass Homeschooling den regulären Unterricht bestenfalls simulieren, aber nicht ersetzen
kann. Wenn die Schule am 4. Mai wieder schrittweise öffnet, ist das Wiederholen des Gelernten sowie das Aufarbeiten des verpassten Stoffs essentiell. Kürzungen der Sommerferien wären dagegen nicht nur ungerecht, sondern zugleich sinnlos. Statt die Konsequenzen der Krise auf Schüler und Lehrer abzuwälzen, muss notfalls der Lehrplan überarbeitet werden. Ein faires Abitur, in diesem und auch im nächsten Jahr, hat oberste
Priorität.

Noch wichtiger ist allerdings, dass wir alle die Corona-Pandemie möglichst unbeschadet überstehen. Was bleibt, ist die Vorfreude auf eine Zeit nach Corona, in der man wieder voller Hingabe und Leidenschaft lernen und leben kann.