fudder-Interview

Freiburger Schlafmediziner: Corona raubt uns den Schlaf

Carolin Johannsen

Homeoffice, weniger Sport, kaum soziale Kontakte und ständige Ungewissheit: Die Corona-Pandemie wirkt sich auf unseren Alltag – und den Schlaf aus. Lukas Frase ist Funktionsoberarzt des psychiatrischen Schlaflabors der Uniklinik und erklärt, wie die Pandemie uns in den Schlaf verfolgt.

Was versteht man unter einem gesunden Schlafverhalten?

Lukas Frase: Man kann allgemein sagen: Jemand, der mit seinem Schlaf zufrieden und tagsüber einigermaßen fit ist, ist gesund. Bei Erwachsenen betrachtet man deshalb einen Schlafbedarf zwischen fünf und zehn Stunden als normal, bei berufstätigen Menschen sind es etwa 7,5 Stunden pro Nacht. Das kann aber individuell unterschiedlich sein. Bei gesundem, normalem Schlaf erwarten wir, dass sich die verschiedenen Schlafphasen abwechseln und man bei einer durchschnittlichen Schlafmenge von sechs bis acht Stunden tagsüber eine Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit hat, dass man den Alltag meistern kann, ohne dabei einzuschlafen.

"Biologisch gesehen ist der wichtigste Stabilisator unseres Schlaf-Wach-Rhythmus Tageslicht." Lukas Frase

Wer wird im Schlaflabor untersucht?

Im Schlaflabor untersuchen wir Patienten mit Schlaf- und Müdigkeitsproblemen, die nicht direkt mit internistischen Erkrankungen verbunden sind. Das sind Menschen mit verschiedenen neurologischen oder psychiatrischen Krankheitsbildern, beziehungsweise mit dem Verdacht, dass ein solches mit Schlafrelevanz vorliegen könnte. Am häufigsten behandeln wir chronische Schlaflosigkeit, die sogenannte Insomnie. Die häufigste neurologische Erkrankung, die wir untersuchen, ist das Syndrom periodischer nächtlicher Beinbewegungen.

Was kann unser Schlafverhalten beeinflussen?

Schlaf ist ein sehr ursprünglicher Prozess und als Grundfunktion unseres Lebens recht stabil. Er muss aber anpassungsfähig an unseren Alltag sein. Die Grundfaktoren Ernährung, Fortpflanzung, Stress und Gefahr nehmen da am meisten Einfluss. Insbesondere Essgewohnheiten beeinflussen Rhythmen stark. Wenn ich mir angewöhne, nachts zu essen, wird mein Körper mich dann wecken, damit ich die Essenszeit nicht verpasse. Ähnlich ist es mit sozialer Interaktion. Man will den Anschluss an seine Gruppe nicht verpassen. Wenn man also weiß, dass während Nacht- und Schlafphasen soziale Angebote bestehen, hat der Körper einen Reiz, Wachheit zu ermöglichen, um daran teilzunehmen. Gerade der Konsum sozialer Medien kann sich deshalb hinderlich auf das Einschlafen auswirken. Ganz ursprünglich gesehen muss man in der Lage sein, das Schlafverhalten zu unterdrücken, um auf Stress und Gefahr zu reagieren. Deswegen sind Phasen mit erhöhter Anspannung und vermehrtem Stress- und Gefahrerleben mit leichterem und oberflächlicherem Schlaf verbunden. Biologisch gesehen ist der wichtigste Stabilisator unseres Schlaf-Wach-Rhythmus Tageslicht.
Zur Person:

Dr. Lukas Frase, 36, ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Schlafmediziner und seit 2017 Funktionsoberarzt im Schlaflabor der Uniklinik in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Er hat in Freiburg promoviert und ist seit 2012 in der Uniklinik tätig.

Wie hat sich unser Schlaf durch die Pandemie verändert?

Man kann schon sagen, dass Corona uns den Schlaf raubt. Es gibt viele Risikofaktoren, die wir aus anderen Konstellationen kennen, die jetzt in der Coronapandemie zusammentreffen. Die aktuelle Situation hat somit das Potenzial, Schlafstörungen auszulösen und zu verstärken. Wir haben in vielen Bereichen die Aufhebung unserer bisherigen Rhythmik, beispielsweise durch Homeoffice. Stabilisierende Faktoren wie soziale Interaktion fallen jetzt weg und durch die Ausgangsbeschränkungen haben viele Menschen eine reduzierte Sonnenlichtexposition und eine Reduktion von Sport. Das alles hat Einfluss auf den Schlafrhythmus. Andererseits kann man, wenn die äußeren Rhythmen weniger Einfluss haben, mehr seinem inneren Schlafrhythmus entsprechen und dadurch einen gewissen Benefit erreichen. Man geht also eher erst zu der Uhrzeit ins Bett, zu der man Müdigkeit erlebt, weil man entsprechend länger schlafen kann.

"Wenn man sich dauerhaft Stress und Gefahr ausgesetzt fühlt, ist der Schlaf oberflächlicher, um auf potenzielle Gefahren reagieren zu können."Lukas Frase

Ist unsere Schlafqualität seit Corona anders?

Plausibel wäre, dass viele Menschen im Moment einen oberflächlicheren oder gestörteren Schlaf erleben. Insbesondere jüngere Menschen scheinen aktuell davon betroffen zu sein. Das kommt einerseits durch den Wegfall von Rhythmusfaktoren und andererseits durch ein erhöhtes Stress- und Gefährdungserleben. Wenn man sich dauerhaft Stress und Gefahr ausgesetzt fühlt, ist der Schlaf oberflächlicher, um auf potenzielle Gefahren reagieren zu können.

Welche Auswirkungen hat Stress auf den Schlaf?

Stress ist im Kern ein Phänomen, das den Körper dazu veranlasst, auf Gefahren reagieren zu können. Das ist mit Schlaf nicht vereinbar. Wenn ich stark gestresst bin, ist es deshalb schwieriger, den Wechsel in den tiefen Schlaf zu finden. Menschen mit chronischer Insomnie leider unter einem dauerhaft erhöhten Stressniveau. Das war schon vor der Pandemie ein sehr häufiges Krankheitsbild und wir haben die Sorge, dass die Häufigkeit jetzt noch zunimmt.

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Schlaf und allgemeiner Gesundheit?

Die finale Frage "Warum schlafen wir eigentlich?" ist bis heute noch nicht abschließend geklärt. Schlaf ist zum Beispiel wichtig für das Lernen und Speichern von Informationen. Schlaf hat eine gewisse Erholungsfunktion, um die Reaktionsfähigkeit am Tag aufrecht zu erhalten. Es gibt außerdem regulatorische Prozesse von Schlaf, die sich auf alle Organe im Körper auswirken und auch das Immunsystem scheint davon betroffen zu sein. Wir wissen zum Beispiel, dass die chronische Insomnie als Risikofaktor für psychische Erkrankungen oder auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen relevant wird.

"Außerdem sollte man das Bett wirklich nur zum Schlafen nutzen."Lukas Frase

Was kann man selbst tun, um seinen Schlaf zu verbessern?

Ich würde empfehlen, bei der Schlafdauer dabei zu bleiben, wo man vor der Pandemie war. Bei Schlafenszeiten sollte man sich nach den individuellen Bedürfnissen richten, da man jetzt die Chance dazu hat. Außerdem sollte man das Bett wirklich nur zum Schlafen nutzen, damit die Konditionierung der Schlafumgebung nicht verloren geht. Ich würde zudem darauf achten, dass man die Vormittagsstunden für körperliche Aktivität draußen nutzt. Soziale Kontakte kann man durch technische Hilfen aufrechterhalten, sollte den Medienkonsum aber gerade bevor man ins Bett geht, reduzieren. Abends sollte man eher leichtere Mahlzeiten zu sich nehmen.

Wann muss eine Schlafstörung behandelt werden?

Die entscheidende Frage ist, wie sehr ich darunter leide, also ob es eine relevante Alltagsbeeinträchtigung darstellt – wenn ich mich beispielsweise so müde fühle, dass ich mich nicht mehr konzentrieren kann oder mein Gefühlsleben nachhaltig gestört ist. Von einer Insomnie spricht man, wenn die Probleme mindestens dreimal pro Woche auftreten und über einen Zeitraum von mindestens einem Monat andauern.