Kunst

Freiburger Künstlerin hält Leistungsgesellschaft mit Zeitsparmaschine Spiegel vor

Jennifer Fuchs

Die Gesellschaft fordert viel Leistung in kurzer Zeit. Mit diesem Thema hat sich auch die Designerin Tanja Unger aus Freiburg auseinandergesetzt und eine sogenannte Zeitsparmaschine gebaut. Doch wie kommt man auf so eine Idee und wie sieht so eine Maschine aus?

Tanja, was hat dich dazu bewegt, diese Maschine zu bauen?

Tanja: Die Idee hatte ich schon 2017 bei einem Wettbewerb in Halle, wo es um das Thema "Zeit" ging. Dort entwickelte ich erste Entwürfe meiner "Zeitsparmaschine". Das Thema Zeit in Verbindung mit dem Leistungsdruck unserer heutigen Gesellschaft beschäftigen mich schon eine ganze Weile. Für die Ausstellung "Zeit, Freiheit und Kontrolle" vom Uhrenindustriemuseum in Villingen-Schwenningen habe ich vergangenes Jahr meine Anfangsidee von der Zeitsparmaschine weiterentwickelt. Ich habe sie innerhalb von sechs Wochen gebaut. Meine Zeitsparmaschine wurde von Mai 2019 bis Anfang dieses Jahres im Museum ausgestellt. Und dann kam Corona.

"Der Benutzer wird in der Maschine zur Maschine." Tanja Unger

Was genau kann deine Maschine und wie funktioniert sie?

In erster Linie ist es ein Rohmodell und ein humorvolles Kunstobjekt. Die heutige Gesellschaft fordert Effizienz und Multitasking. Aber auch Freizeitaktivitäten, Ernährung und menschliche Bedürfnisse müssen durchgeplant werden. Mit der Zeitsparmaschine funktionieren diese alltägliche Dinge auf einmal, an einem Ort und der Benutzer spart dadurch Zeit. So kann man zum Beispiel gleichzeitig Nahrung zu sich nehmen, Zähne putzen, bekommt Zuwendung und Unterhaltung, macht Sport und arbeiten tut man natürlich auch noch. Der Benutzer wird in der Maschine zur Maschine. Der Mensch handelt also nicht mehr eigenständig, sondern die Maschine übernimmt seinen Alltag für ihn. Was auf den ersten Blick humorvoll wirkt, beschäftigt sich tiefergehend mit der Frage, was passiert, wenn wir uns zu sehr von der immer fortschreitenden Technik leiten lassen und wie sich der immer stärker werdende Leistungsdruck auf unser Leben auswirkt.
Zur Person:

Tanja Unger, 34, wohnt in Freiburg und ist Designerin für Produkt, Raum und Modell. Sie hat Innenarchitektur in Stuttgart und Halle studiert, sowie an mehreren Ausstellungsprojekten mitgewirkt. Seit 2015 betreibt sie ihr eigenesAtelier Unger wo sie als freiberufliche Designerin tätig ist und arbeitet zusätzlich noch als Lehrbeauftragte. Nach der Pandemie möchte sie gerne humorvolle Vorträge zur Zeitspanne-Effizient anbieten.
  • Atelier Unger: Web

Wie reagieren denn die Betrachter auf dein künstlerisches Objekt?

Die meisten müssen darüber schmunzeln. Freunde von mir, die die Entwürfe schon kannten, meinten: "Tanja, ernsthaft? Diese verrückte Maschine hast du jetzt echt gebaut?" Also die meisten Leute nehmen meine Maschine sehr mit Humor. Aber ich hatte auch schon einige Gespräche darüber und auf den zweiten Blick finden es manche doch erschreckend, da sie begreifen, dass wir von dem Zustand der Zeitsparmaschine gar nicht mehr so weit entfernt sind.

Was willst du mit deiner Maschine vermitteln?

Ich finde die Vorstellung schlimm, dass die Technik und der Materialismus über persönlichen Treffen und menschlichen Emotionen stehen. Gerade jetzt wird das deutlich. Was ist das menschliche Miteinander wert im Gegensatz zu Technik und Leistung? Was bedeutet für uns Kultur, persönliche Treffen und zusammen Zeit zu verbringen? Ist es wichtig, eine Uhr zu haben, die mir vorgibt, wie mein Schlafrhythmus zu sein hat und wie viel Schritte ich am Tag noch gehen soll? Klar, die rasante Entwicklung der Technik bringt auch viele Vorteile, aber für welchen Preis? Diese Denkanstöße spielen auf jeden Fall in meine Arbeit mit rein.

"Es gibt auch einige Bereiche, die einem noch größeren Leistungsdruck in kurzer Zeit ausgesetzt sind."Tanja Unger

Wie stehst du zur technischen Schnelllebigkeit unserer heutigen Gesellschaft?

Ich denke, es bringt viele psychologische Folgen mit sich, wenn man nur noch vorm Handy oder dem Laptop sitzt. Gerade bei jungen Menschen findet viel zu viel Kommunikation digital statt. Aber was macht es mit unseren emotionalen Fähigkeiten wenn die persönlich Kommunikation verloren geht? Gerade jetzt, während der Pandemie, sehen wir wie wichtig echte soziale Kontakte sind und das selbst die neuste Technik, dies nicht ersetzen kann.

Durch Corona wurde unser Leben in vielen Bereichen entschleunigt. Siehst du darin einen Ansatz zum Umdenken?

Entschleunigt würde ich nur teilweise sagen. Es gibt auch einige Bereiche, die einem noch größeren Leistungsdruck in kurzer Zeit ausgesetzt sind, wie zum Beispiel in Krankenhäusern, Supermärkten oder Schulen. Ich denke, dass vielen Menschen durch das Home Office jetzt bewusst wird, dass einige Berufe von den Arbeitszeiten her nicht mehr zeitgemäß sind und das eine bessere Work-Life-Balance her muss. Ein weiterer Punkt ist, dass wir auch noch in der Freizeit von Termin zu Termin eilen, sondern dass es auch mal ok ist, nichts zu tun. Ich denke wir sollten uns öfters fragen, was wirklich sein muss und unsere Zeit, sowohl im Beruf als auch privat, effektiver nutzen.