Kundgebung

Freiburger Krankenpfleger: "Es gibt eine große Frustration"

Gina Kutkat

Auf Applaus folgt Wut: Das Netzwerk Solidarisches Gesundheitswesen Freiburg ruft zu einer Protestaktion auf dem Platz der Alten Synagoge auf. Jakob Schautt erklärt, warum Beschäftigte im Gesundheitswesen frustriert sind.

"Wut statt Applaus" heißt die Aktion, mit der Sie und andere Protestierende am Mittwoch auf die Straße gehen. Worüber sind Sie so wütend?

Es gab eine Zeit für Applaus in der Corona-Krise, aber jetzt müssen Konsequenzen her. Die Beschäftigten im Gesundheitswesen sind wütend über die Zustände im Gesundheitssystem – und alle anderen sollten das auch sein. Das Gesundheitswesen ist mittlerweile eine Spielwiese für Finanzinvestoren. Dabei stehen nicht mehr die Bedürfnisse von Beschäftigten oder Patienten im Vordergrund, sondern Profit. Den Beschäftigten zu applaudieren reicht nicht, man muss jetzt mit ihrem Kampf für bessere Arbeitsbedingungen solidarisch sein.

Zu Beginn der Corona-Pandemie gab es viel Aufmerksamkeit und Applaus für die Beschäftigten in Gesundheitsberufen. Wie sieht es heute aus?

Viel ist von dem Applaus nicht übriggeblieben, bei den Beschäftigten gibt es eine große Frustration. Es ist wieder nichts Grundlegendes passiert, obwohl am Anfang Bonuszahlungen angekündigt wurden. Die hat aber nur ein Teil bekommen. Es gab zwar große Solidarität mit den Menschen, die "an der Front" gegen das Coronavirus gekämpft haben. Verbesserungen im Gesundheitssystem, in dem seit Jahren gravierende Missstände bekannt sind, hat es nicht gegeben.

"Das Gesundheitswesen ist mittlerweile eine Spielwiese für Finanzinvestoren."

Welches sind die gravierendsten Mängel im System?

Das grundlegende Problem ist die Ökonomisierung. Durch das Fallpauschalensystem, das Patienten mit Diagnosen in "Fallgruppen" gruppiert und diese dann pauschal vergütet, gibt es eine gleichzeitige Unter-, Über- und Fehlversorgung. Dieser Kostendruck führt dazu, dass Patienten nicht adäquat behandelt und ohne Rücksicht auf soziale Verhältnisse frühzeitig entlassen werden. Bei Hüft- und Kniegelenkersatzoperationen besteht eine massive Überversorgung und gleichzeitig wird am Personal gespart, wodurch die Arbeitsbelastung ins Unermessliche steigt.

Eine Ihrer konkreten Forderungen ist die Abschaffung der Fallpauschalen. Was ist daran so problematisch?

Fallpauschalen heißen auch Diagnosis Related Groups, kurz DRG. Dabei handelt es sich um ein Preissystem, bei dem Krankenhäuser für die Behandlung von bestimmten Erkrankungen eine pauschale Vergütung bekommen. In diesen Pauschalen berücksichtigt werden vor allem Operationen und Diagnostik, Zeit und Zuwendung für den Patienten sind nicht abgebildet. In den letzten Jahren ist dadurch folgende Marktlogik entstanden: Als Krankenhaus muss man möglichst viele Patienten behandeln, die sich wirtschaftlich lohnen.

Und zwar mit möglichst wenig Personal in möglichst kurzer Zeit. Das ist schlecht für das Personal, da es nur noch ein Kostenfaktor ist und es ist schlecht für die Patienten, da sie von den Krankenhäusern nur noch aufgrund von Erlösaspekten ausgesucht und behandelt werden. Es gibt also gleichzeitig immer mehr unnötige Eingriffe und eine Unterversorgung in anderen Bereichen.

Am Mittwoch findet auch die Gesundheitsministerkonferenz in Berlin statt. Wie wollen Sie Ihren Forderungen Gehör verschaffen?

Durch gleichzeitige Aktionen in vielen verschiedenen Orten wollen wir die Gesundheitsminister dazu bringen, dass jetzt endlich Konsequenzen aus den Erfahrungen gezogen werden, die man während der Corona-Krise gemacht hat. Denn die Pandemie hat gezeigt, dass dieses profitorientierte System für den Krisenfall total ungeeignet ist, weil Vorkehrungen für den Krisenfall nicht gegenfinanziert werden. Das hat zu gefährlichen Engpässen bei Schutzmasken, Isolationsbetten und Beatmungsgeräten geführt.

"Wir brauchen eine staatliche Steuerung und können nicht alles dem Markt überlassen."

War die Corona-Pandemie fördernd für Ihre Anliegen?

Ich gehe schon davon aus, weil sich jetzt auch Akteure wie die Deutsche Krankenhausgesellschaft gegen die Fallpauschalen ausgesprochen haben. In der Pandemie haben viele gemerkt, dass man so nicht weiterkommt. Wir brauchen eine staatliche Steuerung und können nicht alles dem Markt überlassen. Die Diskussion darüber ist jetzt so aktuell, wie sie schon lange nicht mehr war. Es ist ein Möglichkeitsfenster aufgegangen für eine solidarische Finanzierung für das Gesundheitswesen.
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Wer nicht im Gesundheitswesen arbeitet und trotzdem unterstützen will – wie kann man das tun?

Erstmal kann man an unserer Aktion teilnehmen und dort seine Solidarität für die Beschäftigten in Gesundheitsberufen kundtun. Es geht aber auch darum, in der öffentlichen Debatte die Forderungen der Beschäftigten in der Tarifrunde im öffentlichen Dienst zu unterstützen. Ich finde es eine Frechheit, dass in der Corona-Krise ständig von den systemrelevanten Berufen geredet wurde, die alles am Laufen halten. Und jetzt heißt es in der Tarifrunde im öffentlichen Dienst, die Forderungen von Gewerkschaften seien unanständig, weil kein Geld da ist. Diese Berufe sind systemrelevant und für unser aller Überleben notwendig – und müssen deswegen auch gut bezahlt werden.
Jakob Schautt, 26, ist gelernter Gesundheits- und Krankenpfleger und engagiert sich seit Längerem im Netzwerk Solidarisches Gesundheitswesen Freiburg.

Das Netzwerk Solidarisches Gesundheitswesen Freiburg ist im Großraum Freiburg aktiv und vernetzt verschiedene Gruppen und Einzelpersonen. Alle zwei Wochen gibt es mittwochs um 19 Uhr eine Videokonferenz.


Was: Kundgebung Wut statt Applaus

Wann: Mittwoch, 30. September, 18 Uhr

Wo: Platz der Alten Synagoge, Freiburg