fudder-Interview

Freiburger Jungprofessorin erklärt, wie wir nachhaltiger leben können

Christina Braun

"Weniger ist mehr": Die Freiburger Nachhaltigkeitsforscherin Sina Leipold erklärt im fudder-Interview, wie unsere Gesellschaft langfristig nachhaltig werden kann und wieso ein Plastiktüten-Verbot nur ein punktueller Schritt ist.

Sina Leipold ist Jungprofessorin für Nachhaltigkeitsforschung an der Universität Freiburg und beschäftigt sich mit gesellschaftlicher Transformation und Kreislaufwirtschaft. Aktuell untersucht sie unter anderem die Umweltbelastung durch Verkaufsverpackungen. fudder hat mit ihr darüber gesprochen, wie unsere Gesellschaft dauerhaft nachhaltiger werden kann und welche Rolle Plastikverpackungen und Fleischkonsum dabei spielen.


Als Nachhaltigkeitsforscherin in Freiburg beschäftigen Sie sich unter anderem mit dem Konzept der Kreislaufwirtschaft. Was versteht man darunter?

Sina Leipold: Wir haben heute eine Wirtschaft, die Ressourcen aus der Umwelt extrahiert und verarbeitet, damit wir sie konsumieren können. Nach dem Konsum werden diese Ressourcen zu Müll oder Emissionen, die wiederum von der Umwelt aufgenommen werden müssen. Das Konzept der Kreislaufwirtschaft will die gewonnenen Materialien so lange wie möglich in der Gesellschaft halten, indem man die Lebensdauer der Produkte verlängert, sie recycelt oder wiederverwendet. Ziel ist es, den Ressourcenverbrauch und das Müllaufkommen einzudämmen.

Im November 2019 hat die Bundesregierung ein Verbot jener Plastiktüten beschlossen, die es in vielen Läden an der Kasse gibt. Sobald das Gesetz den Bundestag und den Bundesrat passiert hat, soll es nach einer sechsmonatigen Übergangsfrist in Kraft treten. Ein Schritt in die richtige Richtung?

Das Gesetz ist ein guter erster Schritt, weil es versucht, den Verbrauch von Plastik einzudämmen. Gleichzeitig ist es aber auch eine sehr punktuelle Lösung, weil es dazu führt, dass die Leute auf andere Materialien wie Papier, Jute, Wellpappe-Kisten ausweichen, die natürlich auch ökologische Auswirkungen zur Folge haben. Eine reine Substituierung von Plastik durch andere Materialen wird nicht zu einer nachhaltigeren Gesellschaft führen.

Wo liegt das Problem?

Laut einer Studie des Umweltbundesamts ist das Verpackungsaufkommen mit 226,5 Kilo pro Jahr in den letzten Jahrzehnten extrem angestiegen. Viele Verpackungen haben nur noch ästhetische Gründe oder sind häufig überdimensioniert und erfüllen kaum mehr ihre eigentliche Funktion. Deshalb ärgern sich Konsumenten häufig sogar über Verpackungen, wie die Aktion "Verpackungsärger" der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen zeigt, wo Konsumenten unnötige Verpackungen oder zu groß geratene "Mogelpackungen" einsenden können.

Von welchen Ländern kann Deutschland in dieser Hinsicht noch etwas lernen?

Ein Beispiel, dass ich gerne nenne, ist Indien. Dort gibt es sehr viel Verpackungen aus Edelstahl oder gepressten Pflanzen. Edelstahl ist ein sehr robustes und langlebiges Material und Pflanzen sind biologisch abbaubar. Allerdings ist Indien kein generelles Paradebeispiel, weil dort, nach westlichem Vorbild, Produkte nun auch immer öfter in Plastik verpackt werden.

"Ein guter Konsument ist ein politisch aktiver Konsument, der sich dafür einsetzt, dass wir gesamtgesellschaftliche Lösungen entwickeln und nicht von täglichen Einzelentscheidungen im Supermarkt abhängig sind." Sina Leipold

Welche Rolle spielt der Konsument, wenn es um das Erreichen von Nachhaltigkeitszielen geht?

Viele Studien der letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass konsumgesteuerte Nachhaltigkeit zum Beispiel über Verbrauchersiegel wie Bio-, Fairtrade- oder Gütesiegel extrem schwierig umzusetzen ist. Einerseits ist die Vielzahl der Siegel kaum mehr zu überblicken oder vergleichbar für den normalen Einkäufer und meist nur eine Auswahl an Produkten verfügbar – was eine informierte Kaufentscheidung kaum praktikabel macht. Andererseits standen verschiedene Verbrauchersiegel immer wieder in der Kritik, zum Beispiel wegen Fälschungen, zu lascher Kontrollen oder schwacher Standards. Gleichzeitig wird sehr viel Druck auf das Individuum ausgeübt. Und das, obwohl sich nachweislich nicht jede soziale Gruppe zum Beispiel Biolebensmittel leisten kann. Nicht zuletzt führen Verbrauchersiegel deshalb teilweise auch zu sozialer Ausgrenzung. Ein Effekt, der für eine ökologisch und sozial nachhaltige Gesellschaft nicht wünschenswert ist.

Müssen die Lösungen für eine nachhaltigere Gesellschaft also von "oben" kommen?

Ich glaube, dass wir gesamtgesellschaftliche Lösungen brauchen. Deshalb ist mein Leitspruch: ein guter Konsument ist ein politisch aktiver Konsument, der sich dafür einsetzt, dass wir gesamtgesellschaftliche Lösungen entwickeln und nicht von täglichen Einzelentscheidungen im Supermarkt abhängig sind.

Ganz provokant gesagt: Auch wenn ich zuhause mein Brot in ein Bienenwachstuch packe und im Supermarkt die Finger von Plastik lasse, hat das am Ende sowieso keine Auswirkung?

Das würde ich nicht sagen, eine Auswirkung hat das sicherlich. Ich glaube aber, dass nicht unbedingt die einzelne Kaufentscheidung etwas bewirkt, sondern vielmehr, die dadurch erzeugte Aufmerksamkeit in den Medien, die Firmen dazu bewegt, neue Lösungswege zu suchen und Markttrends anschlägt. Das kann aber auch problematisch sein.

Inwiefern?

Heute ist es sehr "in" statt Plastikverpackungen Papier zu verwenden, denn es wird angenommen, dass Papier grundsätzlich nachhaltiger ist. Das muss aber nicht generell so sein. Grundsätzlich ist die Nachhaltigkeit von Verpackungen von ganz vielen Faktoren abhängig wie zum Beispiel dem Gewicht oder der Art der Herstellung und der Verwendung. Die Entscheidung was besser ist, müsste eigentlich für jedes Produkt ganz individuell bestimmt werden. Als einzelner Konsument kann man das nicht alles durchschauen.

"Es gibt Statistiken, die zeigen, dass wir generell mehr konsumieren als früher." Sina Leipold

Gibt es trotzdem eine Faustregel für nachhaltigen Konsum?

Eine Faustregel ist vielleicht: "Weniger ist mehr". Es gibt Statistiken, die zeigen, dass wir generell mehr konsumieren als früher. Dabei sind viele Menschen von der Fülle der Dinge, die sie haben, überfordert. Ich glaube, es ist kein Zufall, dass seit einigen Jahren TV-Shows zur "Entrümpelung" der eigenen vier Wände oder zu minimalistischen Lebensstilen sehr beliebt sind. Auch nutzen viele Menschen heute alternative Konsumformen. Es gibt zum Beispiel Initiativen, um Kleidung, Werkzeuge oder Autos zu teilen oder auszutauschen. Außerdem rate ich zu einer gesunden Skepsis gegenüber Verbrauchersiegeln, denn nicht wenige standen immer wieder in der Kritik wegen ihrer Standards oder Kontrollen. Zudem haben viele Kleinbauern aus Kostengründen keinen Zugang zu Verbrauchersiegeln. Nur weil auf einem Produkt kein Verbrauchersiegel ist, heißt das nicht, dass das Produkt automatisch ökologisch oder sozial schlechter ist.

Mit welchen gesamtgesellschaftlichen Lösungsansätzen können wir unsere Gesellschaft auf Dauer nachhaltiger machen?

Wir könnten zum Beispiel unser Steuersystem umbauen und Ressourcen stärker besteuern als Arbeit. Dann würde sich Reparatur wieder lohnen und wir würden weniger Wegwerfen. Auch könnten wir unseren Fokus auf die größten Treibhausgasproduzenten setzen, wie zum Beispiel die Tierwirtschaft. Eine unserer aktuellsten Studien zeigt, dass die Förderung eines nachhaltigeren Ernährungsstils großen Einfluss auf unseren ökologischen Fußabdruck hätte. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt beispielsweise nur noch die Hälfte der tierischen Lebensmittel zu essen, die aktuell konsumiert werden – aus rein gesundheitlichen Gründen. Würde man diesen Ernährungsstil politisch fördern, beispielsweise durch eine strengere Tierhaltungsbedingungen, Vorgaben für Kantinen und Fleischsteuern, würde das nicht nur Gesundheitskosten einsparen, sondern auch der Umwelt wäre geholfen. Das heißt nicht, dass wir alle Vegetarier werden müssen, sondern unseren Fleisch- und Milchproduktekonsum lediglich etwas einschränken müssten.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit für Ihren privaten Konsum?

Für mich ist das wichtigste, die Sachen zu nutzen, die ich konsumiere – und zwar so viel und so lange wie möglich. Ich versuche auch soweit es geht, auf tierische Lebensmittel zu verzichten, weil diese eben einen weitaus größeren ökologischen Fußabdruck hinterlassen als andere Lebensmittel. Ansonsten treffe ich auch manchmal pragmatische Entscheidungen. Generell denke ich, dass man von niemandem erwarten kann, dass er immer alles "richtig" entscheidet.