Interview

Freiburger HipHop-Band Endlessstory: "Bei Beats sind wir ganz schwierig"

Tim Pföhler & Jannik Grimmbacher

Die Jungs von Endlessstory haben ihre neue EP "TIN¥" rausgebracht. fudder hat mit Mighty99, Steamboat und Favela von der Freiburger Rap-Formation über das neue Tape, ihren Auftritt am Freitag in Freiburg und Hip-Hop gequatscht.

Wer seid ihr?

Mighty99: Wir sind die Endlessstory oder auch die Story.
Favela: Genau. Und wir machen HipHop.
Steamboat: Die Endlessstory hat sich 2014 aus Mighty99, Favela, Steamboat aka DieselJ und Sloe gegründet. 2015 kam dann noch Delisk dazu.

Auf was habt ihr bei "TIN¥" besonderen Wert gelegt?

Mighty99: Beats!
Steamboat: Bei Beats sind wir ganz schwierig. Für uns war die schlimmste Phase als wir wussten, wir wollen nicht mehr auf Standardbeats rappen, aber auch selbst noch nicht produzieren konnten.
Favela: Wir haben schon immer viel Peter Fox gepumpt. Was man von ihm gut lernen kann: Egal was Du sagen willst… Wenn Du das mit einer gewissen Wortgewalt rüberbringst – das ist das Entscheidende.
Steamboat: Ich find’s geil, wenn banale Themen stark erzählt werden. Das ist mir viel lieber, als wenn man versucht, krasse Politikthemen in einen winzig kleinen 16er zu quetschen.



Warum "TIN¥"?

Mighty99: Die Platte spannt einen Bogen von den zwei eher selbstüberschätzenden Tracks "Eschholzstraßenanthem" und "ballern" zum deeperen bzw. kleineren Thema auf "Light Me Up". Und der Track "TIN¥" ist auch im Tape der Übergang zwischen diesen beiden Welten.
Steamboat: Die ganze Gruppe kommt halt auch aus einer sehr beständigen Freundschaft. Und die Themen stammen immer aus unserem eigenen Kosmos. Und der ist halt einfach klein.
Mighty99: Aber darin auch irgendwie wieder groß.

Der erste Track der EP – euer Representer – heißt "Eschholzstraßenanthem". Was bedeutet die Eschholzstraße für euch?

Mighty99: Der Stühlinger ist einfach so, wie ich Freiburg haben will.
Favela: Dort mischt sich halt der broke Student mit dem Andreas, der 52 ist und hier schon seit 20 Jahren wohnt. Auch wenn die Leute langsam wegziehen, was schade ist. Aber diese Mischung macht das Viertel schon auch aus.
Steamboat: Da sind wir schon oft betrunken lang gelaufen und haben alle möglichen Leute kennengelernt. Wir sind ja jetzt auch nicht die coolsten Straßenhänger und haben uns dort dementsprechend auch schon öfter Stress eingehandelt.
Favela: Deswegen ist der Track auch gut getroffen, es ist nicht nur "wir sind die Geilsten". Sondern auch bisschen so: "Gebt uns halt aufs Maul. Wir hängen hier trotzdem rum."

(In der Bar läuft gerade "Blinding Lights" von The Weeknd)

Favela: Den Song find ich sehr geil. Ich bin zwar kein großer The Weeknd-Fan aber dieser dancige Beat macht Bock, sich zu bewegen. Da denkt man, der ist aus den 80ern.
Endlessstory

Die Band besteht aus: Mighty99 (Sebastian Türemis), Steamboat (Joshua Büchler) und Favela, Sloe und Delisk

Was feiert ihr denn zur Zeit so für Musik?

Favela: Kanye West.
Steamboat: Voll.
Mighty99: "Mrs. Robinson" von Simon & Garfunkel. Wenn ich mal wieder nach einer drei Stunden Flixbus-Fahrt nach Stuttgart total fertig bin, lässt mich dieser Song wieder an die Welt glauben. Oder Tua. Kennt ihr das, wenn ihr eure Musik in der Bahn hört und einfach jedem in diesem Zug wünscht, diese Musik zu hören?
Favela: Niemand sollte sterben ohne Tua gehört zu haben.

(Alle nicken zustimmend.)

Durch Spotify und Soundcloud ist das Veröffentlichen von Musik viel einfacher geworden. Was ist euer Plan, um aus der Masse heraus zu stechen?

Favela: Wir sind ja auch nicht realitätsfern. Damit super reich zu werden, ist eine ganz geile Vorstellung. Sind wir realistisch, dann wird’s wahrscheinlich nix. Was wir machen können, ist: (zeigt auf Mighty99) er studiert Musikmanagement, (zeigt auf Steamboat) er beschäftigt sich Tag ein, Tag aus mit Beats. Wir haben einen anderen, der die ganze Zeit an Beats sitzt, Delisk ist genauso. Ich versuche, zu schreiben so viel ich kann. Und das ist das, was wir machen können.
Steamboat: Also es ist ja jetzt schon ganz geil. Wir gehen auf Tour in verschiedenen Städten. Auch wenn wir noch nicht davon leben können, geht’s schon wirklich um’s Musik machen. Und wir spielen lieber zehn Jahre lang kleine Touren als jetzt einmal ganz dick "Splash!" und dann wieder: "Ciao, das wars mit dir".
Mighty 99: Wichtig ist das gesunde Wachstum, wie im Freiburger Fußball. Wir lernen quasi Musik als Handwerk. Wir haben drei Leute, die geile Beats bauen können und in einer halben Stunde einen ordentlichen 16er schreiben. Und wenn du dann ein gewisses Level erreichst, sind diese Skills schon da.
Steamboat: Wir machen ja auch kein Geheimnis draus. Natürlich wollen wir diejenigen in Freiburg sein. Dass man eines Tages zuerst an uns denkt, wenn man an die Freiburger Raplandschaft denkt.

Was stört euch an der deutschen Raplandschaft?

Steamboat: Zum Teil ist es einfach eine ausgedachte Welt. Es gibt Leute, die holen sich 10 Gramm und ein Messer und denken sich dann "Alter, jetzt bin ich ready Mann! Morgen bin ich in der Modus Mio Playlist!"
Favela: In dem Sinne schon sinnvoll, dass wir 2019 nicht groß geworden sind.
Mighty 99: Wir überspitzen natürlich. Aber wenn wir über Straße reden, dann meinen wir nicht, dass wir ticken am Block oder so, sondern dass wir harte Zeiten hinter uns haben. In denen man zum Beispiel nicht wusste, wo man pennt. Oder in denen man auch mal was verkaufen musste, damit irgendwie Geld reinkommt. War halt einfach so.

Also eine Lebensrealität, über die ihr euch aber nicht definiert?

Mighty 99: Genau. Jeder Junge von der Straße redet mit uns und merkt, dass wir keine Almans sind. Wir haben aber über die Zeit gelernt, den Mund nicht zu voll zu nehmen. Und Leuten, die schlimme Erlebnisse gehabt haben, muss man auch anders gegenüber auftreten. Da kann man nicht das Maul aufreißen, sondern da muss man empathisch sein.
So ein André aus Brandenburg, der gar keine Berührungspunkte mit Straßenkultur hat, der würde sich über eine Diskussion über Street Credibility wundern. Könnte sich aber mit unserem Standpunkt dazu wahrscheinlich genauso gut identifizieren wie ein junger Geflüchteter aus Afghanistan.

Wie ist euer Gefühl jetzt kurz vor der Tour?

Mighty 99: Ich fühl mich dort angekommen, wo ich es jetzt gerne hätte. Wir können mit unseren Freunden durch Deutschland ziehen und das machen, was wir lieben. Das ist schon so ein Ritterschlag.
Steamboat: Ich bin voll im Tunnel. Ich kann mich auch ganz schwer noch auf andere Sachen konzentrieren. Da steckt einfach so viel Herzblut drin. Seit wir 2013 zum ersten Mal zusammen auf der Bühne standen, wollten wir diese Tour machen. Und jetzt ist es soweit. Mir fällt keine Sache ein, die mir jemals so wichtig war, wie diese erste Tour.
  • Was: "TIN¥ Tour" von Endlessstory
  • Wann: Freitag, 7. Februar, 20 Uhr
  • Wo: Harmonie-Gewölbekeller
  • Eintritt: 5 Euro

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