Interview

Freiburger Galeria-Betriebsräte: "Beide Häuser schreiben schwarze Zahlen"

Anika Maldacker

Galeria Karstadt Kaufhof steckt erneut in der Krise. Daher traf sich die Belegschaft der Freiburger Filialen zur Betriebsversammlung. Im Interview sprechen die Betriebsratsvorsitzenden über die Stimmung.

Galeria Karstadt Kaufhof steckt erneut in der Krise. Am Donnerstag haben die Geschäftsführer der zwei Freiburger Filialen ihre Belegschaften in einer Betriebsversammlung zu offenen Fragen informiert. Die Betriebsratsvorsitzenden von Galeria Kaufhof, Guido Lehmann, und Karstadt, Johannes Kempter, erklären, worum es ging.

BZ: Am Donnerstag haben anlässlich des Insolvenz-Schutzschirmverfahrens Betriebsversammlungen sowohl bei Karstadt, als auch Galeria Kaufhof stattgefunden. Um welche Themen ging es?
Johannes Kempter: Vor allem darum, das Insolvenzverfahren allen zu erklären. Etwa kam die Frage auf, ob der Lohn weitergezahlt wird. Das konnten die Geschäftsführung und wir bejahen. Alle im Haus sollen auf dem gleichen Stand sein.
Guido Lehmann: Jede Insolvenz und ihre Entscheidungen laufen anders ab. Man muss viel erklären. Wieso etwa der Insolvenzverwalter dieses Mal etwa radikaler als letztes Mal vorgeht. Viele Fragen lassen sich jetzt noch nicht klären.

"Ich glaube die Wut ist in Hilflosigkeit übergegangen." Guido Lehmann
BZ: Wie war die Stimmung?
Lehmann: Ich habe mit mehr Wut gerechnet. Die Mitarbeiter verarbeiten die Nachricht aber noch. Ich glaube die Wut ist in Hilflosigkeit übergegangen. Denn nun müssen wir abwarten, welche Häuser betroffen sind. Darauf wird es vermutlich erst im Januar eine Antwort geben.
Kempter: Die Stimmung war kritisch, aber gut. Ein Schutzschirmverfahren löst keine Euphorie aus. Aber es gab keine Ausraster, sondern am Ende Applaus.

BZ: Welche Szenarien für die Freiburger Häuser hat die Leitung aufgezeigt?
Lehmann: Vier verschiedene. Das Ungünstigste: Alle Filialen schließen, Galeria wird abgewickelt. Oder: Beide Filialen bleiben bestehen. Sonst: Eine Filiale wird von einem Investor übernommen, die andere weitergeführt. Über den potentiellen Investor haben wir sachlich informiert. Das letzte Szenario: Eine Filiale schließt und der Sozialplan wird auf beide Häuser angewandt. Da haben die Jüngeren geschluckt, weil sie davon stärker betroffen sind.
Guido Lehmann (56) aus Emmendingen und Johannes Kempter (56) aus Bad Krozingen sind Betriebsratsvorsitzende bei Galeria und Karstadt. Beide arbeiten seit mehr als 30 Jahren in den Unternehmen und sind fast genauso lange im Betriebsrat.

BZ: Ist es generell nicht so, dass ältere Beschäftigte besorgter sind als jüngere?
Kempter: Nein, überall werden händeringend Leute gesucht. Die Chance auf dem Arbeitsmarkt unterzukommen, sind derzeit gut. Wir haben bei Karstadt in Freiburg zuletzt etwa 25 neue Mitarbeiter eingestellt – und es gibt noch offene Stellen. Viele Beschäftigte arbeiten gerne im Unternehmen und wollen nicht weg. Aber natürlich machen wir uns auch Sorgen. Ein Insolvenzverfahren ist emotional. Bei der letzten Runde war es so, obwohl wir nicht betroffen waren.

BZ: Das heißt es gibt offene Stellen, die weiter besetzt werden?
Kempter: Ja. Bei Karstadt haben wir derzeit knapp 180 Beschäftigte. Ziel sind aber eher 200 Mitarbeiter. Es gibt viele offene Stellen an der Kasse oder im Verkauf.
Lehmann: Bei Galeria hatten wir im Vorjahr etwa 120 Angestellte, in diesem Jahr sind es 140. Wir haben kürzlich neue Mitarbeiter eingestellt und werden weiter einstellen, aber zunächst befristet.

"Beide Häuser schreiben schwarze Zahlen. Würden sie zumachen, wäre das eine Katastrophe für Freiburg." Johannes Kempter
BZ: Welche Themen beschäftigten die Mitarbeiter denn derzeit am meisten?
Lehmann: Was kommt auf uns zu? Wie geht es weiter? Im Integrationstarifvertrag war vereinbart, dass im Falle einer erneuten Insolvenz rückwirkend ab 1. Januar 2020 der Flächentarifvertrag angewandt wird. Insolvenzverwalter oder Unternehmen sehen das anders. Das versteht keiner und führt zu Unruhe. Denn die Frage ist, ob der Konzern nicht auch ohne den Gehaltsverlust der Mitarbeiter so dastehen würde. Ich denke schon.

BZ: In welcher Freiburger Filiale überwiegen die Sorgen vor der Schließung?
Lehmann: Früher waren wir zwei unabhängige Unternehmen, die gut nebeneinander existieren können. Wieso soll das jetzt anders sein?
Kempter: Beide Häuser schreiben schwarze Zahlen. Würden sie zumachen, wäre das eine Katastrophe für Freiburg.

BZ: Was könnte die Stadt tun?
Kempter: Man muss die Stadt mit Leben erfüllen, mit Aufenthaltsmöglichkeiten.
Lehmann: Viele regen sich auch über fehlende und teure Parkmöglichkeiten in Freiburg auf. Gerade die Stadt müsste sich nun ernsthafte Sorgen machen, was geschehen würde, falls ein Haus schließt. Ich verstehe die Ruhe der Stadt nicht.

"Die Freiburger Häuser schreiben schwarze Zahlen." Johannes Kempter
BZ: Verdi fordert, dass der Gründer der Signa-Gruppe, René Benko, den Konzern mit eigenem Geld rettet. Gibt es diese Forderung auch in der Belegschaft?
Kempter: Benko hat schon etwa eine Milliarde in der Krisenzeit investiert.
Lehmann: Bisher kam er seiner Verantwortung immer nach.

BZ: Wie ist die Resonanz bei der Kundschaft seit die Insolvenz bekannt ist?
Kempter: Die Freiburger Häuser schreiben schwarze Zahlen. Es gibt bisher keine Schließliste von Filialen. Die Kundschaft kommt reichlich.
Lehmann: Das Haus ist gut besucht, ob das wegen der Insolvenz ist, oder wegen dem anlaufenden Weihnachtsgeschäft und Black Week, können wir nicht sagen. Die Leute wollen ins Kaufhaus, wollen die Ware anfassen und beraten werden. Franzosen und Schweizer kommen besonders am Wochenende zu uns, aber das hat in den vergangenen Jahren nachgelassen.

BZ: Eine Option ist, dass die Vermieter dem Konzern entgegenkommen. Wie ist das in Freiburg?
Lehmann: Das ist sicher ein Punkt. Die Verhandlungen werden zentral geführt, mehr wissen wir nicht. Unsere Miete wird in einem gesunden Verhältnis stehen, da wir schwarze Zahlen schreiben. Aber das haben nicht wir in der Hand.