Interview

Freiburger Chef-Verkehrsplaner: "Wir müssen unsere Gesamtstrategie besser erklären"

Christian Engel

Irgendein Verkehrsteilnehmer meckert immer. Wie sich das anfühlt, es allen in Freiburg möglichst recht zu machen, beschreibt Georg Herffs, Abteilungsleiter für Verkehrsplanung, im Interview.

Wie bewegen Sie sich in Freiburg?

Georg Herffs: Im Grund fahre ich in der Stadt alle Wege mit dem Rad. Nicht nur den täglichen Pendelweg zur Arbeit, auch die Freizeitwege oder die Strecke zur Grundschule, die meine beiden kleinen Kinder mittlerweile zum größten Teil selbst fahren. Privat bin ich gerne noch mit dem Mountainbike in der Umgebung unterwegs.

Sie werden bei all den Fahrten durch die Stadt auf einige Dinge gestoßen sein, die Ihnen als Radfahrer missfallen. Welche Verkehrssituation würde der Radfahrer Herffs dem Verkehrsplaner Herffs in einer angefressenen Mail schildern?

Ich bin selten nur Privatperson im Straßenverkehr, weil ich mir das Verkehrsgeschehen stets auch fachlich anschaue. Das ist schließlich meine tägliche Arbeit. Ich muss mir selber dann übrigens keinen Brief senden, um mich an Verbesserungen zu erinnern.

"Wir müssen deutlicher kommunizieren, was wir tun, was wir vorhaben, wieso wir genau das tun, was wir tun."

Welchen Verbesserungsvorschlag mussten Sie in der jüngsten Zeit nicht per Brief an sich selber senden?

Neulich bin ich mit Vertrauensleuten des Fuß- und Radentscheids die Friedhofstraße entlanggefahren und musste feststellen, in welch schlechtem Zustand die Radfahrinfrastruktur dort ist: Der Radweg auf der Ostseite ist zum Beispiel viel zu schmal. Da müssen wir unbedingt ran, aber da laufen auch bereits sehr konkrete Planungen. Ebenso beim Schlossbergring, wo die Fahrradwege erst Anfang der 90er mit viel Aufwand reingepflegt wurden. Die Radwege dort genügen nicht mehr den modernen Standards, auch dort müssen wir noch mal ran. In welchem Umfang wissen wir aktuell noch nicht. Ob es erst mal kleine Veränderungen gibt oder es zu einem Großprojekt wird, müssen wir gut planen. Aber um bei Ihrem Spiel mal mitzumachen: Wäre ich Bürger Herffs, würde ich wahrscheinlich nichts von etwaigen Planungen der Friedhofsstraße oder des Schlossbergrings wissen. Ich würde mich also aufregen über den baulich schlechten Zustand oder die schmalen Wege – und vielleicht auch eine kritische Mail an den Verkehrsplaner Herffs senden.

Heißt: Es mangelt an der Kommunikation?

Das ist definitiv ein Punkt, an dem wir deutlich besser werden müssen. Wir müssen deutlicher kommunizieren, was wir tun, was wir vorhaben, wieso wir genau das tun, was wir tun. Aus meiner Sicht brauchen wir uns da nicht zu verstecken, wir machen nämlich unglaublich viel, etwa um die Sicherheit zu verbessern und die Alternativen vom privaten Auto, den sogenannten Umweltverbund, weiter zu stärken. Wir müssen unsere Gesamtstrategie besser erklären, allen Verkehrsbeteiligten. Das merke ich auch immer an den kritischen Mails, die ich beantworte: Sobald ich unsere Strategie erkläre und darstelle, was wir wieso umsetzen möchten, reagieren die meisten Menschen sehr verständnisvoll.

"Bei uns in Deutschland hat man im Straßenverkehr eine sehr klare Einschätzung von dem, was aktuell mein Recht ist."

Ist das nicht manchmal ätzend für Sie: Genau wie es rund 82 Millionen Bundestrainer in Deutschland gibt, gibt es in Freiburg 230.000 Verkehrsplaner, die es allesamt besser wissen als Sie.

Verkehrsteilnehmer sind immer auch Betroffene, weil sie sich ja im Verkehr bewegen. Da ist klar, dass sie mitteilen möchten, was ihnen auf- oder missfällt. Das ist völlig in Ordnung, und es ist auch wichtig, Hinweise zu bekommen, schließlich geht es in vielen Fällen um die Sicherheit verschiedener Verkehrsteilnehmer. Was ich unbefriedigend finde, wenn Menschen nicht erkennen, dass es für einen Stadtplaner immer eine Abwägungssache ist. In einer Stadt sind die Nutzungsansprüche hoch, die Flächen eng – dennoch müssen wir immer alle Verkehrsteilnehmer im Blick behalten: Radfahrer, Fußgänger, ÖPNV-Nutzer, Führer von Kraftfahrzeugen. Heißt: 100 Prozent recht machen kann man es nie allen. Was wir brauchen, ist mehr Verständnis für Kompromisse – und mehr Rücksichtnahme für die anderen Verkehrsteilnehmer. Das haben uns andere Länder voraus.
Zur Person: Georg Herffs, 52 Jahre, ist seit 13 Jahren Abteilungsleiter der städtischen Verkehrsplanung.

Was und wen meinen Sie?

Bei uns in Deutschland hat man im Straßenverkehr eine sehr klare Einschätzung von dem, was aktuell mein Recht ist. Dies wird dann auch eingefordert. Wenn jemandem ein Fehler oder eine Unachtsamkeit passiert, wird das nicht einfach hingenommen: auch wenn dabei niemand direkt gefährdet wird. Da wird gedroht, da wird geschimpft. In anderen Ländern ist die Mentalität anders, da ist man verzeihender mit dem Fehlverhalten anderer.

"Manchmal gefährden sich Leute eher, obwohl sie glauben, im sicheren Rahmen unterwegs zu sein. "

Nur: Fehlverhalten im Straßenverkehr endet eben schnell mal in einem bösen Unfall.

Das ist ja das Schlimme, aber Fehler kommen leider immer vor, daher muss ich als Verkehrsteilnehmer auch dieses in meine eigene Fahrweise einplanen. Beispielsweise wird hier in Freiburg mit dem Rad häufig sehr schnell gefahren, die Geschwindigkeit wird von der körperlichen Fitness bestimmt, oftmals dann leider nicht, wie es der Situation angemessen wäre. Da sind die Radfahrer in Holland oder in den skandinavischen Ländern entspannter unterwegs. Ebenfalls muss man als Radfahrerin oder Radfahrer aber auch vorausschauend fahren, mit Fehlverhalten anderer rechnen, mit plötzlich querenden Fußgängern, auf die Fahrbahn springenden Hunden. Von Autofahrern erwarte ich diese vorausschauenden Fahrweisen natürlich auch.

Frustriert Sie das? Schließlich ist es schwer, dieses Verhalten als Verkehrsplaner zu ändern.

Mit Infrastruktur allein kriegt man das nicht hin. Wir müssen auch mehr in die Köpfe der Leute kommen, sie auf Verhaltensänderungen und ein anderes Risikobewusstsein hinweisen. Häufig ist es ja auch ein Fehlverhalten aus Unwissenheit: Eltern denken manchmal, sicherer sei es, mit den Kids aufm Gehweg zu fahren. Allerdings keinesfalls, wenn sie auf der falschen Seite fahren und ein Auto aus der Nebenstraße kommt! Manchmal gefährden sich Leute eher, obwohl sie glauben, im sicheren Rahmen unterwegs zu sein.